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Gros, Siegmund, Kaller: Was trennt uns noch – 35 Jahre nach der Einheit?

Dieses Transkript wurde automatisiert erstellt und kann daher Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten. Eine überarbeitete und geprüfte Fassung stellen wir in Kürze zur Verfügung.

Moritz Glenk: So? Guten Abend, meine Damen und Herren. Schön, dass Sie kurz vor Weihnachten noch den Weg hierher gefunden haben. Es ist vielleicht nicht die beliebteste Zeit, um heute noch kurz acht Tage vor Weihnachten über politische Bildung, über Politik und über 35 Jahre deutsche Einheit zu diskutieren. Aber schön, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben. Ich freue mich darauf, heute mit Ihnen und mit unseren Podiumsgästen über 35 Jahre Einheit am Ende dieses Jubiläumsjahr noch mal ins Gespräch zu kommen darüber. Wie steht es eigentlich um die Einheit 35 Jahre danach? Wie steht es um unsere Demokratie? Wie steht es um die Wiedervereinigung? Wie viel Einheit ist eigentlich vorhanden, Aber wie viel? Auch an Unterschieden gibt es noch, die vielleicht aufgearbeitet werden müssen? Aber auch ein Blick zurück. Wie haben wir das eigentlich wahrgenommen in unterschiedlichen Perspektiven. Mein Name ist Moritz Glenk. Ich bin Fachteam, leider für Gesellschaft und Kultur am Bildungszentrum seit Juli dieses Jahres. War davor tatsächlich bei der Sächsischen Staatskanzlei in Dresden tätig und hatte da zunächst mal für zwei Jahre das Vergnügen, auch so ein bisschen, ja ein bisschen in die sächsische Seele gucken zu dürfen, ohne dass ich mich jetzt als Experten beschreiben würde. Aber es war zumindest ein vielleicht ein hilfreicher Einblick für den heutigen Abend. Bedanken möchte ich mich bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur, die es ermöglicht hat, diese Veranstaltung heute kostenfrei anzubieten und da eine ganz tolle Bildungsarbeit auch rund um dieses Thema anbietet und betreibt und das sehr hinterher ist, dass bestimmte Themen eben nicht in Vergessenheit geraten. Ich würde jetzt unsere Podiumsgäste vorstellen. Links neben mir Aline Gross, wissenschaftlich pädagogische Mitarbeiterin der Alpha Point Stiftung, Geboren noch in der ehemaligen DDR, hat sich viel mit dieser Umbruch und Transformationszeit auseinandergesetzt und macht das auch immer noch beruflich und wird uns sicherlich gleich noch ein bisschen näher erläutern, was die Point Alpha Stiftung genauer macht. Rechts neben mir Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, wo er persönlicher Referent der Direktorin ist, Experte für politische Einstellung, Partizipation und politische Kultur im Ost West Vergleich. Auch aufgewachsen in der ehemaligen DDR, hat er auch eine Arbeit geschrieben mit dem Titel Opfer ohne Lobby, Ziele, Strukturen und Arbeitsweise der Verbände, der Opfer, der des DDR Unrechts. Vielleicht kommen wir auch darauf, später noch mal ein bisschen zu sprechen. Ich freue mich auch sehr, dass wir mit Margalla hier auch eine Nürnberger Persönlichkeit sitzen haben, einen Nürnberger Unternehmer, einen ambitionierten Läufer, einen engagierten Nürnberger Bürger und auch den ersten Vorsitzenden des Vereins Nürnberger Freundeskreis Deutsche Einheit e.V.. Er wird uns sicherlich gleich auch noch ein bisschen was zum Verein erzählen können. Vielleicht wollen wir mit Frau Groß zum Einstieg noch mal anfangen, um da auch gleich sie ins Bild zu setzen. Vielleicht können Sie uns ein bisschen was über die Arbeit der Point Alpha Stiftung erzählen. Ich habe auf der Webseite gelesen es ist der heißeste Punkt im Kalten Krieg gewesen. Kann man das so bezeichnen? Und was hat es damit auf sich? #00:03:49-5#

Aline Gros : Also wir. Also unserer Bildungsarbeit nützt ist, dass das sozusagen mal gesagt wurde, dass es der heißeste Punkt des Kalten Krieges gewesen sei. Das hat mit der militärstrategischen Bedeutung dieses Ortes was zu tun. Das war ein US Beobachtungscamp an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, also an der hessisch thüringischen Grenze. Auf der hessischen Seite stand dieses Camp und steht es noch. Es ist das einzige Camp der Amerikaner an der hessischen Grenze, was noch so erhalten ist, dass man das wirklich besichtigen kann. Diesen, diesen Stützpunkt, das war auch der wichtigste Stützpunkt der Amerikaner an der innerdeutschen Grenze. Deswegen auch Point Alpha. Es gab noch mehr. Ob heißt es war ein Observation Post. Also nur beobachten, keine militärischen Operationen anfangen, sondern beobachten, was ist jenseits der Grenze sozusagen. Das ist der Kern unseres Museums. Das heißt, wir arbeiten die militär strategische Bedeutung auf. Das Wichtige ist das sogenannte Fulda Gap. Also Fulda ist die nächstgelegene Stadt. Dort war auch eine große Einheit der Amerikaner stationiert. Und wenn es losgegangen wäre im dritten, wenn der Dritte Weltkrieg losgegangen wäre, wenn es zu militärischen Handlungen gekommen wäre, dann hätte es sehr wahrscheinlich. Also nach unserer Quellenlage sieht es so aus, dass es Angriffspläne gegeben hat vonseiten der Warschauer Vertragsunion, sozusagen durch dieses Fulda Gap hindurch in Richtung Fulda, in Richtung Frankfurt bis zur Atlantikküste vorzustoßen. Und die Amerikaner haben sozusagen, um diese ganze Feindtätigkeit zu beobachten, an der innerdeutschen Grenze diese Beobachtungsposten gehabt, um dann in der Meldekette sozusagen Rückwärtstruppen zu organisieren, um eine Verteidigungslinie aufzubauen. Das ist der Kern unseres Museums. Gleichzeitig dokumentieren wir aber auch die ehemalige innerdeutsche Grenze. Wenn man über die Grenze nachdenkt, dann denkt man häufig an die Berliner Mauer, die 61 gebaut wurde. Tatsächlich kommen die Grenzanlagen aber schon 1952 an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zustande. Die Mauer kommt ja dann in Berlin erst später. Unser Museum ist relativ weitläufig. Wir haben auch die ehemaligen Beobachtungstürme, die man sich angucken kann und auch ein Kunstprojekt, was da mittlerweile im ehemaligen Todesstreifen steht von einem Künstler namens Dr. Ulrich Warnecke. Der ist in Weimar geboren, 1984 in die DDR aus der DDR ausgebürgert worden und er erinnert sozusagen mit seinem Kunstprojekt an seinen Lebensweg. Es ist eine sehr, sehr vielgestaltigen Gedenkstätte, und wir als Point Alpha Stiftung kümmern uns da um die Bildungsarbeit. #00:06:33-0#

Moritz Glenk: Ja, danke erstmal für den Einblick. Herr Siegmund, wie ist es denn bei der Akademie für politische Bildung in Tutzing? Wir haben jetzt dieses Mal wieder so ein Jahr 35 Jahre deutsche Einheit ist jetzt aber auch nicht. Es gab auch 30 Jahre, es gab auch 25 Jahre. Wie gefragt war das Thema an der Akademie in Tutzing? Und gibt es da immer so ein Auf und Ab mit den Jahreszahlen, wo es dann wieder ganz groß hochkommt? Aber dann kann man sagen, nächstes Jahr interessiert sich keiner für das Thema. #00:07:03-0#

Jörg Siegmund : Nein, so würde ich das nicht sagen, weil wir versuchen, über die Jahre hinweg eigentlich eine breite Themenpalette anzusprechen und in unseren Veranstaltungen abzubilden und nicht so in diese Konjunkturen der historischen Ereignisse und der Jahrestage zu geraten. Das heißt konkret, dass wir im letzten Jahr vielleicht so, dass es jetzt eine Schätzung von mir vielleicht vier, fünf Veranstaltungen zu diesem Thema angeboten haben für unterschiedliche Zielgruppen. Ob das viel oder wenig ist, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Wir sind als Akademie für politische Bildung thematisch sehr breit aufgestellt. Wir haben zehn wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unterschiedliche Themenbereiche bearbeiten. Und das führt dann dazu, dass nicht jedes Thema in dem Umfang und in der Tiefe behandelt werden kann. Über das ganze Jahr. Wie man sich das selbst vielleicht wünschen würde für ein Thema, aber immerhin. Wie gesagt, wir haben gerade auch im Bereich der LehrkräfteFortbildung ist das ein sehr gefragtes Thema für Lehrkräfte, für Lehrkräfte im Fach Politik und Gesellschaft. Also wir beschäftigen uns damit, auch wenn ich persönlich sagen würde, es könnte manchmal noch ein bisschen mehr sein. #00:08:08-1#

Moritz Glenk: Herr Galler, Sie beschäftigen sich ja auch sehr ausführlich und dauerhaft mit dem Thema, mit dem Nürnberger Verein Freundeskreis Deutsche Einheit. Wie kam es dazu, dass Sie den Verein das war ja im Jahr 2017, also Sie haben keine 35 Jahre, sondern achtjähriges Jubiläum gefeiert. Wie kam es dazu, dass 2017 in Nürnberg so ein Verein gegründet wurde? Ich habe im Vorfeld hier noch mit jemandem darüber gesprochen. Vielleicht hat das Thema auch in Nürnberg nicht immer so diese Relevanz. Vielleicht ist man im Frankenland da so ein bisschen fernab von diesen Einheitsthemen. Aber wie kam es denn, dass ausgerechnet in Nürnberg so ein Verein gegründet wurde? #00:08:52-5#

Mark Kaller : Ganz banal, weil ich den Gründer beim Berlin Marathon getroffen habe. Und er hatte immer eine bayerische Fahne dabei und ist mit der durchs Brandenburger Tor gelaufen. Und dann habe ich ihn irgendwann angesprochen und habe gesagt Ich kenne dich aus Nürnberg. Ja, er ist nicht aus Dresden, aber er war DDR Bürger. Im Gefängnis gesessen, ist Zeitzeuge, hat also für die Stiftung auch gearbeitet. Hohenschönhausen Und übers Laufen kamen wir dann dazu, dass ich ihm gesagt habe na ja, mach halt einen Verein. Und dieser Herr Quester. Also Lutz Quester, so heißt er, der hat diesen Verein dann 2017 gegründet und ich war erst mal sein Pressemann und habe mich ein bisschen um die Werbung gekümmert. Weil das ist auch so mein Beritt. Ich habe auch ein Büro in Berlin und habe mich halt erinnert an die Zeit, als ich noch studiert habe an der Freien Universität Berlin. Und ich bin also immer zwischen meinem eigentlichen Hauptwohnsitz Bayern und Berlin gependelt. Ich hatte in den 80er Jahren relativ viel Kontakt mit der damaligen DDR und bin also in Berlin West. Auch habe ich sozusagen eine wilde Zeit erlebt. Das war noch ein bisschen anders damals. Und wie gesagt, 2017 haben wir dann diesen Verein gegründet, mit vier, fünf anderen, darunter einige auch Zeitzeugen. Auch Mithäftlinge von Lutz Quester. Und er hat natürlich viel in Schulen gearbeitet, politische Bildung gemacht und ich habe sozusagen Webseite gebaut und all diese Themen. Lutz Quest ist leider verstorben, letztes Jahr an Krebs und ich war dann, das wussten wir natürlich, es war schon absehbar und ich bin dann der zweite Vorsitzende geworden und jetzt bin ich der erste Vorsitzende und ich führe jetzt seine Arbeit praktisch fort und sammeln in unserem Verein. Wir sind etwa 50 Mitglieder, auch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Das sind sehr junge Menschen, teilweise dabei, die auch politisch interessiert sind. Es sind auch Politiker dabei. Ich will es gar nicht verhehlen Es sind alle möglichen Menschen dabei, die sich das auch zur Aufgabe gemacht haben, da hier in Nürnberg auch für etwas zu sorgen. Und nach langem langen Ringen haben wir seit zwei Jahren jetzt auch so eine Art Vereinsheim. Wir dürfen hier einen Turm der Stadtmauer mit bespielen. Das heißt, wir haben da einen Raum, wo wir auch Veranstaltungen machen, sogenannte Turmgespräche. Da laden wir dann eben Persönlichkeiten ein, über verschiedene Stiftungen und und andere Unterstützer, die dann entweder von ihrer DDR Zeit erzählen oder überhaupt zu dem Thema Stellung nehmen. Das ist der Hintergrund. #00:11:17-9#

Moritz Glenk: Wenn Sie mal zurückdenken an die Jahre 89 90, da waren Sie in Nürnberg. #00:11:27-0#

Mark Kaller : Ich habe eine ganz gute Geschichte für Sie mitgebracht. Ich habe monatelang darüber nachgedacht, was ich hier erzähle. Und meine Geschichte ist folgende. Ich war Mitte. Ich bin Jahrgang 65 und ich war Anfang meiner 20er Jahre Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks. Damit habe ich mein Studium verdient. Und ich musste aber noch andere Dinge machen, weil so gut haben die gar nicht bezahlt. Also als freier Mitarbeiter. Und ich habe Züge gezählt. Und die schlimmste Strecke war für uns Nürnberg Hof. Also zählen heißt wir haben die die Reisenden gezählt, sie befragt, warum sie da fahren und der Zug nach Hof war deshalb die Hölle, sag ich jetzt mal so man bekam nur die Zeit bezahlt, die man gezählt hat. Und nach Hof hat es zwei Stunden gedauert und dann musste man fünf Stunden warten, wenn man mit dem letzten Zug ankam. Der nächste fuhr erst um 5:00 früh und dann saß man an dem wirklich, wirklich schnuckeligen Bahnhof in Hof. Und da sitze ich da. So, und dann schaue ich so aus dem Fenster und denke mir Was ist denn hier los? Dann fuhr ein CNN Fahrzeug vor BBC. Also die ganze Weltpresse fuhr vor. Was war passiert? In Prag wurden die damals 3000 DDR Bürger freigelassen oder bzw durften in diese fünf Züge steigen und das war ja ein interessantes Thema. Habe mich sehr damit beschäftigt. Die fuhren dann über Dresden interessanterweise oder halt über DDR Gebiet. Da waren die Leute richtig nervös nach Hof. So ich als damals junge, aufstrebende Reporter des Bayerischen Rundfunks dachte mir jetzt beginnt meine Weltkarriere. Hätte ich Kleingeld gehabt. Damals gab es noch keine Handys, also keine Telefone. Und ich dachte mir Was mache ich jetzt? Aber ich war dann zu müde, bin nach Hause gefahren. Also meine Geschichte ist die, dass ich immer irgendwie so knapp daneben ist, auch vorbei, die die deutsche Einheit erlebt habe. Also da war ich sozusagen kurz davor, im Zyklon der Weltpresse zu sein. Meine Kollegin hat gemeint, sie hat um 9:00 sie dann endlich hingekommen aus Nürnberg und hat noch ein paar Töne geholt. Und so ging es mir die ganze Zeit. Ich habe den Mauerfall, da haben wir Fußball geschaut. Sind wir ins Bett? Völlig verpennt. War ein Europapokalabend übrigens. Also nur mal so und auch sonst war das irgendwie erst mal sehr abstrakt für mich. Also dachte ich mir jetzt muss es halt nicht mehr anhalten, da in Drewitz, wo man halt immer kontrolliert wurde. Aber viel war es noch nicht am Anfang. Man hat erst mal so sein Studentenleben weitergelebt, hier in Berlin und in Nürnberg. Na ja. #00:13:55-7#

Moritz Glenk: Frau Groß, wie war das bei Ihnen? Also ich, Ich. Bei mir war es so ich war knapp, schon auf der Welt, aber zu jung, um um wirklich das mitzubekommen. Aber das ist ja so ein Tag, der Tag des Mauerfalls für mich zum Beispiel. Oder wenn man Leute fragt Wo waren Sie am 11. September 2001? Das könnte ich jetzt auch auch sagen, erinnere ich mich noch. Aber so ein Tag wie der Mauerfall, der ist, denke ich, dann wahrscheinlich bei den meisten auch sehr in die Erinnerung eingebrannt. Haben Sie da eine ganz konkrete spezifische Erinnerung oder hat sie das eher so völlig überraschend nebenbei erwischt? Wie war das? #00:14:35-1#

Aline Gros : Ich muss vielleicht erst mal dazu sagen. Ich bin Mitte der 70er in Thüringen geboren, in Südthüringen. Ich war mittendrin. Eine Jugendliche zu werden, bin wirklich in der DDR groß geworden. Und ich habe ja ein paar Sachen mitgebracht. Ich war Kind dieses Systems, muss man einfach so sagen. Meine Eltern waren keine Oppositionellen, wir hatten keine Kontakte zur Kirche, sondern ganz im Gegenteil, ich bin voll in dieses System reingewachsen und in meinem jugendlichen Idealismus. Also verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, aber ich muss echt sagen, ich war eine kleine Kommunistin. Ich habe das geglaubt. Ich habe an diese Ideale geglaubt. An Solidarität mit anderen Völkern, an diese ganzen schönen Überschriften des Kommunismus. Ich bin zum Beispiel auch Absolventinnen der Pionierrepublik Wilhelm Pieck. Das war eine Kaderschmiede für die Allerjüngsten. Heute würde ich sagen die volle Rotlichtbestrahlung, sechs Wochen lang. Und die Zeit, wo ich da war, war 1989. Und wir alle verbinden mit 1989 was ganz anderes. Aber ich verbinde dazu erst mal diese unglaubliche sechs Wochen in der Pionierrepublik Wilhelm Pieck. Und ich war in meiner Pioniergruppe bis zum Sommer 1989 noch eine Delegierte in Südthüringen, um in den anderen Pioniergruppen zu sprechen von der Pionierrepublik. Und wie toll es doch ist, wenn wir als Kinder und Jugendliche in diesem System mitarbeiten, um das Land zu entwickeln. Das war so, so war ich einfach drauf und ich habe das nicht gemacht, um meiner Pionierleiterin zu gefallen oder um irgendwie was zu erreichen, sondern ich muss wirklich sagen, ich habe daran geglaubt. Das ganze Weltbild wurde dann im Sommer 1989 wirklich total erschüttert und da kann ich jetzt an diese Sache mit den Zügen wirklich anknüpfen. Und zwar war das so, dass ich über die Medien erst mal dieses Weltbild ins Schwanken geriet. Und zwar war das so, dass das DDR Fernsehen die Aktuelle Kamera über die Leute, die sich in die Botschaften flüchteten, in Budapest zuerst und dann auch in Prag völlig unterschiedlich, berichtete von dem, was in der Tagesschau war. In der Aktuellen Kamera kam immer Das sind Schädlinge. Die Eltern muss man verurteilen, was die ihren Kindern antun. Die, die da mitnehmen, das sind Verbrecher. Und ich weiß noch, ich habe vor dem Fernseher gesessen und mir die Bilder angeguckt Und die Menschen, die da waren in der Prager Botschaft, die sahen so aus wie meine Eltern. Die Kinder sahen so aus wie ich, Das konnten keine Verbrecher sein, das war schon meine Erschütterung. Und dann auf der anderen Seite, gerade dann, als die Züge in die Bundesrepublik kamen, das sah man ja dann auch, wie die Bundesbürger zum Beispiel kamen und haben die Leute, die da ausgereist sind, total freundlich in Empfang genommen. Und mein Weltbild war ja vorher da drüben, das ist der feindlich westliche Kapitalismus, Die Leute sind deine Feinde. Ich hatte in der Pionierrepublik, in meinem, in meiner Ausbildung gelernt, mit einem Schlag Ballwurf. Das ist eine Handgranate. Und auf wen schleuderst du die? Auf die feindlichen Imperialisten. Wer sind die? Die Amerikaner und die da drüben in der Bundesrepublik? Und dann siehst du im Fernsehen die Menschen auf der anderen Seite. Das sind total freundliche Leute. Das erschüttert mein Weltbild total. Und der Mauerfall 89 war dann so, Da war ich bei meiner Oma, ich habe es im Fernsehen gesehen und dann passierte in meiner Familie was total Unterschiedliches. Also meine Mama war also man muss sagen, es ist eine sehr experimentelle Frau. Für die war diese dieser Mauerfall, diese Grenzöffnung was ganz Neues. Die hat noch mal ganz neu durchgestartet und das von Anfang an! Sie hat sofort gesagt Komm, wir probieren das jetzt auch, was die da in Berlin machen. Wir setzen uns in den Trabi und wir fahren jetzt mal irgendwie versuchen, über Bayern über die Grenzübergänge zu kommen und nicht gleich am 9. November hat es geklappt, aber in den Folgetagen. Und sie ist wirklich so, diese euphorische Frau. Meinem Vater war es nicht so, der war erst Januar 1990 das erste Mal in der Bundesrepublik. Für den war das so! Der hatte Angst. Er hat gedacht, das werden die Sowjets nicht zulassen. Die Mauer wird wieder geschlossen, die Grenzen werden geschlossen. Und ihr könnt vergessen, dass es jemals eine Wiedervereinigung gibt. Das wird alles irgendwann blutig zusammengeschlagen. Das war wirklich sein Sein Glaube. 89. Also insofern würde ich sagen, für mich persönlich, als Heranwachsende, war die Welt plötzlich neu zusammenbrechen, rätselhaft und faszinierend. Es war alles. #00:18:59-2#

Moritz Glenk: Wie ist da Ihre Erinnerung an den Tag des Mauerfalls? #00:19:05-0#

Jörg Siegmund : Also ich bin unwesentlich älter, glaube ich als Frau Groß und habe das ganz anders erlebt oder wahrgenommen, nämlich als eine unglaubliche Befreiung. Und als ein unglaubliches Gefühl der Freiheit. Und das Jahr oder die Monate zwischen dem Mauerfall und dem Sommer 1990, würde ich sagen, waren in meinem Leben zumindest die freiesten, die es gab. Bei plötzlich alle Regeln in Frage gestellt wurden, alle Regeln neu verhandelt werden müssen. Und ich war damals in der Schule in der zehnten Klasse. Und plötzlich galt eben nichts mehr. Keine Schulordnung galt mehr. Die Lehrer hatten ihre Autorität verloren. Es war tatsächlich ein großes Gefühl der Freiheit, was damit verbunden ist. Und ich hatte das Glück Ich war in Erfurt auf einer Schule, auf der auch Spanisch unterrichtet wurde. Das gab es in der DDR sehr selten. Fünf, sechs Schulen in der ganzen DDR. Und deswegen hatte ich dann relativ zeitig im Frühjahr 1990 ein Angebot von einem großen Schüleraustausch vor allem bekommen, für ein Jahr in den Schüleraustausch zu gehen. Das habe ich gemacht und bin 1990 noch im August, also vor Herstellung der staatlichen Einheit, für ein Jahr nach Chile gegangen. Also für mich ist es tatsächlich so diese Erinnerung an dieses Jahr mit einem unglaublichen Freiheitsgefühl verbunden. #00:20:15-1#

Moritz Glenk: Wie war das für Sie? Ich hatte das das mit Chile auch gelesen und die Spannung. Spannend ist ja daran schon auch für Chile war 1990 ein großes Umbruch. Ja, Sie sind von einem Land im Umbruch in ein anderes Land im Umbruch gegangen, wo Chile ja auch 1990 die Rückkehr in die Demokratie gefeiert hat oder für einen Teil der Bevölkerung zumindest gefeiert hat, wurde ja nicht nur mit Begeisterung aufgenommen. Haben Sie da manchmal so Vergleiche gezogen? Und wie sich diese zwei Systeme so aus einer Diktatur heraus in die Freiheit entwickelt haben? #00:20:53-6#

Jörg Siegmund : Beide Übergänge oder beide Transitionen waren ja sehr unterschiedlich. Das schon. Aber das hat dazu geführt, dass auch in Chile die Vorgänge in Deutschland sehr intensiv wahrgenommen wurden. Wurde also viel darüber berichtet? Es gab dann auch am 3. Oktober 1990. Ich habe in einer kleinen Stadt in der Grenzstadt zu Peru gewohnt. Also wirklich nichts, was man eigentlich kennen muss. Und selbst da fand dann eine Einheitsfeier statt. Relativ groß begangen also das wurde damals sehr wahrgenommen, auch wenn, wie gesagt, die, die, die oder die Transitionsprozesse Transformationsprozesse durchaus sehr anders waren. Ja. #00:21:25-4#

Moritz Glenk: Herr Kalla, wie war das? Also wir sprechen ja viel darüber, oder? Wir haben jetzt schon so ein bisschen einen ersten Eindruck auch bekommen. Was war eigentlich in Ostdeutschland wahrnehmbar? Und da fehlen natürlich noch viele, viele weitere Perspektiven. Noch mal mit Blick aber auch zurück auf Westdeutschland, aber auch auf Nürnberg. Wie würden Sie sagen, wie, wie war diese Zeit der Veränderung eigentlich eigentlich hier wahrnehmbar mit einer auch in der Euphorie in der fränkischen Stadtgesellschaft? Oder haben die Nürnberger das eher mit einer fränkischen Zurückhaltung und Gelassenheit hingenommen und gesagt Jetzt schauen wir mal, was da drüben passiert? #00:22:07-5#

Mark Kaller : Also ich kann das natürlich jetzt bestätigen, was Sie erzählt haben, dass die. Also das Zugzählen wurde übrigens eingestellt. Die Züge waren deutlich voller danach. Es hatte so indische Verhältnisse und viele DDR Bürger. Ich fand es ein bisschen schräg, dass man DDR Trabis Bananen ans Auto geklemmt hat. Das war skurril. Die durften dann alle am jetzigen Kongresshalle Volksfest Platz parken und durften auf den auf den Christkindlesmarkt kommen. DDR Bürger das war auch für uns Nürnberger schon. Wir sind ja viel gewohnt hier. Wir hatten vorhin schon darüber gesprochen, aber das war schon außergewöhnlich, dass da auf einmal sozusagen eine neue Touristengruppe sich sozusagen manifestiert hat. DDR Bürger mit verwaschenen Jeans. Man hat sie immer gleich erkannt und an ihrem Dialekt natürlich auch. Und ich könnte jetzt sagen ich als Wagnerianer. Nein, Spaß. Also ganz andere Geschichte. Also Sächsisch ist natürlich schon ein sehr ungewohntes Idiom, Wenn man also nicht so viel mit der DDR zu tun hatte. Aber es war eine große Herzlichkeit und ein großer Aufbruch. Ja, und ich will gleich weitermachen, weil für mich war viel wichtiger Ich habe dann geheiratet 1990 und wir sind Fußballweltmeister geworden. Und als Beckenbauer gesagt hat, dass wir jetzt für Jahrzehnte unschlagbar sind. Wenn die DDR Sportler oder die DDR Fußballer kommen, dachte ich mir Eine gute Sache ist eine gute Sache. Also da war wirklich. Nein, es war. Also ich meine, ich war Mitte 20 und es war natürlich so, da geht jetzt was. Also genau ähnlich wie bei Ihnen, aber nur aus der Westperspektive. Da haben wir jetzt was. Wir waren ja noch völlig illusionär. Wir dachten, wir kriegen ja die Nummer zehn dazu. Sie verstehen also von der Wirtschaftsleistung. Dass da ein bisschen getrickst wurde, hat man auch erst später erfahren. Aber wir dachten ja, und Kohl hat sich hingestellt und blühende Landschaften versprochen. Also da war ein großer Aufbruch, und es ging ja auch zwei Jahre richtig nach vorne. Und viele meiner Kommilitonen, die ein bisschen BWL studiert haben, sind darüber Geschäfte gemacht, haben Gebrauchtwagen an die DDR Bürger, also schlimme Sachen auch, also skurrile Sachen. Aber nach zwei, drei Jahren war die Party dann aber auch vorbei und wir hatten ja eine formidable Wirtschaftskrise. Das weiß ich, weil ich mein erstes Unternehmen gegründet hatte und gleich mal in eine Schieflage geriet, oder? Bzw. Ich habe ein Kunstmagazin herausgegeben und da waren dann auf einmal keine Anzeigen mehr. Also diese Euphorie hielt im Westen zumindest für mich oder aus unseren Augen zwei Jahre und dann wurde es kompliziert. #00:24:33-9#

Moritz Glenk: So Frau Groß. Wir hatten ja vor der Veranstaltung noch mal kurz darüber gesprochen, dass so unglaublich viel passiert ist 89 und 90, dass so eine intensive und ereignisreiche Zeit war alles doch sehr schnell ging. Gerade mit Blick auf, wie es dann eben 1990 auch gelaufen ist, Ging es da an der einen oder anderen Stelle vielleicht zu schnell? War man da zu sehr in der in der Euphorie unterwegs? Hätte es auch eine andere Möglichkeit gegeben? Oder war das vielleicht auch einfach diese historische Chance? Sie hatten jetzt auch mal gesagt, Ihr Vater hat ja gesagt, das würde die Sowjetunion nicht zulassen. Ich glaube, man muss ja auch in dem Ganzen sehen das war ja keine keine Entscheidung, die die deutschen Staaten ganz alleine treffen konnten, sondern wo vielleicht auch eine gewisse Chance war. In diesen zwei plus vier Verhandlungen. Aber war da trotzdem manches im Detail vielleicht nicht richtig oder hätte anders laufen müssen? Gerade wenn wir uns auch heute eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Ablauf der Ereignisse anschauen. #00:25:43-0#

Aline Gros : Also ich muss es, glaube ich, von zwei Ebenen erzählen, glaube ich. Von dem jungen Mädchen, was das damals miterlebt hat und wo viele Dinge einfach rätselhaft waren und vielleicht von heute, was ich von heute für ein Verständnis darüber entwickelt habe. Aus der damaligen Perspektive muss ich sagen ich habe mittendrin gesteckt in der schulischen Ausbildung und plötzlich waren ganz viele Dinge einfach nicht mehr richtig und sie mussten sich ändern. Sie mussten sich auch ändern. Das verstehe ich heute. Aber wie stark das so war, das kam von einem Schlag auf den anderen. Also Thüringen hat sein Schulsystem nicht behalten, sondern Thüringen hat dann das bayerische Schulsystem übernommen. Und das kannten wir im Osten ja so nicht. Bei uns gab es eine Einheitsschule und meine Gruppe in Südthüringen in einem Dorf. Wir blieben von der Kinderkrippe. Ich bin mit einem halben Jahr in die Kinderkrippe gekommen und viele meiner Altersgenossen eben auch. Weil die Mütter arbeiteten. Und seit da waren wir zusammen. Also bis in die achte Klasse. Also das war dann auch eine eingeschworene Gemeinschaft. Und dann kommt das bayerische System, was uns völlig fremd ist mit einer Einteilung auf Haupt, Realschule und und Gymnasium. Und das erste, was ich dann nicht verstanden habe warum soll ich denn jetzt meine Freunde eigentlich verlieren? Warum gehören wir jetzt nicht mehr zusammen? Warum machen wir nicht gemeinsam den Schulabschluss? Ich habe mich entschieden, aufs Gymnasium zu gehen. Ich habe das leistungsmäßig auch geschafft. Kein Problem. Aber es änderte sich wirklich alles. Zum Beispiel? Wir hatten im Osten so ein Fach wie Einführung in die sozialistische Produktion. Da hast du gelernt, alles mögliche, was über Planwirtschaft angeblich so toll ist. Diesen Hefte habe ich weggelegt und das neue neue Fach. Was kam, hieß Wirtschaft und Recht Und die erste Überschrift, die ich oben drüber geschrieben habe. Die Vorzüge der sozialen Marktwirtschaft. Und dann haben wir da alles Mögliche aufgeschrieben und auswendig gelernt. Und ich habe gemerkt, der Lehrer, der da vorne steht, der hat das selber nicht begriffen. Das heißt, wir haben irgendwie gemeinsam irgendwie gelernt und alle nichts. Nicht so richtig was begriffen. Zumal das, was davor war, auch nicht irgendwie aufgearbeitet wurde. Wir waren dann so schnell in diesem neuen System drin und diese Wirtschaftskrise kam im Osten ja viel schlimmer. Das brach ja dann gleich 1990 schon wirklich aus. Und unsere Lehrer haben wirklich den Teufel getan, um uns irgendwie Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die standen dann da vorne und sagten Also ich habe mein Abitur, Was aus euch wird, das weiß keiner. Wahrscheinlich werdet ihr alle arbeitslos, egal was ihr macht. Und das ist so eine Hoffnungslosigkeit, die dir da vermittelt wird, dass du eigentlich denkst Haben wir nicht gerade noch eine Freiheits und Einheitsparty gefeiert? Was ist denn jetzt eigentlich das Tolle an dem Neuen? Wenn alles immer nur zusammenbricht? Also das war so eine, so eine, so eine, so eine ganz starke Erfahrung. Immerzu ist die ganze Welt irgendwie neu und sie ist nicht unbedingt erst mal besser als das, was vorher war. #00:28:37-2#

Jörg Siegmund : Wenn ich da noch mal anknüpfen darf. Frau Groß hat ja geschildert, jetzt aus ihrer damaligen Sicht, wie sich alles verändert hat. Und das ist, finde ich, ein ganz zentraler Punkt, der von vielen, die nicht dabei waren, auch glaube ich nur schwer nachvollzogen werden kann, dass mit dem Zusammenbruch der DDR. Egal wie man zu dem Land gestanden hat, sich im Grunde alles geändert hat, alle Lebensbereiche haben sich geändert. Das betraf die schulische Bildung. Es betraf das Berufsleben, Qualifikationen, die Menschen über Jahre erworben hatten, waren plötzlich nichts mehr wert. Im Banken, im Versicherungsbereich hat sich alles geändert. Also Wissen. Auch was man akkumuliert hat, war plötzlich eigentlich wertlos, weil weil es keine, keinen, keinen realen Bezug mehr hatte. Und das betraf eben diese Transformation, die wie gesagt alle Lebensbereiche erfasst hat, alle Menschen zur gleichen Zeit erfasst hat. Und Arbeitslosigkeit ist natürlich ein Phänomen, was auch in den in der früheren Bundesrepublik ja durchaus bekannt war und es auch gegeben hat, aber in der Heftigkeit, wie das die Gesellschaft durcheinander gerüttelt hat. Und ohne das Vertrauen in die Errungenschaften des Sozialstaates, dass ich weiß ja, selbst wenn ich arbeitslos werde, ich falle ja nicht ins Bodenlose. Ich habe eine Unterstützung. So, das war, das war ja nicht garantiert, dass das auch dann greift. Also da war wirklich eine massive Verunsicherung da. Und ich glaube, die Auswirkung davon spüren wir zum Teil auch heute noch. #00:30:06-9#

Moritz Glenk: Trotzdem mit dem Blick vielleicht zurück. Hätte es denn eigentlich historische Alternativen gegeben zu der Art und Weise des Einigungsprozess? Also ich habe aber auch oft so in den letzten zwei Jahren im Freistaat Sachsen wahrgenommen. Die Einheit wurde uns so aufgedrückt. Also das ist jetzt nicht repräsentativ. Und es gibt auch eine Vielfalt an Meinungen dazu. Aber schon so eine Haltung. Das hat uns der Westen so aufgedrückt und eine gewisse Opferrolle. Aber nichtsdestotrotz ist es ja doch. So demokratisch wurde es damals sehr stark legitimiert und war doch die eine große Forderung vorhanden Wir wollen die Demokratie. Wir wollen möglichst schnell diesen Schritt machen. Es gab ja auch einen Wahlkampf mit einem Oskar Lafontaine, der sehr kritisch gegenüber dieser schnellen Wiedervereinigung war, der eine ganz andere Sicht präsentiert hat und gesagt hat Lasst uns uns doch dafür Zeit nehmen. Aber doch krachend gescheitert ist mit der SPD in diesem Wahlkampf 1990. Hätte es denn Alternativen gegeben? Wäre das der Weg, den zum Beispiel Oskar Lafontaine da im Gegensatz zu Helmut Kohl damals propagiert hat, eine Alternative gewesen? Oder war das mehr oder weniger mit den historischen Umständen der Weg, den man gehen musste? #00:31:39-5#

Jörg Siegmund : Aus meiner Sicht war der Einigungsprozess so, wie er sich vollzogen hat, sicher. An einigen Stellschrauben hätte man was anderes drehen können, aber im Grunde aus meiner Sicht alternativlos. Also die schnelle Einheit, die schnelle Herstellung der Einheit, die tatsächlich am Beitritt war, das heißt zwar Einigungsvertrag, aber im Folgenden Im Einigungsvertrag ist immer vom Beitritt die Rede und es ist auch ein Beitritt gewesen. Die Weichen waren gestellt, im Grunde mit der Volkskammer Wahl im März 1990, wo sich ja überraschenderweise für viele Menschen dann doch das Bündnis aus der Union und anderen kleineren Parteien Allianz für Deutschland durchgesetzt hat. Und damit waren die Weichen für eine schnelle Einheit auch für eine Wirtschafts und Währungsunion gestellt, weil es ansonsten wahrscheinlich auch ein Exodus gegeben hätte aus der DDR. Und das wollte man ja unbedingt vermeiden. Insofern glaube ich, der Einigungsprozess, so schmerzhaft er war, ich glaube, er war richtig, so dass es so schnell und in dieser Form auch letzten Endes im Institutionentransfer erfolgt ist. Ich sehe Versäumnisse eher dahingehend, dass man dann längerfristig nicht mehr draus gemacht hat, dass man also nicht die Chance genutzt hat, um längerfristig nach der vollzogenen Einheit sich noch mal hinzusetzen und zu überlegen was könnte man vielleicht noch ändern? Gerade in den neuen Ländern sind ja zum Beispiel Instrumente der direkten Demokratie auch sehr stark ausgebaut worden von vornherein in der Verfassungsgebung. Und da hätte man durchaus mehr draus machen können. Aber in der Schnelle sozusagen oder? Zu dieser Schnelle des Einigungsprozesses gab es meines Erachtens keine wirklich tauglichen Alternativen. #00:33:10-3#

Moritz Glenk: Herr Galler, korrigieren Sie mich, wenn es falsch ist, aber Ihr Verein bezieht sich ja auch sehr positiv auf den damaligen Kanzler Helmut Kohl und würdigt auch seine Leistungen rund um die Einheit. Würden Sie aber sagen, dass das vielleicht an der einen oder anderen Stelle vielleicht zu viel versprochen hat, zu viele blühende Landschaften in den Raum gestellt hat Oder dass er an der einen oder anderen Stelle manches anders hätte machen können. #00:33:40-0#

Mark Kaller : Also das Narrativ in unserem Verein, das der Herr Kohl in der Präambel am Anfang stand. Wir haben gerade die Satzung geändert, Herr Kohl steht nicht mehr drin. Aber sei's drum. Herr Kohl wurde natürlich deshalb gewürdigt, weil er es politisch geschafft hat, weil er dieses enge Fenster, sag ich mal! Also wir haben ja auch gehört von den Gefahren, dass vielleicht Gorbatschow vielleicht auch weg geputscht oder was auch immer. Also kann ja auch mal ein Player ausgetauscht werden. Auf der anderen Seite. #00:34:02-5#

Jörg Siegmund : Haben wir ja dann erlebt in Moskau diese kurzen Momente, schrägen. #00:34:06-2#

Mark Kaller : Momente. Und natürlich hat er Riesenglück gehabt. Und wie gesagt, unsere Vereinsgründung wiederum wurde von Franz Josef Strauss rausgekauft. Das hat ihm persönlich sozusagen als Dankeschön das war immer seine Idee, dass er als DDR Bürger er war Elektriker, er war auch was wert 60.000 DM. Also ich meine die DDR hat damals in den 80er Jahren ihre Dissidenten verkauft, teilweise und da steckt schon was drin. Also das schon. Kohl war da schon wichtig. Und ob man jetzt was hätte, das er zu viel versprochen hat, ist auch klar. Aber ich meine, ich habe auch Politologie studiert. Logisch stellt sich ein Politiker erst mal hin und sagt Wir schaffen das. Oder haben wir es auch in neuerer Zeit ähnlich? Oder wir, wir kriegen das hin. Blühende Landschaften, da ist viel da. Vielleicht ist er auch ein bisschen getäuscht. Die eigene Euphorie. Ich meine Schäuble und all diese Leute. Also sei das Innenminister. Das war eine formidable Politiker. Die haben sich ja da sehr aus dem Fenster gelehnt und haben gesagt das wuppen wir. Also ein bisschen Solidaritätszuschlag, und dann haben wir die Kiste in fünf Jahren auf West Niveau. War halt nicht, also sag ich mal, Herr Dr. Beck, Sie wollen was sagen. #00:35:20-2#

Moritz Glenk: Ich wollte zu Ihnen Entschuldigung sagen, dass das. Dass das auch immer nur ein Satz ist. Dr. Kohl hat gesagt, nach einer zwei dieser Rede, auf die sich entweder Februar März 1990 in Erfurt ich weiß nicht das genaue Datum, aber trotzdem kann man Walter Kohl gesagt, es ist das, der blühende Landschaften gegeben hat auf einen Zeitraum von fünf Jahren genannt. Aber er hat auch damals schon von Taten gesprochen. Nur wurde das dann danach nicht mehr zitiert. Und es gab dann auch noch weitere Anwendungen, für die nichts konnte. Der Zusammenbruch des Comic Con Handels war zunächst 1989 Anfang 1990. Wie wäre es denn mit Ende 1990, 1991? Ausgewirkt hat? So nicht antizipierbar? Das muss man klar auch in diesem Kontext tun. Entschuldigung. #00:36:26-4#

Mark Kaller : Alles gut, Herr Dr. Bas, Mitglied bei uns. Und er hat darüber promoviert. Und deshalb habe ich ihn jetzt schnell noch als Assistent dazu geholt. Danke. #00:36:36-3#

Moritz Glenk: Sehr gut. Natürlich. Wir würden auch später in Raum für Fragen aus dem Publikum öffnen, aber wenn es davor der Fall ist, können sich auch gerne melden und sich gerne am Gespräch beteiligen. Später eröffnen wir aber auf jeden Fall generell noch mal den Raum für Fragen. Wir haben jetzt so ein bisschen über die Jahre 89 90 gesprochen. Und Herr Kalla hat ja auch gesagt, so die ersten zwei Jahre vielleicht waren so eine Phase. Einer gewissen Euphorie. Im Westen, im Westen, im Westen, im Westen einer gewissen Euphorie wahrscheinlich dann auch ganz anders in dieser Umbruchssituation in Ostdeutschland. Da hat sich das ja dann doch mit Massenarbeitslosigkeit doch Treuhand doch relativ schnell auch geändert. Es gab auch die sogenannten Baseballschläger Jahre, auf die man heute so zurückschaut, in denen es auch eine gewisse Ausbreitung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland gab, eine sehr gewalttätigen Rechtsextremismus. Wie haben Sie das wahrgenommen in den 1990 Jahren? #00:37:40-4#

Aline Gros : Also ich habe erst mal wahrgenommen. Also da war ich dann voll in der Pubertät drin als als Jugendliche, dass wir irgendwie gesucht haben nach was ganz Eigenem. Also wie komme ich zu Recht mit dem, was ich mal aus der DDR mitgebracht habe. Wie komme ich mit dem Neuen zurecht? Wie komme ich mit den ganzen Chancen zurecht, die mir ja auch gegeben worden sind? Es ist ja nicht nur so, dass etwas zusammenbrach, sondern es kam ja auch Möglichkeiten hinzu. Dazu kommt aber Wenn du Möglichkeiten hast, musst du auch ein Koordinatensystem ausbilden. Was will ich denn eigentlich für mich wählen? Und das war auch eine ganz starke Forderung, zum Teil eine Überforderung, die an einen gestellt wurde. Und wir Jugendlichen, wir waberten eigentlich ein Stück weit durch die Gegend. Also die Älteren waren mit sich selber beschäftigt, da war die große Arbeitslosigkeit, die haben nur über diesen Kram diskutiert. Unsere Lehrer haben alles andere als Hoffnung verbreitet und wir sind eigentlich irgendwie in irgendwelchen Zonen alleine. Rumgerannt Also Partys in irgendwelchen Abrisshäusern, wo wir selber ein paar Kästen Bier gekauft haben und haben das sozusagen verkauft. Das war völlig anarchisch, ehrlich gesagt, selbstorganisiert. Es gab Leute, die sind eher so zu zum Punk tendiert. Andere haben das. Da ging die Technoparty Szene los. Es kam auch in den Osten, was wir früher so nicht kannten. Also Alkohol war im Osten definitiv ein Problem, das muss man so sagen. Die Tische sind bei jedem, bei jeder Geburtstagsparty fast zusammengebrochen vor Alkohol. Aber was wir nicht hatten, war zum Beispiel wirklich harte Drogen. Und mit dieser ganzen Musikszene, die in den Osten kam, kam das auch gleich mit. Ecstasy zum Beispiel. Du konntest alles kriegen, was irgendwo verkauft wurde. Es war relativ leicht zugänglich. Und ich will mal sagen, die, die total die Orientierung verloren haben, haben andere Formen gesucht. Ich würde mal sagen Identifikationsgruppen gesucht, wo man Stärke nach außen beweisen konnte. Und ich meine, wenn man so einen Zusammenbruch erlebt und dann Unsicherheit erlebt, dann ist es leicht in so einer. Ich will mal sagen auch so einer extremistischen Gruppe halt zu finden. Also ich habe es auch nicht selten erlebt, dass Freunde von mir, die waren gerade noch Punk. Und plötzlich begegnest du dem wieder. Und dann hat er Springerstiefel und eine Bomberjacke an und hat sich einer anderen extremistischen Vereinigung angeschlossen. Also ich würde mal sagen, da war eine große große Verunsicherung und dann auch dadurch auch eine Neigung, sich Extremismen anzuschließen. #00:40:07-4#

Jörg Siegmund : Da stimme ich voll zu, was Sie gesagt haben wird aber noch ergänzend dahingehend, dass es ja schon im Grunde auch Wurzeln in der DDR Zeit hatte, diese diese Baseballschläger Jahre, die in meiner Heimatstadt Erfurt auch tatsächlich sehr massiv zu erleben waren. Also wenn man da gerade am Wochenende nachts unterwegs war in der Stadt, musste man schon schauen, wer einem da entgegenkommt und es gegebenenfalls auch mal einen größeren Umweg gelaufen, um da nicht in solche Gruppen hineinzugeraten. Aber in der DDR sozusagen hat das deswegen ja schon seine Wurzeln. Diese erstarken Rechtsextremismus, weil sich die DDR im Unterschied zur Bundesrepublik ja mit dem nationalsozialistischen Erbe nie ernsthaft auseinandergesetzt hat, sondern definitorisch gesagt hat Wir sind die Guten in der Geschichte. Und damit bestand keine Notwendigkeit sich mit dem NS Regime auseinanderzusetzen. Und die umgekehrt war dann sozusagen in der DDR schon rechtsextremes Gedankengut zu pflegen oder durch Kleidung, durch bestimmte Accessoires auszudrücken. Die maximale Provokation des Staates. Also wenn Sie in der DDR anecken wollten, war das der beste Weg, um wirklich aber massiven Ärger zu kriegen. Und insofern gab es eine durchaus rechte Subkultur auch unter Jugendlichen in der DDR. Und das ist sozusagen eine Wurzel, die dann natürlich noch verstärkt wurde durch die Unsicherheiten, durch die Verunsicherung, die Haltlosigkeit. Aber das muss man eben, wie gesagt, auch im längerfristigen historischen Kontext sehen. #00:41:36-4#

Aline Gros : Vielleicht noch eine Sache dazu. Das Verrückte ist vielleicht ist das in vielen historischen Situationen zu beobachten, dass man sich, wenn man selber verunsichert ist, mit den noch Schwächeren einer Gesellschaft nicht unbedingt solidarisiert, sondern auf die noch runter guckt und gegebenenfalls auch zuschlägt. Und das hat man ja zum Beispiel. Man hatte in der DDR ja Textilarbeiter, die Vertragsarbeiter zum Beispiel aus Vietnam. Wir haben zu den Fidschis gesagt, dass das ein abwertender Begriff ist. Habe ich als Mädchen so nicht kennen. Also ich habe das so nicht reflektiert, sondern zu meiner Mama, wenn sie was Besonderes haben wollte. Die hat ja viel selber gemacht, aber Jeanshosen konnte sie nicht selber machen oder so eine schöne Cordhose. Aber die Fidschis, die konnten das. Und dann hatten wir immer mal Besuch. Die haben auch tollen Stoff mitgebracht. Und dann hatte meine Mama am Ende eine neue. Am Ende des Tages eine neue schöne Hose. Aber dass da mal wirklich herzliche Gespräche zustande gekommen wären, dass wir eine echte Integration gehabt hätten, einen echten Austausch, das war nicht so und gerade die Bevölkerungsgruppe der Vertragsarbeiter, die ja noch unsicherer waren in der DDR, weil sie ja dann gleich zurück sollten. Auf die ist dann sozusagen noch mehr verachtend nach der Wiedervereinigung herabgeschaut worden. Sie waren noch schwächer in der Gesellschaft. Und das war das Gemeine. Vor allem dann auch an diesen rechtsradikalen Gruppen auf die so stark runter zu gucken. #00:43:05-0#

Moritz Glenk: Welche Linien können wir denn eigentlich da ziehen? Ich habe zuletzt eine Debatte auch noch mal über die 35 Jahre Einheit gehört. Das sagte ein Gast. Ja, der. Der Osten ist eigentlich politisch so stark wie noch nie und hat sein Schicksal in die Hand genommen, weil er zeigt jetzt den Westen, in dem die AfD einfach zur starken Kraft wird. Und nur deswegen redet man überhaupt in Westdeutschland über den Osten, weil die AfD eben so stark gewählt wird und man damit so ein politisches Signal setzt und sagt Die Verhältnisse sind so, ihr müsst was tun, sonst, Sonst rufen hier quasi zum Umsturz auf. Ist das ein Zeichen der Selbstermächtigung oder lassen sich da auch Linien von den 1990 Jahren bis heute ins Jahr 2025 ziehen? #00:43:54-5#

Jörg Siegmund : Ja, Linien lassen sich da sicher ziehen. Aber ich würde mal ein Stück weit noch zurücktreten und würde zunächst mal versuchen aufzubrechen. Die AfD und die Veränderung, die wir im Parteiensystem erleben, jetzt als reines Ostphänomen zu charakterisieren. Wenn Sie nämlich mal genau hinschauen, dann finden Sie gerade auch in Niederbayern zum Beispiel vier Wahlkreise, in denen die AfD im Zweitstimmenergebnis deutlich über 25 % gelegen hat. Deggendorf 29,6 %. Also fast 30 %. So, das wird alles in Bayern überdeckt durch die Stärke der CSU. Aber wir haben tatsächlich also auch in Bayern, wo die AfD deutlich an die über 25 % an die 30 % rankommt. Nichtsdestotrotz ist sie im Osten am stärksten, das ist unbestritten. Und ja, der Erfolg hat verschiedene Wurzeln. Auf der einen Seite die nach wie vor bestehende Unzufriedenheit mit bestimmten Dingen, auch im politischen System. Auch da muss man differenzieren. Wenn Sie zum Beispiel in Thüringen Monitor sich anschauen, dann finden Sie auf der einen Seite eine sehr starke Demokratieunterstützung in der Bevölkerung, also das gesagt wird, Demokratie ist die beste Staatsform. Gleichzeitig aber eine große Unzufriedenheit mit dem tatsächlichen konkreten Funktionieren unserer Demokratie. Und diese Unzufriedenheit artikuliert sich eben unter anderem im Wählen der AfD, weil sie wiederum sehr stark, sehr stark provoziert, sehr stark polarisiert. Was früher durch die Wahl der Linken an Protest ausgedrückt wurde, ist Inzwischen wird nicht mehr als solcher Protest wahrgenommen. Und damit verschieben sich dann auch Wählerschaften hin zur AfD. Das ist eine Wurzel. Wiederum da gibt es verschiedene Ursachen, Aber eine Wurzel ist das. Und die AfD hat schlicht und ergreifend im Osten auch geschafft, die Linke abzulösen als Kümmerer Partei. Also wenn Sie schauen, wer ist vor Ort, wer kümmert sich um bestimmte lokale Anliegen, dann ist das in vielen Gegenden im Moment die AfD, die da auftritt und die das sehr erfolgreich sozusagen sich als als ja als Kümmerer für die lokalen Interessen präsentiert. Dass die Lösung, die sie anzubieten hat, nicht tragen, steht auf einem anderen Blatt. #00:46:05-2#

Moritz Glenk: Aber sind da nicht in Teilen. So habe ich das auch wahrgenommen in Sachsen, wo es jetzt viele Wahlen zuletzt gab. In Dresden ist es vielleicht anders, in Leipzig auch. Aber im ländlichen Raum, muss ich sagen, gibt es Regionen, da trauen sich teilweise linke Politikerinnen und Grüne nicht mehr, auf die Straße zu gehen, ihre Plakate aufzuhängen. Bei der AfD hängt. Weil da aber nicht nur AfD, sondern es geht ja noch weiter nach rechts außen Parteien hängen die auch schon durchaus im Sinne der Baseballschläger Jahre schon auch durchaus wahrnehmbar machen. Hier ist nur Platz für eine Haltung, also ist es nicht was, was wir schon auch jetzt nicht aus einer westdeutschen oder aus einer gesamtdeutschen Sicht problematisieren müssen, dass da die Demokratie doch zumindest in einigen Räumen schon sehr in Gefahr ist? #00:46:54-3#

Jörg Siegmund : Unbedingt. Also meine Ausführungen eben will ich auch nicht verstanden wissen als Verharmlosung dieser Partei, Was da in bestimmten Regionen passiert, ist wirklich existenzbedrohend für unsere Demokratie, für die Zivilgesellschaft. Auch wir hatten uns im Vorfeld kurz unterhalten über ihre Heimatregion von Frau Groß und eine Region oder eine Ortschaft, in der meine ein Teil meiner familiären Wurzeln in Thüringen liegen. Da die AfD bei der letzten Bundestagswahl 56,2 % der Zweitstimmen erreicht, also tatsächlich eine Mehrheit und auch eine kulturelle Mehrheit. Und ja, das bedroht, das schüchtert ein. Und dagegen muss unbedingt was unternommen werden. Das auf jeden Fall. Mir ging es nur darum zu sagen, dass die Wurzeln des Wahlerfolgs der AfD wiederum sehr vielfältig sind und dass man nicht das nicht auf einen Erklärungs oder Deutungsmuster verengen sollte. #00:47:47-2#

Moritz Glenk: Herr Galler, vielleicht auch etwas anderes, was glaube ich schon auch viel dort wahrgenommen wird, dass die Geschichte vielleicht immer aus einer sehr westdeutschen Sicht erzählt wird. Ich muss sagen, ich nehme es auch oft wahr. Wenn man so Rückblicke hat oder sagt Geschichte der Bundesrepublik, dann geht es auch meist um die Geschichte der Bundesrepublik, der westdeutschen Bundesrepublik Wirtschaftswunder und wird es vielleicht manchmal auch in so einer Art und Weise erzählt, als wäre das eine allgemeine Erfahrung, die, die für das ganze Land stände, ohne dass da immer so der Blick darauf geworfen wird. Wie war es denn eigentlich in den 50er, 60er Jahren, in der ehemaligen DDR? Wird es in Ihrem Verein auch viel diskutiert oder kommen da unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Haltungen zu Wort. #00:48:36-7#

Mark Kaller : Also es ist einfach tatsächlich so, dass das Verhältnis damals, also Altbundesrepublik mit mit 60, 62 Millionen Einwohnern und 17 Millionen DDR Bürgern das war natürlich schon so ein hässliches drei zu eins oder vier zu eins. Und es ist richtig, dass man gerade auch bei jüngeren Menschen nicht mehr ganz so erkennt Was war die DDR überhaupt? Also Berlin West, Ja, das war eine Party Stadt. Es ist heute noch irgendwie da. Da gibt es eigentlich eine Kontinuität. Der Osten ist ein bisschen grau gewesen, aber da waren ja nicht so viele Menschen sozusagen, obwohl sie für die DDR ein sehr, sehr wichtiger Ort war. Da wurde ja auch viel, viel reingesteckt, also vom Regime. Aber jetzt noch mal auf Ihre Frage zu kommen Ja, es gibt natürlich schon eine klare West Färbung. Es liegt auch daran, dass natürlich viele Eliten in den 90er Jahren erst mal rübergegangen sind, dass wir bis heute kaum DAX Konzerne usw haben. Die ganze kapitalistische Party spielt immer noch mehr im Westen oder jetzt halt im Süden. Baden Württemberg, Bayern und gerade noch mal in Bayern ist es noch mal speziell. Ich habe schon geschmunzelt oder nicht geschmunzelt, weil sie gesagt haben, die AfD geriert sich als Kümmerer in manchen Gegenden in der DDR. Das war mir so noch nicht so bewusst, weil wir hier im Westen zumindest ich. Meine Wahrnehmung ist, dass die hier in der Kommunalpolitik nur eine sehr destruktive Rolle spielen. Die haben hier wenig Konstruktives, also die kümmern sich auch nicht. Die hetzen halt ein bisschen gegen Ausländer und da haben sie auch ihre Wurzeln teilweise hier politisch und sind natürlich noch deutlich kleiner. Ich gebe Ihnen recht, dass es in Niederbayern oder sonstwo auf dem flachen Land gab es schon immer Extreme. Mein Kernland des Nationalsozialismus war Nordbayern. Leider. Hessen und andere Größen kamen hierher. Wir haben schon immer im flachen Land in Bayern extreme Positionen gehabt. Die werden dann halt da fortgeschrieben. Aber zurück in den urbanen Räumen in Deutschland oder in der Intelligenz Ist die DDR tatsächlich eher so ein Betriebsunfall oder was Exotisches? Oder die waren mal gut im Sport. So wird dann immer gejammert. Da haben die ja noch 40 Goldmedaillen geholt. Da hatte ich kürzlich mal eine Diskussion in meinem Verein. Da hätten wir uns auch was abschauen können. So, da haben wir ein System vor der Tür liegen gelassen, weil die Sportförderung war natürlich eine ganz andere in der damaligen DDR oder auch überhaupt diese Kaderung, sag ich mal, wenn Sie hier von der Wilhelm Pieck, also da war noch mehr Zug dahinter. Also hier haben wir jetzt das Problem, dass wir mit unseren Sportlern nicht mehr ganz erfolgreich sind. Aber wie gesagt, es ist eine andere Wahrnehmung, ganz klar im Westen und auch von uns aus oder sozusagen vom Westen aus in den Osten. Das ist jetzt schon lange her und war irgendwie bizarr oder Seltsam. Und jetzt habe ich es noch erlebt. Meine Tochter ist Jahrgang 95, die sagt Papa, was für ein Blödsinn, eine Mauer durch eine Stadt zu bauen. Also müsste ich sie jetzt mal nach Korea schicken. Dann gibt es auch noch Mauern. Na gut. #00:51:39-5#

Jörg Siegmund : Unter Repräsentation ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Ich hatte jetzt im Vorfeld unserer Veranstaltung noch mal tatsächlich nachgeschaut. Ja, am stärksten in der Justiz. Also da sind ostdeutsche Persönlichkeiten im Grunde gar nicht vertreten in Spitzenpositionen, genauso beim Militär, bei 0 % ungefähr, in der Wirtschaft und der Wissenschaft auch sehr unterrepräsentiert. Und Menschen bringen natürlich aus ihrer Herkunft auch bestimmte Blickwinkel mit, bestimmte Themen mit. Und das fehlt dann eben an Stellen. Das wird dann auch so wahrgenommen, auch in den Medien. #00:52:11-7#

Moritz Glenk: Frau Groß. Wie sehen Sie das auch mit Blick? Ich? Also es gab ja mal vielleicht so diesen diese Hoffnung Und jetzt das mit einer neuen Generation vielleicht so diese Unterschiede sich so ein bisschen verwischen, zumindest mit solchen Ost West Identitäten, wenn es sie denn so so gibt. Ich persönlich zum Beispiel finde auch für mich, ich höre manchmal noch von Leuten den Begriff neue Bundesländer. Das für mich. Ich bin immer damit aufgewachsen, mehr oder weniger, dass es eben diese 16 Bundesländer gibt. Nichtsdestotrotz, da finde ich auch ich fand das Buch von Steffen Mau ungleich eins sehr spannend darauf, wie er das sehr faktenreich darlegt, wie sich doch auch bei der jüngeren Generation, die die DDR DDR gar nicht miterlebt hat, so eine gewisse Ostidentität ausgeprägt hat. Auch so eine gewisse Abgrenzung gegenüber dem Westen in Anführungszeichen, den es ja vielleicht letztendlich trotzdem genauso wenig wie den Osten gibt. Aber wie erklären Sie sich, dass das dass es eben nicht so ist, dass sich diese Identitäten auflösen, sondern sogar teilweise eher wieder so eine noch stärkere Rückbesinnung auf eine Ostidentität oder auch eine Abgrenzung gegenüber Westdeutschland da ist. #00:53:35-6#

Aline Gros : Also da würde ich wieder, ich würde mal sagen, bei meinen Erfahrungen anfangen. Und zwar diese Tiefe der Veränderung 1989 90. Ich glaube, das ist ein bisschen raus aus der ganzen Perspektive und das trägt meine Generation auf jeden Fall noch mit sich. Diese Tiefe der Umgestaltung und auch diese große Verunsicherung, die damit durchaus verbunden war, ohne dass ich jetzt von mir sagen würde, ich hätte da den größten Schaden meines Lebens genommen. Ganz im Gegenteil, ich habe ja Chancen ergriffen, ich habe studiert, ich habe eine gute Position, ich kann über Geschichte sprechen, ich kann meiner Profession nachgehen, das, was ich möchte. Also insofern habe ich ja vor allem die Chancen der Wiedervereinigung ergriffen, und das würde ich auch immer in den Vordergrund stellen. Aber es gibt eben Familien, das sind die Narrative, und das läuft über Kommunikation. Das sind die ganz, ganz anders. Zum Beispiel in Familien, wo eben. Ich würde mal sagen beide arbeitslos geworden sind, wo dann auch keine Perspektive entwickelt wurde. Nicht alle Menschen nutzen eine Transformation für sich so stark, dass man daraus eine Kraft für einen neuen Aufbruch schöpfen kann. Manche Familien sind wirklich auch innerlich zusammengebrochen und die nachfolgenden Generationen tragen diese Wunde, will ich mal sagen, noch ein Stück weit mit sich und es nimmt wieder zu. Ich arbeite ja in einem in einer Gedenkstätte, wo wir Klassen aus West und Ost einladen. Und wir haben manchmal wirklich ein Fremdeln zwischen Jugendlichen, die sich selbst auch. Ich hatte mal bei einer Begegnung, bei der ersten Begegnung, wo ich mit zwei verschiedenen Schulklassen aus alten und neuen Bundesländern gearbeitet hatte, habe ich so die Frage gestellt Ist das denn für euch überhaupt noch ein Thema? Also wir sind jetzt so weit weg von der Wiedervereinigung. Gibt es nicht was anderes für euch? Und ich hatte eigentlich innerlich damit gerechnet, dass die wirklich sagen Ja klar, ist ein alter Hut und dann fangen die wirklich an, beide Klassen, sowohl die Ost Klasse als auch die Westklasse, sich zu definieren. Und ich stehe da vorne und bin eigentlich völlig überfordert mit dem Ganzen, weil ich denke aber ihr habt es doch gar nicht erlebt. Also mich kennzeichnet das doch noch. Ihr seid doch jetzt schon Kinder der Wiedervereinigung. Warum fangt ihr denn an, euch zu definieren? Und da gab es wirklich veritable Vorurteile, über die wir dann erst mal miteinander ins Gespräch kommen mussten. Ich wollte den Projekttag zu einer ganz anderen inhaltlichen Sache machen, Aber ich habe dann gedacht Lasst uns mal darüber diskutieren. Das ist für mich jetzt gerade hochspannend. Im Osten läuft es zum Teil über solche Identifikationssymbole wie die Simson. Das ist so ein Mopedchen, das fahren die total gerne. Die migriert zwar auch in den in den Westen, also in den angrenzenden hessischen Gebieten fahren die Jugendlichen das auch, aber die im Osten identifizieren sich so über diese. Simson Also es gibt so bestimmte Dinge, wo man sagt aus dieser, Aus dieser scheinbaren Demütigung der Familien des Ostens. Das ist so ein Narrativ. Was jetzt gerade ist, machen die Jugendlichen eine Stärke draus. Ich bin ein Ossi und ich bin irgendwie besser oder so! Das machen nicht alle. Das kann man nicht generalisieren. Aber ich erlebe das schon so, dass die Spaltung wieder zunimmt, anstatt kleiner zu werden. Und ich versuche da so ein bisschen zu verstehen Was ist da jetzt eigentlich los? #00:56:42-8#

Jörg Siegmund : Deswegen plädiere ich eigentlich seit einiger Zeit für einen Ost West Schüleraustausch. Also mein Sohn ist in der achten Klasse Gymnasium München nach Frankreich gefahren, zum Frankreich Austausch und wir hatten Franzosen Und ich sag immer, eigentlich müsste man das mal so zwischen meinetwegen Bayern und Thüringen machen oder Bayern und Sachsen machen, weil da tatsächlich noch viel Sprachlosigkeit ist und viel Unverständnis. Barriere Ja, die Sprachbarriere auch. Auch die. #00:57:10-3#

Mark Kaller : Simpsons. Simpson kenne ich auch. Mein Schwager hat auch 1990, also meine Frau kommt aus Coburg Grenzgebiet. Die waren auch ganz schnell drüben und haben das eine oder andere da geholt. Ich sehe das auch so, das immer noch. Liegt vielleicht auch daran. Also jetzt kommt wieder das hässliche Boomer Wort. Ich muss es benutzen. Ich bin zwar kein Boomer, geht nur bis 64, bin 65 aber das ist natürlich eine sehr große Bevölkerung auf beiden Seiten. Und die radieren natürlich auch Themen, die bringen sie ihren Kindern bei. Und weil wir es schon von hatten mit dem Sie sind da so in der Mitte Herr Klenk, aber ich habe noch von der SBZ gehört. Ostzone, das ist wieder eine andere Geschichte und das war noch so ein Relikt aus der Nachkriegszeit, als die DDR zwar noch so halb offen war in den 50er Jahren. Damit haben wir uns jetzt im Verein auch öfters beschäftigt. Wo sind die Wurzel Mauerbau? Das ist bei uns ein sehr wichtiges Thema, weil das natürlich die Manifestation dieser Trennung war. Aber in den älteren Leuten steckt das noch ziemlich drin, dass das und das in der Bildzeitung die DDR in Anführungsstrichen waren lauter solche kleinen kulturellen Notizen. Aber wenn man sich so am Stammtisch unterhält. Ja, genau so war das. Und der Strauß hat 1 Milliarde und so! Also diese alten Geschichten stecken noch drin. Und ich glaube, das geht dann auf die Kinder auch ein bisschen über. Also es ist noch nicht so weit, dass man sagt Nee, meine Tochter lebt jetzt in Wien. Die hat sich so ganz vom deutsch deutschen verabschiedet, weil sie sagt, das ist viel schöner, da wird nicht gegendert. Und so in Wien wieder ein anderes Thema. Aber gut, also ich habe ja, ich habe ja so eine West. Ich bin ja hier so der Wessi am Podium und ich merke schon auch jetzt hier so, das sind ganz andere Erfahrungen. Also für mich war das ja, das ist so, die DDR kam halt dazu, war ein bisschen schwierig hier für uns. Aber wir waren ja hier und wir haben eben kein anderes Schulsystem bekommen und wir haben wenige neue Produkte dazu bekommen. Es war einfach nur so eine, so ein Add on, würde man heute sagen, so ein extra Feature. So die zwölfte App am Handy. Das war jetzt die neuen Bundesländer und man ist halt mal nach Weimar gefahren oder da konnte man halt früher nicht so hin. Aber so, dass es das westliche Standardleben berührt hat. Also wenn man jetzt keine sehr, sehr engen Beziehungen hatte oder oder Flüchtlinge oder so geteilte Familien. Wenn man hier für sich war, war die DDR einfach so ein Land wie Österreich oder das war halt woanders. Aber da kann man mal hinfahren. Da wollte ich nur auch zu Protokoll geben Anders. #00:59:38-4#

Aline Gros : Eine Sache würde ich vielleicht ganz gerne noch ergänzen, was so Kommunikation ist. Manche Dinge kann ich auch in meiner Altersgruppe zum Teil nicht verstehen. Also ich habe eine, ähm, also eine Freundin. Meine Altersgruppe, also ähnliche Biografie wie ich. Meine Sachen, die ich hier nehme. Ich nehme das für Zeitzeugengespräche und berichte im Grunde aus meinem anderen Leben vor 1989 90. Also für mich ist das heute auch irgendwie aufgearbeitet und ich gucke heute mit einem ganz anderen Blick darauf. Meine Freundin macht da irgendwie was ganz anderes draußen. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Zu ihrem letzten Geburtstag hat sie am Eingangsbereich an der Tür einen Schlagbaum aufgebaut. Wohlgemerkt, sie lebte im Sperrgebiet. Das war ja ehemals das Gebiet in der DDR, wo du kaum Kontakte zu den anderen in der DDR hattest, es sei denn aus diesem Dorf selber. Also Sperrgebiet war im Grunde als Jugendlicher Höchststrafe. Aber sie hat heute einen Schlagbaum aufgebaut. Alle, die zu dem Geburtstag zugelassen waren, hatten einen sogenannten Passierschein. Den musste man ja früher haben als normaler DDR Bürger, wenn man im Sperrgebiet nicht wohnte. Also meine Eltern mussten zum Beispiel wenn ich zu einem Kindergeburtstag in die Berge ins Sperrgebiet reisen wollte, mit meinen Eltern zwölf Wochen vorher einen Passierschein beantragen. Das war ein Wahnsinn. Und die macht das jetzt zu ihrem Geburtstag. Und die Krönung war noch, was ihr noch zu Hause habt. Bringt doch eure Pionierblusen oder eure Halstücher oder eure FDJ Blusen und zieht das doch an! Und das war für sie ein völliger Spaß. Und ich stand da einfach nur daneben und dachte Kann das wahr sein? Kann sie das wirklich ernst meinen? Und sie hat das wirklich bierernst gemeint. Für sie war das ihre Ostidentität, manifestierte sich an diesen eigentlich Unterdrückungsmechanismen des Staates. Und das verstehe ich nicht, warum das so eine Renaissance wieder bekommt. Und die Jüngeren, die da natürlich da sind, die sehen das als großen Spaß irgendwie, Die rezipieren das ja ganz anders. Also wir in unserer Generation, wir prägen ja Kommunikationsstrukturen mit und wir müssen schon ein bisschen aufpassen, was wir mit diesen alten Dingen eigentlich tun, die wir zu Hause noch im Schrank haben. #01:01:45-7#

Moritz Glenk: Deswegen fand ich das ganz spannend, dass sie auf diese Simson aufmerksam gemacht haben, weil ich tatsächlich vor einigen Tagen auch darüber eine kurze Dokumentation gesehen habe. Da gibt es ja so eine Art Simson Festival, da kommen die ganzen Simson Fans hin, wird aber tatsächlich auch sehr stark Von bestimmten Gruppen jetzt in die Hand genommen auch. Also man muss vielleicht sagen, wie es ist, auch von rechtsextremen Bewegungen sehr instrumentalisiert zu sagen Hey, das ist unsere Kultur und damit grenzen wir uns auch so ein bisschen ab. Und es wird auch gesagt Ja, wir lassen uns vom Westen nicht alles schlecht machen. Ja. Gleichzeitig gibt es ja viel dieses Gefühl, dass das im Westen so drauf geguckt wird auf den Osten. Eure Biografien, die die sind nichts wert. Das, was ihr davor gemacht hat, das ist nichts wert. Wir haben jetzt eine Veranstaltung hier gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur. Wo ich schon glaube, es ist auch wichtig zu sagen, dass wir hier über das sind sich wahrscheinlich die meisten einig über eine Diktatur sprechen. Und es ist, glaube ich, auch wichtig, das offen auszusprechen. Aber wie kann man auf der anderen Seite vielleicht auch Räume lassen damit nicht das Leben der Einzelnen zu diskreditieren und nicht zu sagen Nur weil du in einer Diktatur groß geworden bist, war alles in deinem Alltag schlecht, war alles, was du gemacht hast, schlecht. Müssen wir da mehr Raum für Ambivalenz, für Widersprüche schaffen und auch mehr Wertschätzung für einzelne Biografien, ohne in Abrede zu stellen, dass es sich um eine Diktatur gehandelt hat? #01:03:31-6#

Jörg Siegmund : Worauf Sie anspielen, ist ja sozusagen das Auseinanderfallen auf der einen Seite von Herrschaftsgeschichte, von der großen Geschichte und dann von der Sozialgeschichte, die sich im Kleinen manifestiert. Vielleicht. Und ich glaube, das ist ganz wichtig, die beiden Ebenen nicht konstant zu vermengen, sondern deutlich zu machen, dass es auch in der Diktatur, sozusagen im persönlichen Leben und im Erleben, natürlich auch schöne Momente gab und dass die auch erinnert werden können und ihnen Raum gegeben werden muss. Also dass das sollte man durchaus differenzierter betrachten. Und ja, auf jeden Fall täte es gut, mehr Räume zu haben, auch miteinander ins Gespräch zu kommen, auch zu erzählen, dem anderen zu erzählen, zuzuhören auf der anderen Seite und damit auch Unterschiedlichkeiten auszuhalten, weil das ja jetzt, wenn wir uns völlig von der DDR auch lösen, ich glaube, ein Problem in unserer politischen Kultur und unserer Debattenkultur überhaupt ist, dass wir zu wenig Verständnis haben für das andere oder für die andere Meinung, für die andere Erfahrung, für die andere Position. Das scheint mir doch ein bisschen abhandengekommen zu sein. Und vielleicht kann man das auch über eine Auseinandersetzung mit der jeweils individuellen Erfahrung und Geschichte in der DDR erreichen. Dem anderen besser zuzuhören, Verständnis zu entwickeln für unterschiedliche Positionen, für unterschiedliche Sichtweisen. #01:04:52-8#

Moritz Glenk: Ich würde vielleicht noch ein, zwei Fragen stellen und dann auch den Raum für das Publikum öffnen. Also gerne. Wer Fragen hat, können Sie sich mit einbringen oder auch Anmerkungen. Vielleicht noch mal so der Blick. Wie ist es jetzt eigentlich 35 Jahre nach der Einheit? Ich war zuletzt mal in Gelsenkirchen, übrigens Sonntag am Sonntag nicht. Aber ist ja auch ein Ort. Sie haben Herr Siegmund völlig zurecht gesagt Wir können ja nicht immer mit so einer westdeutschen Perspektive draufgucken. Die AfD, die ist da so stark in in Ostdeutschland, sondern auch in einigen westdeutschen Kommunen, Städten, Regionen ist sie sehr, sehr stark. In Gelsenkirchen, wo mir viele Leute gesagt haben, na ja, also diese Debatten zum Beispiel aus Ostdeutschland oder was da passiert, ist ihnen ein bisschen fern. Aber Sie müssen ehrlich sagen, wenn die mal gucken, wie zum Beispiel Dresden aussieht. Und Dresden ist ja wirklich heute eine wunderschöne, prunkvolle Stadt also architektonisch immer einen Besuch wert und wurde auch mit mit viel Geld auch in diese Form gebracht. Und es wird auch viel investiert. Es sind jetzt große Chipsfertiger dort. TSMC wird mit einer Milliarden Unterstützung des Bundes und der Europäischen Union dort angesiedelt. Jedenfalls sagten die das ja. Vielleicht sollte mal jemand angucken, wie der Zustand in Gelsenkirchen ist, wie die Infrastruktur hier aussieht, wie die Infrastruktur teilweise im Ruhrgebiet aussieht, wie die Infrastruktur teilweise im Saarland aussieht, wo in diesem Jahr die 35 Jahre Einheit doch sehr weit im Westen zelebriert wurden. Wie? Wie nehmen Sie das wahr, Herr Kahler, dass da vielleicht auch noch mal so eine andere Seite ist, die sagt Ja, es gibt viel an berechtigter Kritik. Aber wenn wir jetzt auf die Landkarte gucken Andere Regionen in Deutschland sind natürlich auch etwas abgehängt. #01:06:59-6#

Aline Gros : Also richtig ist, dass. #01:07:01-7#

Mark Kaller : Gelsenkirchen tatsächlich ja so gesehen die sozial schwächste oder wirtschaftlich abgehängte Region geworden ist. Und ich war tatsächlich vorgestern oder vor drei Tagen im Stadion. Da ist die Welt noch in Ordnung. Wir verlieren da auch immer. Anderes Thema. Aber jetzt noch mal ernsthaft. Die hängen sehr an ihrem Bergbau dran. Da war ich auch kürzlich bei Veranstaltungen. Das ist sozusagen der DDR. Klingt jetzt sehr hinken, der Vergleich, aber da. Das ist vor 20 Jahren erloschen, diese Kultur und die wird da auch noch gepflegt, weil ich war in einer Erinnerungsstätte, also zum Thema Bergbau. Und diese Städte sind tatsächlich, muss man einfach sagen heruntergekommen. Und da entsteht natürlich jetzt wieder so ein abgehängt sein. Ich glaube, das ist vielleicht der Begriff zu dem Ganzen. Ich glaube, die AfD ist groß geworden, weil sich viele Menschen im Osten abgehängt fühlen. Und jetzt haben wir Leute im Ruhrgebiet, die sagen, hier gibt es Gebiete wie in Duisburg, die sind nicht mehr unter Kontrolle. Also hier muss eine Bürgerwehr her. Da kommen so immer so rechte Tendenzen. Spült es da hoch. Und dann schaut man natürlich auch auf. Auf die Migranten, oder? Oder, oder Clankriminalität. Das wird da sehr hoch geharzt. Und ich bin oft in Nordrhein Westfalen und da gibt es auch schon Unterschiede. Gibt es Köln, Düsseldorf? Da brummt es noch irgendwie. Also weitestgehend. Aber der Kern des Ruhrgebiets. Das ist wirklich traurig. Und es ist auch einfach nicht schön, da zu sein. Also ja. #01:08:25-6#

Jörg Siegmund : Nur kurze Ergänzung dazu. Und Gelsenkirchen ist einer der zwei Wahlkreise bei der letzten Bundestagswahl gewesen. In den alten Ländern, in denen die AfD stärkste Partei war, in Gelsenkirchen und Kaiserslautern. Also da manifestiert. #01:08:39-0#

Mark Kaller : Kaiserslautern war ich auch schon mal, fußballtechnisch auch. Na ja, also na gut, die haben natürlich auch noch mal abgehängt. Finde ich ein gutes Stichwort. Und das kann jetzt Ost wie West treffen. Also vielleicht auch Bayerischer Wald, weil wir das vorhin hatten in Deggendorf. Das sind auch gegen den. Denen geht es halt nicht gut, oder die sind in so einer komischen Randlage. Das ist schon ein Thema. Also wirtschaftliche Kraft und und politisches Demokratieverständnis hängen da schon irgendwo zusammen. Ja. #01:09:08-8#

Jörg Siegmund : Demokratie, Zufriedenheit. #01:09:10-4#

Mark Kaller : Man muss sich Demokratie leisten können. Schönes Schlagwort. #01:09:14-3#

Moritz Glenk: Ja. Fragen aus dem Publikum. #01:09:18-8#

Aline Gros : Ich bringe Ihnen das mit. #01:09:23-2#

Jörg Siegmund : Ich habe jetzt irgendwie gesagt, da gibt es eine Förderung für diese Veranstaltung, weil die Veranstaltung ist ja umsonst. Wer hat sie gefördert oder wer hat jetzt mitgeholfen bei dieser Veranstaltung? #01:09:38-1#

Moritz Glenk: Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur. #01:09:41-4#

Jörg Siegmund : Sonst noch jemand? Nein. Sonst irgendwelche Gelder, die zu geflossen sind? #01:09:47-8#

Moritz Glenk: Das sind tatsächlich die Gelder der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur. #01:09:51-9#

Jörg Siegmund : Und die wiederum vom Bund gefallen oder von einer von einer öffentlichen Organisation? #01:09:56-7#

Moritz Glenk: Ja, es ist ja eine Bundesstiftung. #01:09:58-6#

Jörg Siegmund : Ja, es ist ja nur eine Bundesstiftung. Es ist irgendwie. Es ist ein Verein. Ein eingetragener Verein oder eine Stiftung. Gut, eine Stiftung, ja, das ist ja im BGB geregelt, irgendwie so Paragraph 60 oder so um die Stiftung nach dem BGB wahrscheinlich. #01:10:15-7#

Mark Kaller : Also eine Bundesstiftung ist eine Stiftung, also vom Bund gestiftete Einrichtung. #01:10:20-6#

Jörg Siegmund : Aber eine Stiftung ist sozusagen im BGB Paragraf 60 oder so, also ein Geldvermögen, das irgendwie einen Zweck erfüllt, ne? #01:10:27-9#

Mark Kaller : Na ja, Sie haben einen politischen Auftrag. Ich will jetzt hier nicht zu viel. #01:10:32-4#

Jörg Siegmund : Der Deutsche Bundestag Gibt es einen Beschluss vom Bundestag Ende der 90er Jahre, glaube ich, der diese Stiftung gegründet hat und das Stiftungskapital zur Verfügung gestellt hat. Der Bundestag hat ja. #01:10:44-6#

Aline Gros : Danke schön. Ja. Also, ich bin Jahrgang 79, im sogenannten Tal der Ahnungslosen geboren. Ein bisschen jünger als sie. Ich habe es irgendwie immer für mich so als ganz guten Zeitpunkt wahrgenommen, weil ich konnte so ein bisschen warten, bis ich dann aufs Gymnasium gegangen bin. Da waren die ersten schon mal so durch. Ich musste eigentlich mich nie irgendwie anpassen, dass ich. Also ich habe Großcousin, die mussten halt mit dem Studium wieder aufhören. Also ich habe das so als für mich als perfekten Weg damals wahrgenommen und als Chancen. Ich sehe das aber auch das, was sie gesagt haben, dass viele erst mal dann überfordert waren, weil man musste jetzt ja selber bestimmen, was man will. Man hatte Chancen, aber man musste halt dann wirklich auch sagen, es ist nicht mehr alles vorgeschrieben, was es sonst in allen Aspekten des Lebens eigentlich war. Ich habe auch zum Beispiel in meiner Familie, also meine Mutter ist daran auch zwischendurch ab und zu mal gescheitert Und bei mir war es der Vater, der das deutlich positiver wahrgenommen hat. Aber der hat auch immer versucht, die Chancen wahrzunehmen. Aber der hat dann auch manchmal, wo ich jetzt im Nachhinein denke, dann immer so gesagt hier, was wollen denn die Wessis hier? Die fahren uns die oder die machen uns die Straßen kaputt oder sowas. Also es war so als Spaß, aber da hat man auch immer gemerkt, irgendwie gärt es dann halt schon, weil die hatten viel mehr Möglichkeiten über diese Zeit. Aber wie gesagt, ich finde es halt auch irgendwie. Jeder hat ja die Möglichkeiten, jede Person. Und ich finde es halt auch teilweise richtig erschreckend, wenn Leute, die jetzt noch im Osten wohnen, nie da rausgekommen sind. Also die ewig Daheimgebliebenen sage ich immer, was die manchmal diskutieren, die sind mit dir in die Schule gegangen. Die hatten dieselben Möglichkeiten, wie sich das so anders entwickelt hat. Und ich glaube auch, dass durch diese familiären Sachen von Leuten, die im Osten geblieben sind, die kriegen, die Kinder kriegen das ja auch heutzutage noch vorgelebt und deshalb geht das vielleicht auch wieder stärker auseinander. Und ich finde, manchmal sage ich schon relativ flapsig flapsig. Zieht doch einfach die Mauer noch mal hoch. Dann sollen die in Thüringen und Sachsen mal vier Jahre mit der AfD hadern und dann sehen sie, was sie davon haben. Und das, was so von der AfD jetzt mit dem kümmern, was ich jetzt aber selbst auch in Bayern so die letzten Jahre festgestellt habe. Wenn man so am Wochenende, wenn so Wahlkämpfe waren, das waren die einzigen, die auf der Straße standen und Wahlkampf gemacht haben. Und sie standen dann teilweise vor einer geschlossenen Parteistelle oder wie oder wo die sonst ihre Parteizentrale haben. Ich glaube, das trägt halt auch so ein bisschen zu diesem Kümmerer dabei, dass die Leute halt ansprechbar sind und sich dann auch irgendwie zeigen. Das dies auch nicht hinkriegen würden, das ist ja irgendwie was ganz anderes. Aber ich glaube, da ist echt eine Gefahr da und gerade im Osten. Also ich möchte Sachsen und Thüringen. Hatte ich bei der letzten Wahl schon richtig Angst, dass sie es jetzt irgendwie hinkriegen. Weil was das dann bedeutet fünf Jahre vielleicht Rückschritt für die beiden Bundesländer, die ja eigentlich noch so wirtschaftlich am erfolgreichsten sind, wenn die AfD dann vielleicht fünf Jahre an der Macht ist. Das will man sich auch nicht ausmalen. Aber ich fand es sehr spannend alles. Also ich habe vieles wiedererkannt und ja. #01:14:12-7#

Jörg Siegmund : Also ich würde vielleicht ein Mal noch dazu sagen. Also es gibt ja so diesen, diesen Terminus gerade so für die Biografien im Osten. Also Wertschätzung für eine Lebensleistung. Das ist auch in Ordnung so, diesen Terminus kann man haben. Aber mittlerweile bin ich wirklich auf dem Standpunkt nach so vielen Jahren Arbeit in der Bildungspolitik und es ist nicht ganz leicht, wenn man wirklich mit mit Schulklassen arbeitet, mit allen arbeitet. Also ich ziehe zum Beispiel wirklich, ich sage nicht, ich mache eine Brandmauer irgendwie. Für mich macht das in der politischen Arbeit keinen Sinn. In meinem Heimatdorf waren es auch 57 % AfD Wähler, im Nachbardorf 70. Wenn ich da eine Brandmauer hochziehen will, dann stehe ich alleine mit Bier und Bratwurst dahinter. Das hat keinen Sinn. Ich muss also reden. Aber trotzdem bin ich mittlerweile, nach so vielen Jahren stehe ich auf dem Standpunkt. Man muss ganz deutlich betonen Die DDR war eine Diktatur und das Setting war vorgegeben. Zum Beispiel. Es gibt eine neuere Forschung, Ich kann jetzt den, den, den, den Namen kann ich jetzt gerade nicht präsentieren, aber es ist eine junge Frau, die sich um diesen Sachverhalt der Solidarität im Osten. Also es ist ja so, wir waren ja so solidarisch, wir haben uns immer einander geholfen und wenn der eine was hatte, hat er dem anderen was gegeben. Das stimmt auch. Ich habe das auch so wahrgenommen als als Mädchen. Meine Eltern haben ein Haus gebaut in den 80er Jahren, da war wirklich Hilfe und Unterstützung. Aber wie eigentümlich war das, als sozusagen die Der Mauerfall war. Und dann ging das in Richtung Wiedervereinigung. Wo bleibt denn da die große Solidarität? Wo war sie denn? Plötzlich war doch auch jeder nur noch am Konsumieren. Wer hat den ersten BMW? Wer war zum Ersten Mal auf Mallorca? Und konnte man damit nicht herrlich prahlen? Da brach doch eine ganze Menge zusammen. Und dann guckte man runter auf die Vertragsarbeiter. Unsere Freundschaften, die wir vorher gut hatten in die Tschechoslowakei, das brach zusammen. Denen ging es ja noch schlechter. Und da kam zum Beispiel einer der Familienväter, wo wir früher sehr gute Kontakte hatten, in die Tschechoslowakei. Der kam und bat bei meinem Vater im Forstbetrieb, dass er doch vielleicht arbeiten könnte, weil es denen noch schlechter ging. Da haben meine Eltern dann auch dicht gemacht. Was wollen die denn? Uns geht es doch auch nicht gut, Warum sollen wir da jetzt helfen? Diese ich will mal sagen ja, es gab diese Solidarität, aber man muss auch aufpassen. Es war auch Druck der Verhältnisse und das brach auch zusammen in den 90er Jahren. Da kam ganz schnell auch in den bei den Leuten aus dem Osten eine Ellenbogenmentalität auf. Also man muss immer so ein bisschen aufpassen, dass man im Blick zurück nicht viel zu viel romantisiert. #01:16:53-0#

Mark Kaller : Aber auch da gab es nicht viel. Da gab es ja auch noch ich. #01:17:00-2#

Jörg Siegmund : Ich wollte nur anmerken oder sagen das Thema. #01:17:05-8#

Mark Kaller : Oder so was jetzt hier in der Diskussion der AfD zugeschoben wird oder der Debatte war die DDR ein Unrechtsstaat? Die der die wurde, die wurde schon zum Beispiel bei der ersten Zusammenarbeit SPD PDS 1994 geführt, aber auch bei der Wahl 2014 von Bodo Ramelow zum Ministerpräsident. Und ich habe ich war auf einer Veranstaltung der Evangelischen Kirche mit Bodo Ramelow. Drei Wochen bevor er 2014 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, wo nicht nur ich empfunden habe, dass er das versucht, die DDR versucht hatte zu relativieren, sondern ich habe mich damals zurückgehalten. Es sind dann im Publikum Leute aufgestanden und haben dann mit ihm. Selbst bei der evangelischen Kirche, er würde zu viel Rotlicht verbreiten und er würde das zu sehr beschönigen. Die Veranstaltung fand damals in Aschaffenburg statt, muss ich zugeben. Also nicht mehr im hier in Bayern. Also jetzt zu sagen, die AfD würde jetzt neuerdings Ostalgie betreiben, während es Leute wie Gregor Gysi, Bodo Ramelow etc. schon seit 1990 betreiben. Ja. #01:18:44-0#

Jörg Siegmund : Ja. Sehe ich jetzt aber keinen Widerspruch zu dem, was wir, glaube ich, vorhin besprochen haben. Aber weil Sie das Stichwort Ostalgie erwähnt haben, vielleicht dazu noch noch zwei, drei Gedanken. Ich nehme das natürlich auch wahr, dass da eine starke sozusagen Rückerinnerung da ist und die zum Teil sehr schief ist. Auch ich glaube, das liegt da an verschiedenen, an verschiedenen Ursachen. Auf der einen Seite sind ja viele Dinge, die das Leben in der DDR geprägt haben, heute nicht mehr da. Das heißt, ich zum Beispiel mit meinen Kindern, ich habe zwei Kinder, die werden jetzt bald 13 und 16, sind in München geboren, haben aber zwei Eltern, die aus Thüringen kommen. So, und natürlich redet man mit seinen Kindern auch mal, Wie war das eigentlich bei mir damals? Wie war das bei mir? Und es gibt halt viele Dinge, die kann ich meinen Kindern nicht mehr zeigen. Wenn ich im Westen groß geworden wäre, könnte ich das vielleicht tun, weil es die Dinge noch gibt. Es gibt auch Orte einfach nicht mehr. Ich hatte ja vorhin kurz erwähnt, dass ich unmittelbar nach dem Mauerfall oder 1990 zumindest für ein Jahr nach Chile gegangen bin, als ich wieder zurückkam. Nach dem Jahr 1991 habe ich meine Heimatstadt im Grunde nicht mehr wiedererkannt, weil alles sich geändert hatte. Da, wo früher das Kino war, war jetzt irgendwas anderes drin. Wo ein Bäcker war, war jetzt ein Klamottenladen, was auch immer. Ganz andere Strukturen und zum Beispiel die Lieblings Eisdiele meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Das Freibad gibt es nicht mehr. Und so weiter und so fort. Das heißt, Erinnerung erfolgt viel durch Erzählen, durch sich gegenseitig erzählen. Und das ist, glaube ich, ein Grund sozusagen, aus dem dann vielleicht auch das, was wir so als Ostalgie bezeichnen, auch so erwächst. Man redet mehr darüber, man muss mehr darüber reden, weil es auch Orte nicht mehr gibt. Ich glaube, dass das ja, das muss man mit ins Kalkül ziehen. Wir erinnern uns auch zudem immer falsch oder schief, weil wir uns auf der einen Seite an die DDR erinnern, wie sie in den 70er, 80er Jahren war, und vergleichen sie willkürlich mit dem heutigen Zustand, blenden aber aus, dass die alte Bundesrepublik in den 70er und 80er Jahren auch anders war als heute. #01:20:52-9#

Mark Kaller : Ich kann Ihnen bestätigen, dass all die Clubs und Diskotheken in Berlin West Dschungel und wie sie alle hießen, die gibt es alle nicht mehr. Die Stätten meiner Jugend sind auch nicht mehr zugänglich. #01:21:03-2#

Aline Gros : Weil es gerade nur einmal. Aber gleich können sie auch noch mal. Also die Sache ist auch die es gibt ja eine emotionale Sache an den Dingen, die ich hier habe aus meiner Vergangenheit. Da hängt ja Emotionen dran. Und wenn ich zum Beispiel meine Zeitzeugengespräche mache über meinen Aufenthalt in der Pionierrepublik oder meine ganze Ausbildung oder sonst irgendwas, dann muss ich mich immer innerlich ermahnen. Du bist da Kind gewesen und du hängst mit diesen ganzen kindlichen Gefühlen da jetzt dran. Irgendwann muss ich eine reflektierende Ebene einbauen, weil ich das sonst. Ich würde mal sagen, da komme ich wirklich alleine von alleine schon über diese Objekte. Da hängt Erinnerung dran an Freunde, an irgendwelche Sachen, wo ich hingefahren bin. Ich meine, was mir ermöglicht wurde. Kleines Mädchen aus einem Dorf in Südthüringen wird delegiert, nach Berlin in die Pioniere public zu fahren. Das ist ja auch diese unglaubliche Auszeichnung, denn die Leute, die du dort kennenlernst, sechs Wochen raus aus der Familie, Lagerfeuerromantik und was weiß ich nicht alles, Das hängt da ja alles dran. Aber die zweite Ebene darf man immer nicht vergessen. Der Staat hatte eine Intention damit die besten Schüler da raus zu nehmen, um sie zu kleinen Kadern machen, die man später in Partei oder vielleicht in der Stasi hätte gebrauchen können. Der Jüngste, der in der für die Stasi bespitzelt hat, war zwölf Jahre alt. Der hat das nicht für Geld oder sonst irgendwas gemacht. Aus voller Überzeugung, dass er in seiner Pioniergruppe das Richtige tut, wenn er dort mal nachgeschaut, ob alle einen festen Klassenstandpunkt haben und ob jemand Westfernsehen guckt. Das darf man einfach nicht vergessen bei all diesen ganzen Sachen. Aber mir tut es auch immer wieder weh, weil ich so eine doppelte Perspektive immer einnehmen muss. Einerseits dieses Emotionale, was dranhängt und auf der anderen Seite muss ich darüber reflektieren. #01:22:50-4#

Mark Kaller : Aber das ist das mit der Solidarität, was Sie da gerade gesagt haben, dass man sich geholfen hat. Da gab es mich jetzt gerade auch in irgend so eine Doku über Soost Erfindungen und dann meine Mutter hatte das gesehen. Also die wohnt auch immer noch im Osten und die hat dann gesagt, ich soll mir das mal unbedingt angucken, was es da für innovative Sachen gab und was das alles so toll war. Und ich habe dann nur so geguckt und ja klar, die haben Sachen gezeigt und und ich habe mich dann aber die ganze Zeit gefragt oder da haben wir es dem Westen gezeigt, da ist irgendwas, das würden die heute sogar wieder ein Patent wollen sie wieder einführen oder sowas oder versuchen es gerade nachzubauen. Und du hast aber die ganze Sendung, was mich dann so beschäftigt hat oder wo ich dann drüber nachgedacht habe. Du hast immer wieder gesehen, es war die reine, pure Verzweiflung, weil sie nichts hatten. Sie mussten ja erfinderisch werden. Und das ist dann wieder diese zweite Ebene, weil das ist natürlich auf der einen Seite okay, wir haben was geleistet und wir konnten da irgendwie was tun. Aber weshalb war es denn nicht, Weil wir innovativ waren oder weil die besten Köpfe irgendwie die kreativsten Köpfe bei uns waren. Vielleicht auch, aber aus der Not heraus. Also das finde ich halt dann auch manchmal. Und noch mal zu dem Thema AfD, was ich halt wie gesagt, ich sehe es halt häufig in Bezug auf Sachsen, was ich da halt jetzt gefährlich finde. Ich meine, wir hatten in Sachsen die NPD im Landtag. Also es ist ja nun nicht das erste, dass da irgend so eine Partei wieder mal vorkommt oder sowas. Die Gefahr, die ich sehe ist, dass man immer Parteien, die haben sich irgendwann selber zerfleischt und das macht die AfD. Ich will nicht sagen, das macht sie gut. Aber sie haben zwar immer welche Leute, die sie wieder raushauen oder sowas, aber sie bleiben relativ konstant und da ist nicht so ein Zermetzeln und sich besser stellen wollen. Und das ist halt noch mal so ein Punkt, den ich einfach nur mal einbringen wollte. #01:24:40-5#

Moritz Glenk: So, wenn es keine ganz akuten Fragen mehr aus dem Publikum gibt. #01:24:54-5#

Jörg Siegmund : Sehen Sie vielleicht heute so eine Art DDR 2:00 null? Es gibt ja heute wieder so ein bisschen habe ich das Gefühl, so eine Einheitspartei zu sagen, die sich glaubt. SPD, CDU Und weiter? Ich glaube irgendwie das Gute zu repräsentieren und zu sagen Das ist ein Einheitsgeist. Wir sind die Guten. Und dann gibt es noch andere, die sind die Bösen. Also eine Vergleichbarkeit, wie in der DDR stattfindet, zu sagen auch wieder so ein Geistwesen. Wie gesagt, die Guten und da sind die Böse. Und würden Sie jetzt sagen. Das ist ähnlich wie in der DDR damals wie heute? #01:25:34-9#

Aline Gros : Ich glaube, das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Insofern, weil man vom. Man muss von einem ausgehen. Die SED hatte ja Verfassungsrang, das heißt die Staatspartei. #01:25:49-5#

Mark Kaller : Ja nicht nur, was auf dem Papier steht, ja sozusagen da. Es gibt eine SED 2:00 null. #01:25:56-9#

Aline Gros : Also ich würde das so, würde das so nicht, würde ich das so nicht bezeichnen und schon gar nicht auf auf die Strukturen, die jetzt gerade eine Koalition formen wie CDU und SPD. Da gibt es Koalitionsverhandlungen, Das ist hochgradig spannend und schwierig. Die sind auch nicht hundertProzentig einig, wenn man sich das anguckt. Die versuchen, die versuchen ja, eine Regierungsarbeit zu machen, und das sind sehr unterschiedliche Ansätze. #01:26:22-0#

Moritz Glenk: Entschuldigung nur, dass wir jetzt daraus kein Zwiegespräch machen. Vielen Dank für die Frage, aber es wäre nett, wenn Sie jetzt Frau Groß noch ausreden lassen. #01:26:30-8#

Aline Gros : Das ist hochgradig schwierig, wie man versucht, eine Regierungsarbeit zu machen, wenn man das mit der SED vergleichen würde. Die SED hat innerlich ihre Zwistigkeiten im Politbüro ausgetragen. Aber am Ende war da ein Betonklotz, und da ist von Top Down alles durchgeplant gewesen. Also insofern würde ich mal sagen, gerade, dass wir ein Spiel haben, dass sich Parteien finden können, um Regierungsarbeit zu machen, dass die sich auch streiten und das auch nach außen sichtbar machen. Dass sie unterschiedliche Positionen haben, ist eine deutliche Unterschied im Vergleich zur SED. Das ist nicht zu vergleichen. Das ist irgendwie ein Blog oder sonst irgendwas. Die Strukturen in der DDR waren völlig anders. Also zum Beispiel die SED hat sehr stark mitgeprägt, was die, was die Ost CDU zum Beispiel zu machen hatte, das war eine angeschlossene Blogpartei. Schwierig. Das mit diesen Strukturen würde ich gar nicht auf eine Ebene heben. Gerade weil die Verfassungen auch so vollkommen unterschiedlich gewesen sind. #01:27:33-2#

Mark Kaller : Damals und heute nicht so unterschiedlich. #01:27:36-0#

Jörg Siegmund : Würde ich sehr anders sehen oder sehe ich sehr anders. Auch Ihre Wahrnehmung sozusagen, dass zwischen der SPD und der CDU oder CSU keine Unterschiede gäbe, würde ich empfehlen, mal die Wahlprogramme zu lesen. Ich habe das zweifelhafte Vergnügen, vielleicht alle Wahlprogramme tatsächlich gelesen zu haben. Und da gibt es deutliche Unterschiede, dass die am Ende zusammenfinden müssen. Wir leben einer Konsensdemokratie, Dass sie gemeinsam eine Mehrheit finden müssen, das steht auf einem anderen Blatt. Das gehört natürlich auch dazu. Aber die Unterschiede zwischen den Parteien sind doch deutlich erkennbar, finde ich. #01:28:11-2#

Moritz Glenk: Da können wir natürlich auch unterschiedliche Haltungen hierzu haben und können auch unterschiedliche Haltungen hierzu aushalten. Wir nähern uns trotzdem ein bisschen mit dem Blick auf die uhr, dem Ende der Veranstaltung, weswegen ich noch mal so einen kleinen letzten Ausblick noch einmal die Runde hier machen wollen würde. Wenn wir jetzt so einen kleinen Blick in die Glaskugel wagen. 35 Jahre haben wir jetzt in diesem Jahr gefeiert. Ich glaube, 40 Jahre wird auch ein spannendes Jubiläum. Aber 50 Jahre, das ist vielleicht noch mal so eine wahrnehmbare Zahl. Dann befinden wir uns im Jahr 2040. Was meinen Sie, wie werden wir im Jahr 2040 über die deutsche Einheit diskutieren? Ist eine sehr hypothetische Frage. Und vielleicht noch mit dazu. Was würden Sie sich denn wünschen, wie dann der Stand der deutschen Einheit realistischerweise auch aussehen kann? Herr Kallas, Sie können gerne den Anfang machen. #01:29:08-8#

Mark Kaller : Also wenn man diese Geschichte sieht, also von 1989 und die damalige Teilung und man erlebt jetzt, wie ein Europa zusammenwächst. Ich sage das auch deshalb, weil mein Freundeskreis sich auch ein bisschen um die europäische Einheit kümmert. Wir sagen ein starkes Deutschland in einem geeinten Europa. Wir sind Europäer, um das mal so zu sagen. Anders als andere Parteien. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in 15 Jahren alle ein EU Pass haben, mit dem wir reisen. Das ist also keine so starken Nationalstaaten mehr gibt, dass Brüssel die komplette Macht über uns hat. Im Negativen oder im Positiven, wie auch immer. Und dass tatsächlich es viele Institute gibt, die dann so sagen Ja, früher, da gab es noch so eine Region in Vielfalt in Europa. Aber das ist jetzt alles in einem großen Wirtschaftsraum aufgegangen. Also so eine Science Fiction, das würde ich mir wünschen. Und man muss natürlich dann auch sehen, wie das fußballtechnisch. Sie haben schon mitbekommen, ich bin etwas verankert, wie das dann weitergeht, ob dann eine EU Mannschaft oder eine KontinentalWM stattfindet und nur mit vier Mannschaften statt mit wie jetzt 48, wer weiß. #01:30:19-1#

Moritz Glenk: Die Fußballbegeisterung war kaum zu merken. Frau Groß, wie würden Sie das sehen? #01:30:25-5#

Aline Gros : Also ich würde mir ganz stark wünschen, dass wir aus der Zeit 1900 89901 ganze Menge Kraft rausziehen. Und dass wir gerade diese Kraft mit Bezug auf Gestaltung der Zukunft mehr betonen. Also auf der einen Seite ja, Erinnern ist wichtig. Auch Probleme zu benennen ist wichtig. Aber wenn man auch mal sieht, dass in diesem Moment des Zusammenkommens so wahnsinnig viel Kraft drin steckt, umzugestalten und dann auch bei allen Schwierigkeiten, die wir jetzt haben, auch bei allen Spaltungstendenzen, würde ich doch sagen, es ist insgesamt ein Geschenk, wieder zusammen in einem Land leben zu dürfen. Wenn man mal nach Nordkorea guckt, ob das jemals wieder was werden konnte. Es ist eine ganz große Frage, zumal viele Südkoreaner mittlerweile auch sagen was sollten wir denn mit den armen Leuten im Norden überhaupt? Also, dass das mal irgendwie wieder einen Prozess gibt. Das wage ich zu bezweifeln. Und da sind wir wahnsinnig viel weiter. Deswegen können wir in 20 Jahren vielleicht noch viel stärker über die Kraft reden. Und eine Sache würde ich auch mal empfehlen. Also ich war sehr beeindruckt von einer Ausstellung, die steht gerade in Berlin. Nennt sich Roads. Not Taken ist von Dan Diner konzipiert und die erste Station ist 1989. Und was er halt macht, ist das ist also. Er stellt dem realen historischen Ablauf entgegen. Wie hätte es auch kommen können. Und er entwickelt nicht eine Utopie, wie es noch hätte sein können, sondern es hätte ja auch die chinesische Lösung geben können, dass eben gar nichts geworden wäre. Und insofern würde ich sagen, alleine aus dem Wissen heraus, wie es in Korea heute aussieht, wie es auch hätte kommen können, 1989 90 würde ich mal sagen, es ist eine ganze Menge geschafft. Man hat sicherlich noch Arbeit vor sich, aber ich würde sagen, diese Kraft mal da rauszunehmen und wirklich auch hoffnungsvoll in die Zukunft zu gucken. #01:32:13-2#

Moritz Glenk: Das wäre schon fast ein hoffnungsvolles Schlusswort. Aber trotzdem, Herr Siegmund, würde ich gern noch Ihre Perspektive darauf erfahren. #01:32:21-2#

Jörg Siegmund : Also zunächst mal hoffe ich, dass wir im Jahr 2040 auch über die deutsche Einheit und über den Zustand unseres Landes vielleicht, um es so zu formulieren, diskutieren können, lebhaft, auch streitig kontrovers diskutieren können, weil wir nach wie vor in einer Demokratie leben, wo streitige Diskussionen auf jeden Fall möglich sind und wichtig sind. Ich glaube, dass wir anders haben werden, auch 2040. Vielleicht über die Einheit und die dann wirklich nicht mehr neuen Länder, aber zumindest die ostdeutschen Länder zu reden, weil der Osten anders bleiben wird. Um den Untertitel vom Buch von Steffen Mau kurz zu zitieren. Ich hoffe aber, dass wir, so wie das Frau Gros auch gesagt hat, mit Zuversicht darüber diskutieren und erkennen, dass Zukunft gestaltet werden kann und dass da eine Riesenkraft auch wir vielleicht aus den Erfahrungen, auch aus diesen Jahren 1989 90 und folgenden ziehen können. #01:33:16-5#

Moritz Glenk: Das klingt doch auch zuversichtlich. Ich will an der Stelle trotzdem noch ganz kurz auch einen ganz kleinen Blick in die Zukunft werfen und sagen. Im Januar haben wir Daniel Schreiber hier mit seinem Buch Liebe einen Aufruf. Wir werden auch im kommenden Jahr auch ein strittiges Thema werden, auch über Palästina diskutieren am 5. Februar hier. Also wir haben spannende Lesungen, spannende gesellschaftspolitische Veranstaltungen. Sie können auch dort hier unsere Demokratie Flyer zu gesellschaftspolitischen Veranstaltungen finden und gerne mitnehmen. Jetzt aber erst mal herzlichen Dank an die Podiumsgäste und vielen Dank, dass Sie alle den Weg hier kurz vor Weihnachten auf sich genommen haben. Und wir wünschen allen schöne Feiertage und noch einen schönen Dienstagabend. Danke schön. #01:34:03-2#

Dieses Projekt/Diese Maßnahme/Initiative leistet einen wichtigen Beitrag, Nürnberg schrittweise inklusiver zu gestalten. Es/Sie ist Teil des Nürnberger Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Den Ersten Aktionsplan hat der Nürnberger Stadtrat im Dezember 2021 einstimmig beschlossen. Um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in Nürnberg zu verwirklichen, wurden und werden umfangreiche Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Weitere Informationen finden Sie unter www.inklusion.nuernberg.de.

35 Jahre Einheit: persönliche Erinnerungen, politische Brüche und offene Wunden. Eine ehrliche Debatte über Ost, West und die Zukunft der Demokratie.

Dies ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung „35 Jahre deutsche Einheit – erinnern, erzählen, gestalten“ am 16. Dezember 2025 im Bildungszentrum Nürnberg. Gefördert wurde die Veranstaltung von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die den Teilnehmenden vor Ort einen kostenlosen Besuch ermöglichte.

35 Jahre nach der deutschen Einheit stellt sich erneut die Frage: Wie geeint ist Deutschland wirklich? In dieser Podcastfolge diskutiert Moderator Moritz Glenk mit den Gästen über Erinnerungen, Brüche und offene Fragen rund um Wiedervereinigung, Demokratie und politische Kultur.

Aline Gros (Point-Alpha-Stiftung), Jörg Siegmund (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Mark Kaller (Nürnberger Freundeskreis Deutsche Einheit e. V.) bringen sehr unterschiedliche Perspektiven ein – geprägt von eigenen Biografien in Ost und West, wissenschaftlicher Analyse und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Im Gespräch geht es um persönliche Erfahrungen rund um den Mauerfall, Euphorie und Ernüchterung der 1990er-Jahre, Bildungs- und Identitätsbrüche, den Umgang mit DDR-Geschichte sowie die langfristigen Folgen der Transformation. Die Gäste sprechen offen über Verunsicherung, verlorene Sicherheiten, neue Chancen – aber auch über Rechtsextremismus, politische Repräsentation und das Wiedererstarken von Ost-West-Zuschreibungen bis in die junge Generation.

Die Folge verbindet Zeitzeugenschaft mit politischer Analyse und stellt unbequeme, aber notwendige Fragen: Was wurde versäumt? Was wirkt bis heute nach? Und wie können Dialog, politische Bildung und Begegnung helfen, neue Gräben zu überwinden?

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Veranstaltungshinweise:

Über die Reihe „Sachbuch des Monats“

Themen und Menschen, Entdeckungen und Streitgespräche – selbstverständlich lässt sich ein umfassendes Sachbuch in 90 Minuten nicht vollständig erschließen. Dennoch bieten die Veranstaltungen der Reihe zahlreiche Impulse, neue Perspektiven und inspirierende Begegnungen. Die Bücher müssen nicht vorab gelesen sein. Jede Veranstaltung wird von einer anderen Referentin oder einem Kursleitenden moderiert, die bzw. der einen besonderen Bezug zum Thema hat; gelegentlich stellen die Autorinnen oder Autoren ihr Buch persönlich vor. Ab Januar 2026 geht die Reihe „Sachbuch des Monats“ weiter:
Sachbuch des Monats | Bildungszentrum Nürnberg

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Aufgenommen am: 16. Dezember 2025 
Veröffentlicht am: 5. Februar 2026 
Moderation: Moritz Glenk
Im Gespräch: Aline Gros (Point-Alpha-Stiftung), Jörg Siegmund (Akademie für Politische Bildung Tutzing) und Mark Kaller (Nürnberger Freundeskreis Deutsche Einheit e. V.) 

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Alle weiteren Folgen von KontaktAufnahme – der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg finden Sie hier. Einmal im Monat, immer donnerstags, erscheint ein neues Gespräch.

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