Podcast-Team trifft texttage Festival: Warum so euphorisch bei der Besprechung von Themen, Workshops und Autorinnen?
Ansage: Kontaktaufnahme. Der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg. #00:00:10-9#
Katharina: Herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe der Kontaktaufnahme. Und ich freue mich total, denn heute sind wir alle mit dabei und sprechen voller Vorfreude auf die Texttage Nürnberg, die vom 25. bis zum 27. Juni stattfinden. Wir feiern natürlich die Literatur, wir feiern Texte, aber wir feiern ganz besonders die Schreibprozesse, die Entstehungsprozesse dieser Texte und Bücher und eben auch die ganz nahen Begegnungen mit den Autorinnen, die im Fokus stehen. Jetzt sage ich erstmal Hallo in die Runde. Schön, dass wir alle zusammen sind. Liebe Podcasterinn, lieber Podcaster, in alphabetischer Reihenfolge sind wir: Hallo, Anne Wasmuth, Christina Gleich, Grazyna Wanat, die Mutter der Texttage, Hallo, Hannah und Hallo, Tobias. Und außerdem haben wir heute Verstärkung von Kathleen Röber. Kathleen, als Literaturkoordination Bildungscampus der Stadt Nürnberg. Du bist seit Wochen mit Herz und Hand mit den Vorbereitungen der Texttage beschäftigt. Was genau machst du? #00:01:22-1#
Kathleen Röber: Ja, mein Teil ist sozusagen relativ einfach beschrieben. Ich bin zuständig für das Netzwerk hier, Fränkische Szene, Literatur und Grazyna Wanat, die ja 2019 das schon konzipiert hatte, dieses tolle Festival, war bereit, die Szene auf dem Platz zu lassen. So würde ich es mal sagen. Wir haben jetzt aus dem Netzwerk der fränkischen Literaturszene hier über 30 Programmpunkte für den Textualienmarkt zusammengestellt. Und was man da erleben kann, ist wirklich Begegnungen, interessante Workshop Sachen also von: "Wie textet man Bier" über "Mundart-Slam Fränkisch" zu wirklich ausgefallenen, streitbaren Sachen, die man hier entdecken kann. Genau, und das bereite ich gerade vor. #00:02:04-2#
Grazyna Wanat: Naja, und natürlich ist Katharina auch mit dabei. Dich haben wir noch nicht vorgestellt. #00:02:09-0#
Katharina: Danke schön, Grazyna. Grazyna, als Macherin der Texttage mit Herz und Hand. Bist du aufgeregt? Wie geht es dir gerade? #00:02:22-3#
Grazyna Wanat: Ich bin unglaublich aufgeregt. Vor allem liegt es daran, dass wir immer noch nicht wissen, ob wir es tatsächlich in Präsenz durchführen können oder nicht. Aber wir hoffen sehr stark darauf. #00:02:35-0#
Katharina: Es wäre so, so schön. Vor allem dieser Hof. Ich freue mich einfach auf diesen Hof, auf die Atmosphäre unter der Plantane. Zurück zum Inhalt. 2019 gab es die viel gelobte Premiere auf dem Gewerbemuseumsplatz. Grazyna, du hast einen fantastischen Spürsinn in der Auswahl der Autorinnen und Autoren bewiesen. Denn die danach mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Olga Tokarczuk war zu Gast, und ich glaube, das diesjährige Literaturfest wird dem nicht nachstehen. Wir haben ganz, ganz tolle Autorinnen da und sind unheimlich gespannt sowohl auf die Begegnung, als auch auf die Texte. Jetzt ist es so: acht Autorinnen, acht Bücher, acht Podcaster*innen, sag ich mal, wir haben gelesen, wir haben nachgedacht und wir möchten das miteinander teilen und unsere Gedanken dazu offenlegen. Anfangen tun wir mit Hannah Diemer. Hannah, du hast das Buch "Kintsugi" von Miku Sophie Kühmel gelesen. Wie ging es dir damit? #00:03:42-7#
Hannah Diemer: Ich habe mich wahnsinnig über dieses Buch gefreut. Also zuerst bin ich ganz normal auf dieses Buch zugegangen, habe es einfach so gelesen und dann ist mir aufgefallen, dass es um eine Familie geht, die aber keine typische Familienkonstellation ist, sondern es ist ein schwules Pärchen, deren Freund und dessen Tochter. Und die sind aber so in dieser Familie zu Hause. Und es geht um ein Wochenende, die diese Familie gemeinsam verbringt. Und ich fand es unglaublich toll, ein neues Familienformat lesen zu können, das nicht nur unglücklich ist und in dem es nicht nur Streit und Zerbrechen gibt, aber eben auch Streit und Zerbrechen. Aber wo es darum geht, dass es einfach schön ist und dass es was Gutes sein kann. In dem Flyer von den Texttagen ist beschrieben, dass es ein ganz psychologisch raffiniertes Kammerspiel im Quadrat ist, bei dem genremäßig am Ende nichts mehr so ist wie am Anfang. Und das kann ich ganz genau so unterschreiben. Und man beginnt zu lesen und man lernt die einzelnen Charaktere sehr gut kennen, weil das Buch ist so aufgebaut, dass man in jedem der vier Charaktere reinschlüpfen kann und das Wochenende aus jedem der vier Charaktere erleben kann. Ich fand es ein wahnsinnig tolles Buch. Man schlüpft von Anfang an in die Charaktere hinein und Miku Sophie Kühmel macht das mit unglaublich viel Feingefühl und es ist ein sehr emphatisches Buch, da ich jede Sicht der Personen mal ausprobieren kann und mich da hineinversetzen kann. Und ich finde das sehr, sehr beeindruckend, wie feinfühlig sie das gemacht hat. Und das ist ein unglaublich beeindruckendes Buch, was einen nachhaltig noch beschäftigen wird. #00:05:25-6#
Grazyna Wanat: Was ich unglaublich an diesem Buch finde, ist, dass die Autorin, die so jung ist, in diese Rollen schlüpfen kann. Und wenn das aus einer Ich-Perspektive von einem von diesen Protagonisten ein Fragment beschrieben wird, das sind 40-jährige Männer. Und du glaubst, wenn du es liest, glaubst du wirklich, dass es eine Männerstimme ist und dass das ein männlicher, 40-jähriger schwuler Erzähler ist, der das erzählt. Ich finde das eine tolle schriftstellerische Leistung, was sie da macht. #00:05:57-7#
Hannah Diemer: Ganz genau so ist es mir auch gegangen. Also ich habe zuerst nicht gewusst, wer Miku Sophie Kühmel ist. Und ich habe das Buch gelesen und habe danach erst geschaut, wer die Autorin ist. Und mir ist wirklich die Kinnlade runter gefallen, weil sie ist einfach 92 geboren und ich würde sie so gerne kennenlernen und sie mal fragen, wie sie zu den Inspirationen gekommen ist und wie sie so viel Einfühlungsvermögen in solche Persönlichkeiten einfach gefunden hat. Weil das ist das, was wirklich am beeindruckendsten an diesem ganzen Buch ist. #00:06:26-0#
Anne Wasmuth: Komm einfach zu den Texttagen, dann kannst du das. Ja, sie kommt. #00:06:31-0#
Grazyna Wanat: Die Gelegenheit wirst du haben. Ja. #00:06:33-9#
Hannah Diemer: Da freue ich mich wirklich schon sehr. Und auch von Ihrer Schreibtechnik her ist es wirklich ganz besonders, weil sie wechselt ein Drehbuchstil ab mit einer ganz normalen Prosa Textform. Und es bringt noch mal ganz viel Dynamik rein. Also jedes zweite Kapitel quasi endet mit so einem Drehbuchformat, weil einfach alle Personen miteinander sprechen und dann wechselt man wieder die Perspektive in die nächste Person und es wird immer spannender, weil man zuerst natürlich denkt, man sieht nur die Perspektive von einer Person, aber dann bekommt man langsam mit: "Okay, jetzt kann ich noch mal in die nächste Person hineinschlüpfen und nochmal in die andere. Und wie geht es eigentlich der vierten?" Und bei jeder Person kommt noch mal so eine ganz neue Komponente auf, wo man sich nur denkt: "Wow, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet". Und das ist wirklich sehr, sehr abwechslungsreich. Ein ganz tolles, spannendes Buch. #00:07:27-1#
Grazyna Wanat: Ja, und Miku Sophie Kühmel kommt nicht nur, wie alle diese Autorinnen, nicht nur für eine Lesung, sondern sie macht auch ein Schreibworkshop hier bei uns. Und sie hat uns auch eine Sprachnachricht geschickt. #00:07:38-6#
Miku Sophie Kühmel: Hallo, mein Name ist Miku Sophie Kühmel und in meinem ersten Roman "Kintsugi" ging es um zwei schwule Männer und überhaupt um queere Personen. Und ich bin kein schwuler Mann, auch wenn ich eine queere Person bin. Und in meinem Workshop bei den Texttagen soll es um Diversity Writing gehen. Das Schreiben von alternativen Lebens- und Liebeskonzepten. Und ja, es soll gehen um all diese Geschichten, die irgendwie nicht erzählt werden und die nicht stattfinden und warum ich das wichtig finde, dass sie stattfinden. Und es soll auch ein bisschen um die Technik gehen, wie man eben verschiedene Perspektiven einnimmt oder wie man eben auch über das Fremde, das Andere schreibt, ohne pathologisierend zu werden. Und wie man überhaupt so ein Spektrum, wie man Vielfalt, vielleicht abbilden kann oder möchte und was so Wege sind, an die man bisher möglicherweise noch gar nicht gedacht hat, um genau das zu tun. Ich freue mich, wenn wir uns da sehen. Ob digital oder nicht. #00:08:48-3#
Katharina: Anne, du hast dir Nina Bußmann vorgenommen mit dem Buch "Dickicht". Wie hat es dir gefallen? #00:09:00-4#
Anne Wasmuth: Genau. Ich muss da eine Vorrede zu machen. Ich habe das Gefühl, ich bin das, vom Buch her, das genaue Gegenteil von dem, wie es Hannah ergangen ist. Ganz ehrlich, ich war total sauer auf euch, weil das das letzte Buch war, was noch zu vergeben war zum Anschauen und heute zu besprechen. Und ich dachte, was kann das für ein Buch sein, was da übrig ist? Also ich habe voll die Vorurteile gehabt. Und dann war auch noch ungünstig: Ich habe den Kardinalfehler gemacht, ich habe eine Rezension gelesen und da stand drin: "Total schwer zu lesen." Und dann dachte ich: "Oh nee, das war Absicht von euch, war Absicht oder?" Ihr schweigt alle. Es traut sich keiner. #00:09:45-1#
Anne Wasmuth: Na gut, ich musste dann ja anfangen zu lesen und. Und habe es gelesen und muss wirklich sagen, die Liebe kam beim Lesen und vor allen Dingen die Ehrfurcht und die Demut vor dem, was die Autorin da geleistet hat. Also, es ist ein Buch. Wenn man jetzt Chronologie erwartet oder Spannung erwartet oder ganz viel Handlung erwartet, dann darfst du das nicht lesen. Aber es ist ein Buch, wo unglaublich viel drinsteht und ich auch das Gefühl habe, ich habe sehr, sehr viel verpasst. Und ich könnte eigentlich das noch mal lesen und würde wieder was Neues entdecken. Es geht und das muss man sagen, es ist so aktuell, obwohl sie es ja vor der Pandemie geschrieben hat. Und es hat so viele aktuelle Themen. Es geht um Einsamkeit. Es geht eben auch um Alkoholismus, es geht um Esoterik, es geht um einfach das Ich. Und das hat auch lange gedauert, weshalb ich wahrscheinlich einfach auch zu dumm war für dieses Buch. Es heißt ja "Dickicht" und im Cover sieht man, dass das "Ich" in "Dickicht" gelb umkreist ist und dass sozusagen Menschen in einem Dickicht sind und irgendwie versuchen rauszufinden und sich in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen und alleine eben nicht funktionieren und das versuchen durch einander helfen irgendwie zu sublimieren usw. Das ist total spannend, aber eben auf eine ganz andere Art spannend als jetzt Hannah's Buch zum Beispiel. Aber ich würde euch gerne ein paar. Also ich habe so ein paar Top Ten Sätze, die ich euch einfach gerne sagen würde. Es sind einfach so Sätze, die könnten, da könnte ein Philosophieseminar drüber philosophieren oder eine Psychologieklasse oder das könnte ein Kalenderspruch sein. Es ist einfach total reich und wo man dann eigentlich aufhören muss und darüber nachdenken. Also, ich sag euch jetzt einfach mal was, zum Beispiel: "Aber sind wir das nicht alle? Zusammengesetzt aus den Phrasen und Gesten anderer?" Das ist doch so ein Satz, da kannst du nicht einfach weiterlesen. Da musst du doch erst mal drüber nachdenken. Dann noch so ein Satz: "Erzählen, um etwas anderes nicht zu erzählen." Super cool, oder? Also allein das reicht doch schon, oder: "Ich kann nicht anders. Wenn ich helfen darf, vergesse ich meine eigenen Angelegenheiten." Also, da steckt so viel drin, wo ich sage, ich habe jetzt keine Empathie für diese Figuren bekommen, die auch zum Teil nur lose miteinander verbunden sind, aber das, was sie nicht unbedingt erleben, sondern wie das Leben mit ihnen spielt oder sie sich verhalten. Da kommen einem immer wieder Dinge sehr bekannt vor, auch wenn diese Personen vielleicht einem fremd bleiben oder sind. Noch so zwei Sätze: "Und du?, fragte Gila, Was war bei dir so los, als ob sie mit nichts Starkem rechnete? Also wollte Katja dem wenigstens eine Geschichte entgegensetzen." #00:12:54-3#
Grazyna Wanat: Machen wir oft genug, oder? #00:12:56-9#
Anne Wasmuth: Ja, total. Also es geht ganz viel um um Konstruktion des eigenen Ichs, um Storytelling der eigenen Person. Also das ist total spannend. Noch ein Satz: "Wer springt, muss nicht fallen. Wenn man es richtig macht, fliegt man." #00:13:13-7#
Grazyna Wanat: Was ich auch unheimlich finde ist, ich mache mir auch Notizen zu den Büchern, die ich lese und auf meinen Notizen ganz oben stehen auch unglaubliche Sätze. Ich schwöre, ich habe es genauso wie du auch wahrgenommen, wie sie diese Sätze konstruiert und wie viel Gehalt in diesen Sätzen versteckt ist. #00:13:34-2#
Anne Wasmuth: Ja, also da steckt so viel Weisheit drin. Darf ich noch einen sagen? "Befreiung heißt erkennen, dass sich alle, wirklich alle Geschichten auch anders erzählen lassen." #00:13:47-2#
Grazyna Wanat: Nina Bußmann hat uns auch eine Nachricht geschickt. #00:13:50-0#
Nina Bußmann: Kürzlich hat eine andere Autorin zu mir gesagt, aus der Perspektive einer jüngeren Frau zu schreiben, das sei ja leicht, weil sie ja auch mal jung gewesen ist. Und eine alte Frau war sie noch nie, und deswegen kann sie das nicht so gut erzählen. Da habe ich gestaunt, weil ich glaube oder ich hoffe, dass man eigentlich alles machen kann. Man muss es halt gut machen. Ich glaube, dass wir alle ein Alter und einen Klang haben, mit dem wir uns besonders wohlfühlen. Und in dem Workshop würde ich gern probieren, dass wir einerseits rausfinden, welches Alter und welche Stimme das ist. Da kann auch ein altkluges Kind sein oder eine kindische Alte. Und ich möchte versuchen, dass wir aus dieser vertrauten Zone rauskommen und auch probieren zu erzählen, was wir noch nicht erlebt haben. #00:14:53-7#
Katharina: Anne, ich möchte anknüpfen an das Thema, das du gerade erwähnt hast: Beziehungen und Einsamkeit. Darum geht es nämlich unter anderem auch in dem Buch, das ich lesen durfte. Und zwar habe ich mir das Buch "Wer wir sind" von Lena Gorelik ausgesucht. Ja, Lena Gorelik und dieses Buch, also fantastisch. Wirklich fantastisch. Es ist erst am 18. Mai erschienen, also noch ganz frisch, quasi ungelesen und jungfräulich. Es ist eine Autobiographie und sie beschreibt darin ihren eigenen Weg auf der Suche nach sich selbst und wie sie sich selbst gefunden hat. Sie beobachtet die Gesellschaft der 90er Jahre in Deutschland, der 90er Jahre in Russland. Sie beobachtet ihre Familie: Mutter, Vater, ihre Oma, und sie selbst natürlich. Denn Lena Gorelik kam in den 90er Jahren im Zuge der Kontingentflüchtlingsgesetze, also der damals sogenannten Kontingentflüchtlingesetze, von Sankt Petersburg nach Baden Württemberg. Damals war sie elf Jahre, und sie beschreibt ebenso diese Zeit, in der sie letztlich ihre Kindheit verließ, ihre Kindheit in Russland und nach Deutschland kam, mit ihrer Mutter, mit ihrem Vater, mit ihrer Oma. Drei verschiedene Generationen, drei Generationen, die unterschiedlich mit der Migration umgehen. Sie verlässt ihre Kindheit, die Sommer in der Datscha, den toten Opa, den toten Onkel und wächst quasi als die Fremde in Deutschland auf, entdeckt die Freiheit, entdeckt eine ganz neue Art der Freiheit, lernt Entscheidungen zu treffen und ihre Eltern tatsächlich hingegen beschreibt sie als ja, im Sehnsuchtswesten angekommen und dabei so eine ganz starke Russland Nostalgie entwickelnt. Das Buch ist voller Erinnerungen und voller Gerüche und Beobachtungen, was sie unheimlich stark durch ihre Sprache ausdrücken kann. Beim Lesen fällt einem ständig auf, dass sich die Autorin in dieser Autobiographie eigentlich immer in einem Zwiespalt befindet, immer so eine Gratwanderung leisten muss zwischen Stolz und Scham und zwischen Eigensinn und Anpassung. Und dabei entsteht so eine ganz starke Geschichte. Geschichte der Familie und Geschichte dieser Frau, Geschichte von Lena Gorelik und dem, was sie heute ist, nämlich eine jetzt gerade in München lebende Journalistin, Autorin, Mutter, die man unbedingt anhören muss, wenn es um Neo Antisemitismus, Antisemitismus, um die wir um eine diverse Gesellschaft geht. Also was total beeindruckt in diesem Buch, ist einfach die Erzählsprache. Sie spricht also sie hat irgendwie die Fähigkeit, die deutsche Sprache außer Kraft zu setzen, so dass man wirklich in diese Erinnerungen, in diese Kindheit mit hineingezogen wird. Sie schreibt, wie sie lacht, wie sie weint, wie sie sich bewegt. Man hat das Gefühl, man sitzt neben ihr, neben ihrer Oma im Sommer. Es rinnt einem kaltes Wasser die Hände runter, weil man muss sich mit kaltem Wasser die Hände schrubben, die vom Kartoffelernten ganz erdig sind. Und man ist so dabei. Und teilweise wird die Prosa tatsächlich zum Vers. Irgendwie gelingt ihr das. Und so nimmt sie die Leserin oder die Lesende mit. Das ist wahnsinnig spannend und spannend ist dann eben auch, dass sie diese Ambivalenz und diesen ständigen Zwiespalt, den drückt sie in ihrer Sprache aus, weil sie für gewisse Dinge, für gewisse Dinge scheint es keine deutschen Worte zu geben. Also das heißt, sie schreibt auf Russisch, sie schreibt auf Kyrillisch Dinge, die einfach in der deutschen Sprache keinen Platz oder keine Existenz haben, wohingegen dann andere Dinge nur in Deutsch gesagt werden können. Und ganz beeindruckend finde ich dann die Art und Weise, wie sie diese unterschiedlich, diese zwei Sprachen für sich charakterisiert. Sie sagt, die russische Sprache ist für sie die Sprache ihrer Mutter, die Sprache ihres Vaters und die Sprache, in der sie das Lieben lernte. Und die deutsche Sprache ist die Sprache, in der sie lernte. Was es bedeutet, das Ich zu sein und den Begriff des Ichs zu benutzen. Weil in Russland brachte man uns nur das Wir bei. Das finde ich so ganz, ganz stark und das drückt so sehr aus, warum sie unbedingt diese beiden Sprachen vereinen muss und diese beiden Schriften ja letztlich auch. Was es mir als Leserin natürlich erst mal schwierig macht. Das ist wie ein Stolperstein. Ich ich kann nicht kyrillisch lesen, aber irgendwie wird man dann doch dazu angeleitet, versuchen es auszusprechen, weil sie dann Aussprachehilfen noch danebenstellt, sodass man da wirklich auch einen hohen Anspruch irgendwie an sich als als Lesende entwickelt. Dieses Schreiben aus dem Ich, also das ist irgendwie so eine ganz wahnsinnig spannende Sache, weil sie eben in diesen autobiographischen Fragmenten, die sie da aneinandersetzt, so intime Details ihres eigenen Lebens und ganz intime Details ihrer Familie preisgibt über den zu Wasser gegangenen Onkel, den verstorbenen Opa, die Sprachlosigkeit der Familie, dazu das sich fremd Fühlen über antisemitische Begegnungen, über den Schmerz des Heimatverlusts der Eltern. Also so Dinge, die sind ja wirklich da. Und ich frage mich, wie schafft Lena Gorelik das? Ist sie da vorsichtig? Oder ist sie schonungslos? Denn sie schreibt es ja nicht nur für sich. Sie schreibt das ja für ihre ganze Familie. Und sie legt da Dinge preis, die unheimlich viel Mut erfordern, das in Worte zu fassen. Auf der anderen Seite schafft sie es dadurch natürlich auch, die Sprachlosigkeit der Familie, der Eltern, doch Worte und ein Gesicht zu geben. Ich finde das wahnsinnig spannend und spannend, finde ich vor allem: Ich hatte eine schon jahrelang zurückliegende Begegnung mit Lena Gorelik und dabei erfuhr ich, wie sie schreibt. Und das finde ich vor allem in Bezug auf diese fragmentarischen Erinnerungsgeschichten immer wieder mit Bezug auf die Gegenwart.so spannend, weil Lena Gorelik schreibt tatsächlich buchstäblich mit Schere und Kleber. Das heißt, ich sehe sie vor meinem gedanklichen Auge. Sie sitzt auf dem Arbeitszimmer, Boden, umringt von ausgedruckten Texten, tollen Texten, aber total Durcheinander. Farblich markiert, thematisch, chronologisch, irgendwie farblich markiert, hat die Schere in der Hand und fängt an zu schneiden und schneidet da Erinnerungsteile raus. Vielleicht voller Liebe, aber auch irgendwie so martialisch und klebt sie irgendwo anders hin. Und so entsteht dieses Ding, das sie jetzt in der Hand hat mit Erscheinen des Buches. Und diese, ich möchte fast sagen, diese Annäherung, aller Zwiespalte und das hat mich so beeindruckt und ich bewundere sie wirklich für Ihren Mut. Und das ist irgendwie wirklich ein Kunsthandwerk. Toll. Also unbedingt lesen. Und ich freue mich so, dass sie kommt. Und ich möchte ihr unbedingt eben wie gesagt diese Frage stellen: "Wie schafft man das, so stark über die eigene Geschichte zu schreiben? #00:22:09-7#
Grazyna Wanat: Katharina, du darfst diese Frage stellen, weil du wirst die Lesung mit Lena Gorelik moderieren. #00:22:16-2#
Katharina: Ja, ich freue mich! #00:22:18-2#
Grazyna Wanat: Man merkt sofort, du bist die beste Person, die die Moderation übernimmt. Und vielleicht lohnt es sich jetzt auch an dieser Stelle zu sagen, dass die Lesungen bei uns einen ganz besonderen Charakter haben. Weil es geht bei unseren Lesungen nicht darum, dass die Autorinnen einfach aus dem Buch lesen oder vorlesen, sondern dass sie wirklich ein Gespräch mit dem Publikum führen und dass sie ein bisschen darüber erzählen, wie ihre Bücher entstehen. Und dann darf man jede mögliche Frage auch stellen. Also ich freue mich auch riesig darauf. Und das Buch habe ich tatsächlich noch nicht gelesen und bin noch neugieriger auf dieses Buch jetzt. #00:22:54-8#
Katharina: Lena Gorelik hat uns auch eine Sprachnachricht geschickt. #00:23:01-2#
Lena Gorelik: Dem eigenen Ich, kann man beim Schreiben nicht entkommen. Das habe ich zumindest beim Schreiben sehr schnell festgestellt. Selbst wenn man auf "Teufel komm raus" versucht, über etwas zu schreiben, was man nicht kennt, was man selbst nicht ist, was man selbst nicht erlebt hat, arbeitet man sich damit ja auch an den eigenen Erfahrungen ab, eben als Negativfolie. Was macht man aber mit diesem Ich? Wie lässt man es in den Text hinein? Wie distanziert man sich von dem Ich? Wie viel Ich, will ich in meinem Text haben und wann will ich es auf keinen Fall? Wie gehe ich reflektiert damit um? Wie gehe ich bewusst damit um und wie kann ich im Schreiben damit spielen? Mit diesen Fragen wollen wir uns auseinandersetzen. Wir wollen uns an ihnen abarbeiten. Wir wollen stolpern, wir wollen lachen. Wir wollen uns freuen und uns hinterfragen. Und wir wollen zusammen schreiben. #00:23:58-8#
Katharina: Tobias, du hast das Buch "Kein Sturm, nur Wetter "von Judith Kuckart gelesen? #00:24:07-4#
Tobias: Ja, ganz genau. Und da ist auch die Entstehungsgeschichte eigentlich auch wieder ganz spannend, die wir gerade hatten. Sie hat nämlich für das Buch ein Praktikum absolviert, und zwar in der Uniklinik, in Heidelberg, in der Neurologie. Also das ist jetzt die Frage, die ich ihr dann bei der Lesung stellen werde. Aber ich würde noch mal mit einer anderen Sache anfangen. Judith Kuckart hat nämlich nicht immer nur geschrieben, sondern sie kommt auch ganz dezidiert aus der Richtung Tanz. Sie hat neben ihrem Literatur- und Theaterwissenschaft Studium auch eine Tanzausbildung absolviert und schon sehr früh, 1984, ein Tanztheater gegründet, das Skoronel, das es bis heute in der einen oder anderen Form gibt. Und sie hat lange Jahre eigene Produktionen in diesem Tanztheater gemacht, hat als Regisseurin gearbeitet, als Tänzerin. Und sie kam zum Schreiben tatsächlich über Tanz und Theater und sagt selber, dass sie die Körpersprache und die poetische Sprache als Einheit erfahrbar machen möchte. Und das ist so ein Zugang, der sich nicht sofort in dem Buch erschließt. In "Kein Sturm, nur Wetter", aber dann doch irgendwann so durchsickert. Und zwar geht es in diesem Buch auch viel um Erinnern. Und diese Erinnerungen, die sind so rhythmisch auch aneinandergeschaltet und gleichzeitig haben die auch was Improvisiertes, das dann doch am Ende auch sehr stark an das Tänzerische wieder erinnert. Judith Kuckart ist eine Autorin mit relativ vielen Veröffentlichungen schon. Sie hat viele spannende Bücher schon geschrieben und 2019 ist eben "Kein Sturm, nur Wetter" erschienen. Es gibt schon ein bisschen den Roman. Das Ganze beginnt mit einer Frau, die am Flughafen Tegel sitzt, am Sonntagabend im Cafe. Wie man das so macht, ab und zu und dort dann ins Gespräch kommt mit einem Robert Sturm, so heißt er. Und sie findet ihn spannend. Der Robert Sturm ist Geschäftsmann, fliegt nach Sibirien für eine Woche. Und sie weiß In einer Woche kommt er zurück und sie klaut sich eine Visitenkarte aus seinem Geldbeutel in einer günstigen Gelegenheit. Und das ist sozusagen der Rahmen, den dieses Buch dann ausmacht. Es ist unterteilt in Kapitel, die die Wochentage dann wiedergeben und sie wartet im Prinzip darauf, bis dieser Robert Sturm kommt und hofft natürlich, ihn am Flughafen Tegel dann auch wieder zu treffen. In diesem Rahmen und dieser Woche haben wir eigentlich so einen riesen Kosmos an Erinnerungen, der sich da ausbreitet und die sich relativ vielschichtig übereinanderlegen, die assoziativ verschaltet sind und die sich so am Ende zu einem gewissen Bild verweben. Und man fragt sich dann: "Ist das jetzt die Erzählerin? Ist dieses Bild, entspricht das dieser Figur?" Oder ist es dann doch so, wie auch der der Professor, den sie zitiert, einmal gesagt hat, und das steht auch im Cover vorne drin, nämlich der Satz: "Wir sind, was wir vergessen haben." Also in diesem Spannungsfeld bewegt sich dieses Buch irgendwo. Was sind wir? Was macht uns aus? Inwiefern sind wir das, was wir erinnern oder auch das, was wir eben nicht erinnern? Und gleichzeitig kommen in diesem Roman verschiedene Figuren auch vor. Das sind allesamt Männer, die verflossenen Liebschaften, würde ich jetzt mal so salopp sagen. Und eben diese eine Liebschaft, auf die sie wartet, der Robert Sturm. Und die sind alle ganz fixiert auf eine Zahl. Da gibt es eine Zahl, dass ist die 36 und die spielt da immer eine Rolle. Und das ist zum einen, die erste Figur Viktor, der ist 36, als sie ihn trifft. Sie ist 18, die Hälfte davon. Da gibt es den Johann, der ist 36, als sie ihn trifft, und sie ist 36 in diesem Moment. Und dann gibt es noch den Robert Sturm, der auch 36 ist. Wer hätte es gedacht? Und sie ist aber zu diesem Zeitpunkt, also Zeitpunkt des Erzählens 54, also das Doppelte. Das gibt dem Ganzen irgendwie noch mal so eine Grundierung und sie hat selber mal darüber gesagt, dass das natürlich auch so eine Konstante ist, die da irgendwie eine Rolle spielt für diese Figur der Erzählerin, die namenlos bleibt. Sie ist Naturwissenschaftlerin und es gibt ihr natürlich auch da noch mal so einen gewissen Halt in ihren Erinnerungen, die ja so auch durch die Finger ein bisschen rutschen. Über diese Männer, die sie kennengelernt hat, mit denen sie zusammen war, die sie wieder verloren hat, kommen auch zeitgeschichtliche Elemente in das Buch. Das ist auch eine ganz, ganz schöne Dimension, die da noch reinkommt. Viktor ist so ein alter Achtundsechziger, ganz politisch sozialisiert, der ihr so diesen Kosmos eröffnet. Gleichzeitig bleibt dieser Erzählerin dieser Kosmos auch immer so ein bisschen verschlossen. Johann, der Nächste dann in der Reihe, ist promovierter Neurobiologe Ähm nein. Entschuldigung. Sie ist promovierte Neurobiologen und er ist der Dramaturg. Beide sind sie in total prekären Jobs unterwegs, obwohl es ja eigentlich gerade bei ihr nicht der Fall sein müsste. Also eher so, so prekäre Existenzen. Und Johann ist so ein Kind, der aus Ostdeutschland der Wiedervereinigung. Also noch mal ein Thema, das hier so ganz beiläufig mit reinfließt und das aber auch noch mal den Roman etwas vielschichtiger und tiefer macht, als wenn es das nicht gäbe. Ja, ansonsten von der Stimmung: Es ist kein Antidepressivum. Also das darf man sich nicht erwarten von diesem Roman, ist eher so eine melancholische Stimmung. Am Anfang fließt auch so dahin und es dauert eine Weile, bis man in diesen Sog reinkommt, der sich dadurch entwickelt. Es gibt keinen so ganz dezidierten Spannungsbogen, aber das macht dieses Buch auch aus im Prinzip. Und es geht natürlich ganz viel ums Erinnern. Es geht auch dann durch diesen Hintergrund der Hauptfigur darum, inwiefern das Erinnern auch biologisch geprägt ist. Also die ganze neurobiologische Perspektive wird da dadurch natürlich ganz gut reingebracht und kann daran aufgehangen werden. Gleichzeitig ist sie aber ganz stark auch in den metaphorischen Bildern vom Erinnern drin. Also da ist dann die Rede von der Erinnerung als der Hefe und als dem Teig. Und Erinnerung ist dazu da, um Leben überhaupt zu leben, um Gegenwart zu verstehen. Das ist eine ganz spannende Zusammenschaltung von diesen unterschiedlichen Annäherungen an das Erinnern. Und ja, am Ende würde ich sagen, ist es ein Buch, das sich ganz stark existenziellen Fragen nähert, von wirklich verschiedenen Seiten. Es geht um Identität, um Bewusstsein, darum, wer über das Leben entscheidet, ob man es selber ist, ob es am Ende doch nur irgendwelche Synapsen sind, die einen irgendwas machen lassen. Wer die Entscheidungen trifft im eigenen Leben. Und es ist ein Buch, das auch nicht alles erklärt. Das ist das Schöne daran. Es lässt Fragen offen, es lässt Räume offen, macht viele Räume auf und beantwortet diese Fragen aber gleichzeitig nicht. Was für mich auch immer so ein Gütekriterium für Literatur eigentlich ist, für gute Literatur. Es ist auf jeden Fall auch ein Buch, wir hatten das auch schon vorhin, dass ein zweites Lesen wahrscheinlich lohnenswert macht. Da ist auch ganz viel drin, was man, glaube ich, erst so beim zweiten Mal entdecken kann. Ganz viele, auch sprachliche Perlen. Auch diese Sätze, die habe ich mir auch herausgestrichen, die man da erwähnen könnte. Da gibt es ganz, ganz schöne Formulierungen, was sicherlich auch so von dem Hintergrund von Judith Kuckart kommt. Auch dieses Dramaturgische ist durchaus spürbar. Über die Beziehung zu Viktor sagt sie: "Das Gefühl, mit einer Erinnerung verwechselt zu werden und am Ende doch nicht gemeint zu sein, blieb auch in den Jahren danach." Das fand ich einen ganz, ganz schönen Satz, der auch noch mal einfach am Thema dieses Erinnerns aufmacht, wie sie sich auch in dieser ganzen Beziehung fühlt. Sie hat das Gefühl, immer nur eine Erinnerung von ihm zu sein. Das passt auch zu einer Szene, die sie am Anfang, die relativ zentral ist. Sie macht da so ein Schrank auf, von innen verschlossen, und findet da lauter Fotos von Damen in sehr expliziten Posen, die er irgendwann mal fotografiert oder gesammelt hat. Und von diesem Moment an hat sie das Gefühl, eventuell doch nur da zu sein, weil sie eine Erinnerung darstellt für ihren Viktor. Ja, das lassen wir jetzt mal dabei stehen. #00:32:55-7#
Grazyna Wanat: Aber beim Lesen erging es dir ähnlich wie der Anne, dass du dich mit dieser Hauptfigur überhaupt nicht identifizieren konntest. Oder? #00:33:05-8#
Tobias: Es ist keine Figur, mit der man sich sehr stark beim Lesen identifiziert, finde ich, aber auch, weil das einfach so ein Strom von Erinnerungen ist, der mal hier, mal dort wabert. Aber es ist natürlich schon so in den Assoziationen, die da aufscheinen, ist es schon was, wo man in die Figur reinkommt. Also es ist keine Figur, die einem fremd bleibt. Vor allem in diesem Mosaik, das sich dann zusammensetzt, ist es eine sehr komplexe Figur, die aber auch, glaube ich, eben so eine, wie soll man sagen. Die Frage ist ja auch aufgeworfen: "Ist diese Figur irgendwie kohärent?" Und diese Suche nach der eigenen Identität, die scheint die ganze Zeit durch und das ist auch eine Störung in Anführungszeichen, also sie baut auch literarisch ständig solche Störelemente ein, um eben zu verdeutlichen, dass dieser Suchprozess auch bei der Erzählerin da ist. Und von daher ist es jetzt nicht darauf angelegt, dass man sich sofort mit dieser Figur identifizieren kann. Aber das soll es, glaube ich, auch nicht. Macht auch tatsächlich dann in dem Fall den Reiz aus. #00:34:15-4#
Grazyna Wanat: Judith Kuckart ist gerade jetzt mit Theaterproben sehr beschäftigt und so aufgeregt, dass es endlich in der Präsenz wieder geht bei ihr, dass sie uns keine Nachricht schicken konnte. #00:34:30-1#
Katharina: Und weiter geht's mit einem weiteren spannenden Buch von Deniz Ohde und zwar "Streulicht". Grazyna, wie ging es dir damit? #00:34:42-2#
Grazyna Wanat: Ja, also in unserem Gespräch ist schon öfters das Wort Identität gefallen und ich glaube, das ist auch so ein Topos, das sich immer wieder wiederholt. Ich würde jetzt kurz überlegen, ob das nicht in jedem Buch eigentlich auch ein bisschen darum geht, dass die Figuren auf der Suche nach eigener Identität sind oder versuchen, die eigene Identität zu verstehen? #00:35:06-3#
Anne Wasmuth: Auf jeden Fall. #00:35:08-0#

Grazyna Wanat: Schon, ja. Und bei diesem Buch ist es besonders präsent. Wir haben wieder zu tun mit einer Debütantin. Deniz Ohde ist auch eine wahnsinnig junge Autorin, die mit dem ersten Buch sofort auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis gelandet ist. Und das Buch wurde auch besprochen in allen möglichen Felicitas und mehreren Podcast und anderen Formaten. Das würde auch bedeuten, dass sie mit dem Thema, mit dem Buch wirklich perfekt den Nerv der Zeit getroffen hat. Und wie gesagt, einen weiteren Beitrag zu dem aktuellen Diskurs um die Identität und um Sichtbarkeit von gesellschaftlichen Gruppen und von strukturellen Problemen, geliefert hat. Aber wir sprechen über einen Roman und nicht über ein Sachbuch oder eine Studie dazu. Und die Stärke von guten Romanen liegt darin, dass sie solche gesellschaftliche Diskurse als menschliche Erfahrungen sichtbar machen, also zum Beispiel strukturelle Ungleichheiten als private Erfahrungen erzählen. Und so ist es mit diesem Roman. Es gibt hier eine Ich-Erzählerin, die an den Ort zurückkehrt, wo sie aufgewachsen ist, um an der Hochzeit ihrer Schulfreunde teilzunehmen. Und dann erinnert sie sich an ihre Kindheit und an ihre schulische Laufbahn und überlegt, versucht zu verstehen, was dabei und warum so oft etwas schiefgegangen ist. Sie hat es doppelt schwer. Also sie stammt aus einer sozial benachteiligten Familie, aus einer kaputten Familie, und gleichzeitig wird sie von der Gesellschaft als Türkin gelesen. Wobei, anders als die Protagonisten von Lena Gorelik, ist sie nicht nach Deutschland als Migrantin gekommen. Sie ist hier geboren. Ihre Mutter stammt aus der Türkei. Sie selbst ist von hier. Sie spricht nicht mal Türkisch. Und trotzdem wird sie immer wieder von der Gesellschaft als Türkin gelesen. Was sie als Kind überhaupt nicht versteht. Die Mutter ist nicht mehr da, die Mutter hat die Familie verlassen, das Mädchen wird vom Vater großgezogen. Und dieses türkische Element ist in ihrem Gesicht, oder vielleicht in ihren Augenbrauen oder vielleicht in ihren Augen sichtbar. Oder vielleicht in dem zweiten Vornamen, den sie am besten geheim hält. Sie weiß nicht genau, was das ist, was sie so zur Türkin macht. Ich finde, es ist ein unglaublich starkes und auch tolles Buch, was man wirklich schwer weglegen kann. Und die Autorin ist bestimmt, da bin ich mir ganz sicher, eine neue starke Stimme in der deutschen Literatur. Und von der können wir gerne neue Bücher erwarten. Ich habe mitbekommen, dass sie jetzt gerade dabei ist, einen neuen Roman zu schreiben. Und auf den freue ich mich schon jetzt. Und natürlich auf die Begegnung mit Deniz Ohde. #00:38:20-3#
Tamara Bach : Also nur vom Hören, von der Beschreibung her, ist das natürlich ein sowas von aktuelles Thema, so wahnsinnig. Und ich konnte sogar schnell an ein paar Leute denken, die ich kenne, die diese Situation einfach haben. Also die hier geboren sind, aber einen anderer Hintergrund haben oder ein bisschen anders aussehen, als was man so denkt. Und dann damit konfrontiert ist also mit Fragen wie "Woher kommst du?". Also woher soll ich denn kommen? Was möchtest du denn hören? Und das finde ich spannend. Also ich bin neugierig. #00:39:10-4#
Grazyna Wanat: Ich finde toll an der Geschichte, die sie erzählt, dass es keine große rassistische Übergriffe gibt oder so dramatische Geschichten, sondern so ganz subtile Pixel, die sie ständig bekommt. Immer wieder und immer wieder. Und das zeigt wirklich das Phänomen, dass Rassismus von außen gesehen, ganz oft nicht als Rassismus wahrgenommen wird, weil das so ganz kleine Sachen sind. Und dann sagt man sich: "Ach, die ist überempfindlich." Und man kann sich wirklich nicht so in diese Rolle versetzen und in diese Person versetzen, die das immer wieder und immer wieder erlebt und wie gesagt so widersprüchliche Kommunikat bekommt. Zu Hause wird gesagt: "Sei leise!" und in der Schule: "Du musst lauter sprechen!" Und sie als Kind kriegt von keiner Seite Unterstützung. Niemand kann ihr das Selbstbewusstsein geben und erklären, Du kannst damit so oder so umgehen. #00:40:18-3#
Kathleen Röber: Also in dem Roman ist es mir extrem aufgefallen, wie gut sie Orte beschreiben kann, wenn sie durch ihren Heimatort läuft, das hinterlässt als Leser eine sehr, sehr starke Bindung zu dieser Figur. Also es ist nicht nur das Thema, sozusagen Rassismus, was du angesprochen hast oder "Was ist meine Identität", sondern es ist auch eine örtliche Identität. Also wie sie sich mit dem zu Hause, wo sie aufgewachsen ist, sozusagen verbindet. Und das finde ich extrem stark gemacht und auch sprachlich sehr stark gemacht, weil es mich als Leser an diesen Ort holt und nur dann verstehe ich die Figur. #00:40:57-8#
Grazyna Wanat: Und jetzt kommt auch noch eine Sprachnachricht von Deniz Ohde. #00:41:03-5#
Deniz Ohde: Hallo, hier ist Deniz Ohde. Ich leite im Juni einen Schreibworkshop bei den Texttagen Nürnberg, in dem wir uns mit der Wahrhaftigkeit in der Literatur beschäftigen. Wie kann Fiktion sich wahr anfühlen? Was bedeutet das vielbeschworene Wort Authentizität? Wir beschäftigen uns mit theoretischen und literarischen Beispielen und sprechen über unser eigenes Schreiben. Meldet euch gern an! #00:41:31-1#
Katharina: Kathleen. Du hast Julia Schoch gelesen: "Schöne Seelen und Komplizen." #00:41:39-5#
Kathleen Röber: Ja, habe ich gelesen. Ich bin ja heute das erste Mal Gast im Podcast und freue mich, euch meinen persönlichen Geheimtipp quasi heute kurz vorzustellen. Ich bin so rangegangen an das Buch, das ich mit Absicht tatsächlich keine Sachen vorher gelesen habe, keine Kritiken, keine Informationen dazu. Und ich ja, ich möchte einfach ganz persönlich mal rangehen, weil es meiner eigenen Geschichte sehr nahe kommt. Und ich habe einfach überprüft beim Lesen, welche Menschen sind da, wie haben die sich sozusagen entwickelt und worum geht es in dem Buch? Das ist jetzt vielleicht mal das erste Wichtige, was man so erklären muss. Im ersten Teil lernt man in jedem Kapitel eine Figur aus der Ich-Perspektive kennen und es ist ein riesengroßer Figurenreigen von jungen Menschen, die kurz vor dem Abitur stehen, an einem Elitegymnasium im brandenburgischen Teil der DDR. Und das ist wirklich super kurz vor der Wende, da ist das angesiedelt und man hat einen sehr großen Figurenreigen. Und erstaunlicherweise fand ich die männlichen Figuren tatsächlich spannender als die weiblichen. Das hätte ich jetzt auch nicht gedacht, aber ich konnte mich mit denen eher identifizieren. Das ist der erste große Teil, wo man die alle kennenlernt. Und dann kommt der zweite Teil im Buch. Da treffen wir diese Figuren wieder in der Jetztzeit, also so circa 30 Jahre später. Und man sieht, was ist aus diesem Klassenverbund geworden, Wo sind die hingegangen? Also im zweiten Teil hat mich tatsächlich unglaublich berührt, dass man dieses Scheitern dieser Figuren miterleben kann. Also da ist eine große, große, ein großes Gefälle zu dieser Stimmung vor der Wende und zu dieser Stimmung jetzt, also man erlebt sozusagen das Scheitern im Beruf bei einer Figur, das Scheitern in der Liebe, das Scheitern in der Ehe und sogar eine Figur, die mit dem Leben scheitert, weil sie stirbt, weil sie einfach weg ist. Und das ist Bodo Stamm, das finde ich, ist die tragischste Figur. Wir alle kennen ja so Schulsituationen, da gibt es immer den Streber. Es gibt den Nerd, also da gibt es immer so diese Figurenkonstellation. Und dieser Bodo Stamm hat mich im zweiten Teil wahnsinnig berührt. Da würde ich euch ganz gerne einfach mal einen ganz kurzen Satz daraus vorlesen, damit ihr wisst, warum mich dieser zweite Teil so mitgenommen hat: "War ich tatsächlich ein anderer geworden und sollte es stimmen? Verliert man die anderen, indem man ein anderer wird? Ich bin doppelt verschwunden aus ihrem Leben." Ich fühle mich manchmal auch doppelt verschwunden, weil ich tatsächlich auch oft darüber nachdenke, wo eigentlich diese Klassenkameraden sind und wo sie abgeblieben sind. Und genau deshalb fand ich den zweiten Teil so berührend und auch so emotional. Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, diesen Roman zu lesen. Also man kann ihn einmal lesen als Mensch. Da sind Menschen, da sind Figuren, die mir was erzählen über das Vergangene und über die Zukunft. Und selbst dann ist der Roman schon richtig, richtig gut. Also selbst dann macht er wahnsinnig Spaß. Aber man kann ihn auch lesen mit dem Hintergrund dieser DDR Geschichte und dieser Wendezeit. Und das ist etwas, was ich jedem empfehlen würde, sich noch mal ein bisschen an diese Zeit zu erinnern. Und man muss natürlich auch wissen, dass zum Beispiel Gymnasium in der DDR, das war nicht für jeden zugänglich, das ging nur, wenn man linientreu war. Das ging nur, wenn die Eltern in der Partei waren. Also nicht jeder, der gute Noten hatte, durfte auf ein Gymnasium gehen. Und wenn man diese Geschichte mitliest im ersten Teil, dann wird einem auch wahnsinnig klar, warum die Figuren so agieren, wie sie agieren. Und das sozusagen, wovon Julia Schoch schreibt, was sie selbst erlebt hat. Genau das war ihre Zeit, in der sie aufgewachsen ist, macht diese Figuren so authentisch und so wahnsinnig stark, auch in ihrer Zeichnung. Und da ich selbst in der Zeit aufgewachsen bin, kann ich euch nur sagen, also ich teile jetzt mittlerweile diese Leidenschaft, auch sozusagen das Verschwundene und das Vergangene zu suchen, zu fühlen und zu erspüren, was uns als Mensch auch ausmacht. Und ich freue mich wahnsinnig auf Julia Schoch. Wie gesagt, mein Geheimtipp unter den heute hier vorgestellten Büchern. #00:46:05-7#
Katharina: Kannst du uns noch mal erzählen, wo Julia Schoch herkommt, wo sie geboren ist? Du hast, glaube ich, nur erwähnt, wo das Buch spielt, wenn ich es richtig verstanden habe. #00:46:14-7#
Kathleen Röber: Die ist tatsächlich auch in Mecklenburg aufgewachsen und lebt jetzt auch in Potsdam, also ganz nah noch da, wo sie auch aufgewachsen ist und hat die Umbrüche 1989 auch miterlebt. Und ich glaube, deswegen ist das Buch so stark, einfach sind die Figuren auch so stark. Und komischerweise, also diese männlichen Figuren, es gibt sehr viele Figuren hier, die haben mich mehr berührt, das hatte ich vorhin schon mal gesagt. Also zum Beispiel diese Figur von Alexander Wagenthaler, der in seiner Abiturzeit wahnsinnig kreativ ist, aber wusste, dass er niemals und in diesem System, ein Kunststudium anfangen kann. Also das kann man da sehr genau rauslesen, dass das systematisch bedingt war, dass er quasi niemals Künstler werden kann. Und dann trifft man ihn sozusagen in der Jetztzeit und man erlebt, dass er eigentlich einen Job macht, der ihn nicht befriedigt und der auch sozusagen. Er ist übrigens mit einer Ex-Schulkameradin dann auch verheiratet in der Zukunft, und das funktioniert überhaupt gar nicht. Also man sollte denken, dass Menschen, die mit einander aufwachsen, die ein gleiches geschichtliches Thema teilen oder auch miteinander in der Geschichte groß geworden sind. Aber es funktioniert auch gar nicht. Also die Leute entwickeln sich in so unterschiedliche Richtungen, dass hier auch das Scheitern dieser Figuren sehr deutlich wird. Und ich war super melancholisch. Ich habe tatsächlich und das finde ich, macht ein gutes Buch aus und deswegen ist es ein gutes Buch für mich, wenn man in so eine Gefühlswelt kommt, eine eigene. Das kann Freude sein, das kann Humor sein, das kann Traurigkeit sein, das kann alles sein. Aber sobald ein Buch das schafft, mich in irgendeine Gefühlswelt zu reißen, dann ist es gut. Das ist wie im Theater, da gefällt mir auch nicht jede Inszenierung. Aber vielleicht sind die Bühnenbilder gut, vielleicht ist das Schauspiel gut. Das Buch ist einfach sehr gut für ein eigenes Gefühl. Und das bleibt auch. Das ist, was das Buch ausmacht. Das Gefühl bleibt mit mir sozusagen. #00:48:14-6#
Anne Wasmuth: Aber wenn du sagst, da sind zwei Personen, die nicht zusammenbleiben können, dann hat das ja auch vielleicht was mit diesem Umbruch zu tun, dass so plötzlich eine ganz andere Gesellschaftswirklichkeit hast, die anders funktioniert. Und jeder geht damit auch anders um oder entwickelt plötzlich eine andere biografische Linie. Also mir ist das jetzt so deutlich geworden in der Pandemie, wo wir zum ersten Mal in Westdeutschland mit der Situation konfrontiert waren, dass andere Regeln für unser Leben gelten. Und das war zum ersten Mal der Moment, wo ich dachte, jetzt verstehe ich so ganz bisschen gefühlsmäßig, wie es vielleicht euch damals so ergangen ist. Ich finde das hochaktuell. #00:48:55-2#
Kathleen Röber: Ja, also da hast du schon total recht. Leute haben in der Wende natürlich entweder ihre Chance genutzt und haben ihre Träume verwirklicht oder sie sind gefangen geblieben in diesem alten System und konnten sich quasi nicht freimachen. Und das sieht man an vielen Figuren hier, finde ich ziemlich deutlich und ziemlich exemplarisch. Das Schöne ist, dass sie das nicht so , also sie schmiert es einem nicht so aufs Butterbrot. Also man kriegt dieses Geschichtliche nicht so als Leser direkt auf die Stirn geschrieben und es wird nicht immer wieder rausgepackt, sondern entweder weißt du das, dann kannst du das mitlesen oder du liest es halt, wie schon gesagt, als einfach wirklich gut geschriebenen Roman über Menschen und deren Entwicklung. #00:49:37-7#
Anne Wasmuth: Hat sie auch eine Sprachnachricht uns geschickt? #00:49:40-5#
Grazyna Wanat: Ja, das hat sie. #00:49:42-0#
Julia Schoch: Die Perspektiven, oder besser gesagt, die Modelle von Perspektiven, von denen wir in der Schule oder vielleicht an anderer Stelle gehört haben, sind meist ziemlich statisch gedacht. Im konkreten literarischen Text ist das oft viel lebendiger und kunstvoller. Der Kurs ist eine Einladung, sich das erst mal bewusst zu machen, um es dann selbst im eigenen Schreiben auch bewusster anwenden zu können. #00:50:09-0#
Katharina: Mit der Autorin Tamara Bach haben wir eine Preisträgerin im Kreis, und zwar die Preisträgerin des Deutschen Literaturpreises für ihren Roman "Sankt Irgendwas". Unsere Kollegin Vera Deising kann heute leider nicht mit dabei sein. Aber es gab noch andere Leserinnen hier im Kreis. #00:50:32-1#
Grazyna Wanat: Ja, ich finde es schade, dass Vera nicht dabei ist. Wir hatten schon vorher eine kurze Diskussion über dieses Buch und ich glaube, unsere Meinungen liegen auch ein bisschen sehr stark auseinander. Anne, du hast auch das Buch gelesen. Worum geht es in diesem Buch? #00:50:48-1#
Anne Wasmuth: Es geht um eine Klassenfahrt. So kann man das in einem Satz zusammenfassen. #00:50:53-3#
Grazyna Wanat: Genau. Ja, das ist, wie gesagt, ein Jugendbuch. Und tatsächlich erzählt die Geschichte von einer Klassenfahrt. Aber natürlich, mit dieser Klassenfahrt wird eine andere Geschichte auch miterzählt. #00:51:07-6#
Anne Wasmuth: Es gibt eigentlich ein Davor und ein Danach und das Davor. Man muss dazu sagen, dieses ganze Buch und das war jetzt für mich hochspannend, weil ich ja im Gegenteil Nina Bußmann hatte, wo kein einziges Ausrufezeichen in diesem Buch war. Und das Buch "Sankt Irgendwas" besteht nur aus Ausrufezeichen, also eigentlich ausschließlich wörtliche Rede. Und das war sehr spannend in diesem Gegeneinander auch zu lesen. Und es geht eigentlich erst mal um ein Gerücht, dass bei dieser Klassenfahrt irgendwas passiert sein muss. Und das geht bis zu dahin, dass irgendwo eine Bombe hochgegangen ist oder irgendwas passiert ist. Und jetzt soll die ganze Klasse suspendiert werden und das umrahmt sozusagen das, was vielleicht dann passiert, diese Ankunft der Schüler. #00:51:56-5#
Grazyna Wanat: Und wir verraten natürlich nicht, was passiert ist, was tatsächlich passiert ist. Aber ich finde es interessant, dass du so eine Verknüpfung zu deinem anderen Buch, was du vorgestellt hast, findest. Weil mir geht es ähnlich. Ich habe ja über dieses Buch von Deniz Ohde gesprochen und über diese Bildungsgeschichte oder was da eventuell schiefgehen kann aus einem Bildungsweg. Und hier haben wir eine andere Perspektive, hier aus der Perspektive der Jugendlichen tatsächlich, die mit einem Lehrer konfrontiert sind, mit dem sie überhaupt nicht zurechtkommen. So muss man sagen. Also diese Lehrer Figur in diesem Buch ist eine dramatisch schlechte Person, und das bleibt von Anfang an bis zum Schluss so, also das wird nicht so aufgelöst, wie es oft in so Jugend oder Kindergeschichten ist. Dann wird alles wieder gut und hatte nur ein Problem, ein familiäres Problem, aber eigentlich war er eine gute Seele. Nein. Es ist einfach eine problematische Person und ich finde, das ist toll von der Autorin, dass sie ihr Publikum, die Jugendlichen, so ernst nimmt und ihnen glaubt, dass sie auch mit so was konfrontiert werden. Sie werden auch auf so was im Leben treffen, auch auf solche Personen, mit denen man nicht wirklich was anfangen kann. Und sie bietet in diesem Buch auch eine Art von Lösung dafür oder macht den Jugendlichen ein Angebot. Und diese Antwort auf sowas ist eine extreme Solidarität, oder? #00:53:34-4#
Anne Wasmuth: Ja, das ist vor allen Dingen sehr zauberhaft. Also ich finde, es eskaliert ja so ein bisschen im Laufe des Buches. Also ich habe den Lehrer am Anfang erstmal als normal wahrgenommen und dann schält es sich erst langsam heraus, wie er ist. Und ich finde, es ist vor allen Dingen ein Buch über das Erwachsenwerden und dass häufig Jugendliche schlauer sind und mehr wissen, worauf es ankommt im Leben als die Erwachsenen, die an ihren Regeln hängen und an ihrem Verhalten hängen und wie irgendwas abzulaufen hat. Und das ist gerade am Ende so, so zauberhaft. Weil es aber auch funktioniert, weil sie einen Komplizen haben. Mehr verraten wir aber jetzt, glaube ich, auch nicht. Es auch nicht dick, man kann es wirklich gut lesen und es ist so schön. Und ja, Tamara Bach kommt. #00:54:25-5#
Grazyna Wanat: Auf jeden Fall. Aber ich finde, das ist wirklich ein tolles Buch für Jugendliche. Und ich als Jugendliche hätte wahnsinnig gerne solche Bücher gelesen. #00:54:35-6#
Katharina: Aus welcher Perspektive ist es geschrieben? #00:54:38-9#
Grazyna Wanat: Das ist auch interessant. Das sind unterschiedliche Perspektiven. Also die Jugendlichen sollen während dieser Fahrt einen Bericht schreiben oder ein Protokoll von dieser Fahrt schreiben. Wechselnde Personen solllen es schreiben. Und das ist diese Art von Protokoll, also von Hand zu Hand. Aber irgendwann mal wissen Sie schon, das wird nirgendwo veröffentlicht. Sie werden es nicht als Protokoll dem Lehrer zur Verfügung stellen, aber sie schreiben weiter dran. Das heißt, das schreiben diese Jugendliche, aber verschiedene Jugendliche, auch mit verschiedenen Sprachen. #00:55:16-1#
Katharina: Das ist spannend, weil wenn du sagst, die Lösung ist die absolute Solidarität, dann ist ja an sich diese Art zu schreiben schon eine absolute Solidarität. Wenn du sagst, es ist irgendwann klar, das wird nicht veröffentlicht, das ist nur, was für die Jugendlichen und bleibt unter sich. #00:55:31-9#
Anne Wasmuth: Ich habe, also das nur nebenbei gesprochen, in der Zeit mich daran erinnert, dass wir auf Studienfahrt auch so was geschrieben haben. Aber das war dann natürlich, um das dann halt den Eltern zu präsentieren, wie viel an Bildungsstätten wir besucht haben, wie schlau wir in dieser Zeit geworden sind. Und das war so witzig im Verhältnis dann, halt dieses Buch zu lesen, was ja eben, also man denkt erst, es ist nicht fiktional und dann bekommt es ja doch so was Nicht-Fiktionales für mich. Und das war sehr, sehr zauberhaft. Da wünscht man sich doch, dass man dann wieder 30 Jahre jünger ist, um das doch noch mal auch anders lesen zu können. Also ich frage mich tatsächlich, wie Jugendliche das für sich lesen. Das werde ich sie auch fragen, ob sie da Reaktionen hat. #00:56:24-3#
Katharina: Das hätte mich jetzt auch interessiert. Jetzt sind wir ja schon ein bisschen älter. Ob das tatsächlich auch für die Zielgruppe dann so ansprechend ist oder welche anderen Aspekte da dann noch hervortreten beim Lesen. #00:56:35-3#
Anne Wasmuth: Ja, absolut. #00:56:36-7#
Katharina: Auch Tamara Bach hat uns was geschickt Grazyna, oder? #00:56:40-6#
Grazyna Wanat: Ja, das hat sie. #00:56:41-5#
Tamara Bach : Hallo. Mein Name ist Tamara Bach und in meiner Meisterklasse bei den Nürnberger Texttagen lernen die Teilnehmer*innen ganz genau hinzuschauen. Sie lernen, was "Show Don't Tell" heißt und wie man das auch wirklich umsetzt. Und dann noch, wie man mit wenigen Worten ganz viel in den Köpfen der Lesenden entstehen lässt. #00:57:01-4#
Katharina: Und jetzt, last but not least Isabel Bogdan. Mit dem Titel "Laufen". Tina wie war's? #00:57:11-5#
Tina: Ähm, ja, mir hat das Buch total gefallen. Ich habe zuerst überlegt, nur von der Beschreibung her "Soll ich das wirklich lesen?" Es klang mir ein bisschen schwer, das Thema Selbstmord vom Lebenspartner. Aber das war ein Volltreffer für mich. Also ich habe das wirklich genossen das Buch. Es liest sich sehr flüssig. Ich finde auch, dass es ein sehr sensibles Buch ist. Es wird in der Perspektive von einer Frau erzählt, also auch in der Ich-Perspektive geschrieben. Das ist eine Musikerin, bei der sich eben, also der Partner, das Leben genommen hat. Und nach einem Jahr fängt sie wieder an zu laufen. Sie hat das vor, wieder zu laufen. Das ist wirklich so, das Leben wieder in Bewegung zu bringen. Wirklich. Und das ist so, dass man als Leserin diesen Prozess begleitet, dieses wieder auf den Beine zu stehen. Und man begleitet diese Figur einfach beim Laufen, bei ihrem ganzen Grübeln, die ganze Zeit. Also Gedanken, diese innere Gespräche, das ist wirklich so ein Trauerprozess, der körperlich mit dem Laufen bearbeitet wird und verarbeitet, wie man das sagt. Aber das ist auch ein seelischer Prozess und das finde ich toll an diesem Buch, dass man wirklich diesen Prozess auch merkt, weil der Ausgangspunkt ist anders als wie das Buch endet. Und wie bei jedem Prozess natürlich gibt es Tiefen und Höhen. Also es ist nicht was Statisches, sondern es gibt wirklich sehr schwere Themen und es gibt auch sehr lustige Momente, weil man natürlich miterlebt oder auf dem Weg sieht, was sie sieht und beschreibt. Und es ist spannend wie sie machmal versucht auch von diesem Gedanken zu fliehen, indem man dann ganz schnell rennt und man muss selber checken: "Nein, ich bin jetzt zu schnell, ich muss atmen, ich muss langsamer machen." Und das hat mich sogar an jemanden erinnert, die sowas ähnliches erlebt hat und auch davon laufen, wirklich laufen wollte. Und was ich genial finde in diesem Buch ist, dieses Tempo vom Laufen wird mit dem Tempo vom Schreibstil verbunden. Der Text läuft also mit irgendwie. Also der Großteil des Textes ist ohne Punkt und Komma, also wirklich so ein Wasserfall an Ideen, an Gedanken, alles mögliche. Und dann plötzlich ein Punkt. Und das ist dann manchmal so seitenlang gefüllt, dass eben dieses Grübeln ohne Ende vermitteln kann und dass man wirklich von Gedanken überfahren wird. Und da sind alle möglichen Themen dabei. Und auch eine so schöne Kombination, finde ich. Es gibt tiefe, schwierige, sehr intime Themen und Momente, aber auch Lebenseinstellungen oder super lustige Momente, was man sich so in einem Buch vielleicht nicht vorstellen kann. Dieses Laufen finde ich auch. Also das ist Körper und Psyche, also Seele in Bewegung wieder zu bringen in diesem Buch und das glaube ich, schafft sie wunderbar. Dabei sind so Themen wie Einsamkeit, diese Schuldgefühle bei Selbstmord, wie hätte man das verhindern können? Ich habe das nicht gesehen, aber dazu auch diese Wut. #01:02:14-7#
Kathleen Röber: Ich muss gleich mal reingehen, weil du hast gerade sehr viel gesprochen. Man kriegt ja diese Innenperspektive, also dieser innere Dialog, der läuft halt ständig und immer schneller. Und das eigentlich Witzige ist, ihr kennt es wahrscheinlich, im inneren Dialog, man begegnet Leuten und denkt was echt Böses über die. Und Isabel Bogdan schafft es durch den inneren Dialog, also da sind Stellen drin, wo die echt sagt, was sie gerade eigentlich denkt. Also diese Figur kann das sagen und dadurch wird das super witzig, weil die beobachtet beim Laufen immer irgendwelche Leute und sagt dann, wie die ausschauen, wie die sich verhalten, warum die gerade komisch sind und zwar auch auf eine echt sehr direkte und krasse Art und Weise und Sprache. Und das ist einfach lustig. Also irgendwie, wenn man denkt, ich möchte das auch mal so gern sagen, wenn ich die Leute sehe, aber kommst ja nicht dazu im Alltag. Aber in dem Buch funktioniert es, weil das aus dieser Innensicht heraus geschrieben ist und ich habe das auch total gerne gelesen, weil es einfach sehr, sehr schnell durchgeht. Und was ich noch sagen wollte, die Isabel Bogdan und die Julia Schoch sind ja beides Übersetzerinnen bei uns dieses Jahr in den Texttagen und werden ja auch zusammen auf dem Podium sein. Und was ist sozusagen das Spannende am Übersetzen? Was bleibt vom Text? Wie funktioniert das? Ich glaube, das ist noch mal so, dass zwei Autorinnen jetzt, die auch noch mal auf der Ebene vielleicht ganz spannende Einblicke geben können während der Texttage. #01:03:39-0#
Grazyna Wanat: Tobias, du wirst dieses Podium moderieren mit den Übersetzerinnen. #01:03:46-4#
Tobias: Ich freue mich da sehr drauf, weil das ja doch nicht so selbstverständlich und oft passiert, dass man ein Übersetzer*innen Podium hat, explizit zu diesem Thema. Und das sollte es eigentlich noch viel häufiger geben, weil ganz viel von dem, was wir lesen, sind übersetzte Texte. Also wir lesen, glaube ich, viel fremdsprachige Literatur, aber alles natürlich in deutscher Sprache übersetzt und von daher lohnt sich der Blick, da mal hinzuschauen und den Fokus auch auf die Personen dahinter zu richten. Ich glaube, das ist schon mal was, was da jetzt spannend sein kann. Überhaupt das Übersetzen und den übersetzerischen Prozess sichtbar zu machen. Ich freue mich natürlich auch sehr, dass mit Isabel Bogdan eine Person dabei ist, die schreibt und die jetzt mittlerweile für ihre Romane bekannt ist, aber die gleichzeitig aus dem Übersetzen kommt. Und sie wird sicherlich in ihrem Workshop auch thematisieren, inwiefern die beiden Sachen zusammenhängen, ob sie zusammenhängen, wo sie da irgendwie die Anknüpfungspunkte sieht oder ob sie anders schreibt, wenn sie aus dem Übersetzen kommt oder auch nicht. Da werden wir sicherlich ein paar spannende Sachen auch erfahren von ihr. Und sicherlich geht es um das Abenteuer Übersetzen. Das klingt immer wieder so an, aber gleichzeitig wird es, denke ich, auch darum gehen, um den Knochenjob übersetzen. Denn es ist ja auch wirklich ganz viel harte Arbeit und auch viel schlecht bezahlte Arbeit muss man fairerweise auch dazu sagen. Und auch das werden wir sicherlich thematisieren. Und uns spielt in Anführungszeichen in die Hände, dass das Thema auch gerade tatsächlich, passiert ja nicht so oft, aber doch auch präsent ist durch das, was mit der Übersetzung von Amanda Gormans Text passiert ist oder passiert. Und die Diskussion, die dadurch angestoßen wurde. Und ich bin gespannt, was unsere Podiumsgäste dazu sagen, wie sie diese Debatte auch erlebt haben und aus der Sicht einer Übersetzerin einfach noch mal vielleicht sagen können, wie sie das sehen. Von daher freue ich mich drauf. Wir haben drei Personen auf dem Podium. #01:05:56-5#
Grazyna Wanat: Ja, wobei es jetzt hier eine Änderung gibt gegenüber dem gedruckten Programm, was wir veröffentlicht haben. Die dritte Person auf dem Podium sollte Frau Poprawska aus Polen sein, Urzsula Poprawska, die Deutsch ins Polnische übersetzt, und sie sollte als Stipendiatin des Hermann Kesten Stipendiums nach Nürnberg kommen zur Zeit der Texttage, aber das Hermann Kesten Stipendium wurde verschoben, aus allen bekannten Gründen. Und das heißt diesen Gast aus Polen werden wir leider nicht haben. Und trotzdem haben wir eine Übersetzerin, also eine dritte Übersetzerin auf dem Podium, die sich tatsächlich mit der deutsch polnischen Übersetzung auch beschäftigt. Und da kommen wir zurück auf den Anfang von unserem Podcast. Die Bücher von Olga Tokarczuk auch übersetzt hat ins Deutsche. #01:06:50-7#
Tobias: Einfach spannend. #01:06:51-6#
Grazyna Wanat: Genau. Sie heißt Lisa Palmes und sie ist Polonistin, Germanistin, Übersetzerin und Friseurin. Und sie sagt: "Das Übersetzen ist wie Haare schneiden" und wie sie das meint. Das kannst du wirklich erfragen. #01:07:13-5#
Tobias: Ja, da gibt es jede Menge Metaphern, auch fürs Übersetzen. Das ist ja auch wirklich, also irgendwie verlangt dieses Thema auch nach Metaphern. Es gibt ja auch dieses Bild vom Tanz in den Ketten, das ich auch sehr schön finde. Aber auf das Haareschneiden bin ich gespannt. Also ist das Zopf abschneiden oder was?Schauen wir mal. #01:07:38-6#
Katharina: Ich würde ganz gerne einmal Tina, noch zu dir zurückkommen, zu Isabel Bogdan und zu dem Laufen. Da sind wir jetzt so schnell von abgekommen. Mich hat es total angesprochen, was du erzählt hast über dieses Buch und ich möchte das auch unbedingt lesen. Ich laufe selber sehr gerne. Und ich habe auch bei deinem Erzählen gemerkt, dass du bei dem Wiedergeben, bei dem, was du erzählen möchtest, selber so ein bisschen in diesen Rhythmus kommst. Und du hast geredet und man merkt dabei, es zieht einen wirklich in den Bann. Und dieses Buch ist toll und hat einen gewissen Rhythmus. Ich frage mich: "Läuft die Autorin auch?" Vermutlich, weil erst so glaube ich, kriegt man das hin. #01:08:19-5#
Tina: Ja, das muss man sie fragen, wenn sie kommt. Aber ich glaube schon. Es kann schon sein. Aber das ist so lustig, das man in Gedanken ist. Aber plötzlich dann was sieht und so lustige Momente wie eine Frau. Was richt denn hier so? Hat sie ein Parfum aufgetragen? Oh mein Gott. Bitte, wenn das mir passiert, sag mir, du stinkst. Ich will das keine Kopfschmerzen wegen mir bekommt. Und dann hat sie noch ein Baby. Und dann springt sie so von einem Thema zu dem anderen. Und plötzlich von diesern ganz lustigen, banale Themen. Plötzlich so dieser Schlafanzug, den ich von dir hatte. Das einzige, das ich behalten habe, hat jetzt nicht mehr den Geruch und ich vermisse den Geruch. Und plötzlich bist du in einem komplett anderen Moment. Und das finde ich so spannend. Und dieses Buch, so wirklich diese Achterbahn miterlebst. #01:09:24-6#
Grazyna Wanat: Auch eine tolle Autorin, auf die freue ich mich auch riesig. Wirklich. Sie hat auch ihren Sinn für Humor mit einem ersten Buch bewiesen, mit dem Buch "Der Pfau", war sie ewig lange auf den Bestsellerlisten, Isabel Bogdan. #01:09:40-2#
Tina: Und Katharina, du musst das lesen, weil sie ist in Hamburg und da ist auch dieses Lokale und diese Beschreibung sehr viel ums Alster und im Buch ist auch dieser Bezug, dieser starke Bezug und Liebe irgendwie zu der Stadt. Dann habe ich auch an dich gedacht. Ja. #01:10:01-6#
Grazyna Wanat: Übrigens, dieses Buch gibt es auch als Hörbuch und ist auch toll ausgesprochen. #01:10:06-2#
Tobias: Da kann man auch während während dem Hören dabei laufen. #01:10:09-1#
Tobias: Und ich bin mir sicher, dass sie gelaufen ist, weil Isabel Bogdan macht solche Sachen. Die hat ja auch dieses schöne Buch 2012 veröffentlicht mit dem Titel "Sachen Machen, was ich immer schon tun wollte". Und die hat die Macht wirklich diese Dinge, also die geht da wirklich rein und ja, schöne, schöne Sache. #01:10:26-4#
Hannah Diemer: Grazyna, ich finde das so toll, was du für Bücher ausgesucht hast für die Texttage. Ich bin so beeindruckt von dieser Zusammenstellung jetzt, nachdem ich alles so detailliert gehört habe. Ich bin wirklich beeindruckt, dass es immer so um diese seelischen Prozesse geht und um die Veränderung und da jetzt auch noch mal so ein bisschen auf dieses "Kintsugi" von Miku Sophie Kühmel zurückzukommen, weil ihr geht es auch genau darum und auf dieses identitätsstiftende Merkmale. Und was hat dann Brüche damit zu tun? Was bedeutet Veränderung für mich selber und auch "Kintsugi" ist dieses Kitten von Brüchen mit goldener Farbe, also das Hervorheben von den Brüchen, das es schöner macht, und wieder zusammensetzt. Und ich hatte bei allen Buchvorstellungen das Gefühl, dass es auch im Prinzip dadrum geht und viel mit Kommunikation ausgedrückt. Ich bin so begeistert, wie es zusammenpasst und wie alle so ineinander reinspielen. Richtig, richtig toll. #01:11:19-9#
Grazyna Wanat: Freut mich. Danke, Hannah! Ich hoffe, dass dieses Festival wirklich zu so einem Entdeckungsort wird. Also das sind alles ja meistens nicht solche Bücher, die einem naheliegen, dass man sofort von diesen Büchern gehört hat und gewusst hat und die Autorinnen sind .auch teilweise nicht so super bekannt. Aber ich bin mir sicher, dass wenn man sie erlebt hat, bei unserem Festival, sie zu ihren Lieblingsautorinnen werden. #01:11:47-4#
Anne Wasmuth: Ich finde es spannend in der Rückschau, auch als wir das erste Mal die Texttage hatten, dass man nicht unbedingt alles gelesen haben muss und hat trotzdem den Gewinn, wenn man in den Lesungen ist. Das finde ich das Schöne, gerade eben weil es ja auch um das Schreiben geht. Und man erfährt eben noch so viel anderes. Eben dieses Stichwort keine "Wasserglas-Lesung". Wobei, die kriegen schon was zu trinken. Also das muss man jetzt schon mal sagen. Falls jemand überlegt: "Ohje, jetzt muss ich so viel lesen und ich habe so viel Lust, aber keine Zeit." Kein Problem. Es geht auch Schritt für Schritt und nacheinander. #01:12:30-7#
Hannah Diemer: Und dadurch, dass du so neue oder unbekanntere Autorinnen auch hergenommen hast. Ich finde, man kriegt so viele, so frische Perspektiven. Weil als ich zuerst gesehen habe, okay, ich bekomme hier ein Buch, in dem es um ein schwules Pärchen geht, hatte ich so ein bisschen Angst, dass es wieder in diese "James Baldwin Manier" geht. Und nur um dieses selbstzerstörerische Denken und dieses Hadern mit der eigenen Homosexualität. Aber darum ging es überhaupt nicht. Und es war so erfrischend, es war richtig schön. Ich war wirklich so erleichtert, dass es nicht darum ging, sondern dass es einfach um eine schöne Beziehungsbeschreibung geht und nicht diese Homosexualität in der Frage stand, sondern das es einfach da war. Und für diese neue Perspektive, da war ich richtig dankbar. #01:13:13-6#
Grazyna Wanat: Ja, wir haben noch eine Podiumsdiskussion, die das auch zusammenfasst, diese ganzen Themen. Bei diesem Podiumsgespräch wird es auch um Texte und Sichtbarkeit gehen, also darum, wie man eben bestimmte Gesellschaftsgruppen mit den Texten sichtbar machen kann oder unsichtbar machen kann. Und an diesem Gespräch wird auch eben Miku Sophie Kühmel teilnehmen, Deniz Ohde und noch zwei Autorinnen und beide Autorinnen haben uns auch Sprachnachrichten geschickt. #01:13:48-1#
Julia Friedrichs: Schnelltest. Gehören Sie zur Working Class? Haben sie keine Eigentumswohnung, keinen Sparfond? Leben Sie allein von dem, was Sie erarbeiten? Dann heißt die Antwort: "Ja auch sie sind Working Class." #01:14:03-5#
Grazyna Wanat: Das war jetzt Julia Friedrichs, Autorin des Buches Working Class. Julia Friedrichs meint, dass das soziale Aufstiegsversprechen in Deutschland schon längst nicht mehr funktioniert und dass sich hier eine neue Working Class herausgebildet hat, die am Wohlstandzuwachs kaum teilhat. Und die zweite Sachbuch Autorin, Emilia Roig, bittet uns wenigstens eine Vision, eine zukünftigen Gesellschaft ohne Unterdrückung. #01:14:41-4#
Emilia Roig: Ich bin Emilia Roig, Autorin des Buches "why we matter, Das Ende der Unterdrückung", der bei Aufbau Verlag am 15. Februar erschienen ist. Das Buch versucht Unterdrückung greifbar zu machen, indem es aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen erklärt, anhand von sehr konkreten Beispielen, wie Unterdrückung aussieht und wie er sich materialisiert. Im dritten Teil des Buches, gebe ich eine Einleitung in eine mögliche Veränderung, einen möglichen Veränderungsprozess, der uns zu einer unterdrückungsfreien Welt einlädt. Und ich hoffe sehr, dass das Buch Ihnen Mut geben kann und auch erhellend sein kann, was Unterdrückung angeht. Dankeschön! #01:15:36-8#
Grazyna Wanat: Und jetzt bleibt uns nichts mehr übrig, als Sie auf unsere Webseite zu verweisen. Dort finden Sie alle Informationen und Termine und Möglichkeiten zur Anmeldung, zu Lesungen, zu unseren Schreibworkshops mit den besprochenen Autorinnen. Die Adresse lautet "www.textage.nürnberg.de". Und zum Abschluss habe ich eine Überraschung für Sie. Sagen wir als eine Belohnung für Sie, weil sie sich doch diese Folge, diese doch ziemlich lange Folge, zu Ende angehört haben und hoffentlich auch Lust bekommen haben auf unsere Texttage. Sie können uns jetzt bis 20. Juni 2021 eine Nachricht schicken an die Adresse "BZ.podcast@stadt.nürnberg.de" mit dem Stichwort "Texttage" und gerne auch mit Ihrem Kommentar. Und unter diesen Einsendungen verlosen wir zehn freie Zugänge zu unseren Podiumsdiskussionen, die ja online gestreamt werden. Und das war's für heute. #01:17:02-9#
Katharina: Ja, wir notieren uns das letzte Juniwochenende mit gutem Wetter, mit niedrigen Inzidenzzahlen, unter der Platane in der unteren Talgasse unter anderem und am Gewerbeplatz natürlich. Ganz klar. #01:17:19-0#
Tobias: So ist es. #01:17:20-7#
Anne Wasmuth: Ich freue mich drauf. Und ich glaube, vorher rennen wir alle noch zu unserem örtlichen Buchhändler oder unserer örtlichen Buchhändlerin und holen uns noch mehr Bücher. #01:17:31-5#
Grazyna Wanat: Ja, stimmt. #01:17:32-9#
Katharina: Vielen Dank fürs Zuhören. #01:17:35-3#
Anne Wasmuth: Danke euch. #01:17:37-0#
Kathleen Röber: Tschüss! #01:17:39-4#
Dieses Projekt/Diese Maßnahme/Initiative leistet einen wichtigen Beitrag, Nürnberg schrittweise inklusiver zu gestalten. Es/Sie ist Teil des Nürnberger Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Den Ersten Aktionsplan hat der Nürnberger Stadtrat im Dezember 2021 einstimmig beschlossen. Um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in Nürnberg zu verwirklichen, wurden und werden umfangreiche Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Weitere Informationen finden Sie unter www.inklusion.nuernberg.de.
Das Podcast-Team trifft sich und spricht über Bücher und ihre Autorinnen, die im Juni zu den texttagen.nuernberg nach Nürnberg kommen!
texttage.nuernberg – ein Literaturfestival, auf dem nicht das LESEN sondern das SCHREIBEN im Mittelpunkt steht. Welche Schreibworkshops wird es geben, was passiert in den Lesungen, die keine typischen „Wasserglaslesungen“ werden, worüber wird in den Podiumsdiskussionen gesprochen – das alles und viel mehr in dieser Folge!
Die meisten Autorinnen, auf die wir uns sehr freuen, haben uns Sprachnachrichten geschickt, in denen sie zu ihren Schreibworkshops einladen. Wir sprechen über folgende Bücher:
- Miku Sophie Kühmel - „Kintsugi“ - ab 0:3:35
- Nina Bussmann – „Dickicht“ - ab 0:8:52
- Lena Gorelik - “Wer wir sind” (gerade erschienen!) - ab 0:14:55
- Judith Kuckart – „Kein Sturm, nur Wetter“ - ab 0:24:00
- Deniz Ohde – „Streulicht“ - ab 0:34:33
- Julia Schoch – „Schöne Seelen und Komplizen“ - ab 0:41:33
- Tamara Bach – „St. Irgendwas“ - ab 0:51:11
- Isabel Bogdan – „Laufen“ - ab 0:57:02
- Julia Friedrichs - „Working class“ und...
- Emilia Roig - „Why we matter“ - ab 1:13:15
Es gibt in dieser Folge auch eine Überraschung für unsere treuen Zuhörerinnen und Zuhörer. Bei welcher Minute – das verraten wir nicht!
Alle Infos über texttage.nuernberg (25.6. - 27.6.2021) und die Anmeldemöglichkeiten finden Sie hier.
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Aufgenommen am: Freitag, 7. Mai 2021
Veröffentlicht am: Donnerstag, 27. Mai 2021
Moderation: Katharina Mittenzwei
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Alle weiteren Folgen von KontaktAufnahme – der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg finden Sie hier. Wir sind mindestens jeden zweiten Donnerstag mit einer neuen Folge online, manchmal öfters.
Wen sollen wir noch befragen - haben Sie Ideen und Anregungen? Oder möchten Sie Ihre eigenen „Glücksmomente“ (manchmal am Ende des Interviews zu hören) an uns schicken? Schreiben Sie uns an!

