Gehe direkt zur BarrierefreiheitsnavigationSkip to main contentSkip to main content

Lene Grösch, wie gehst Du mit Druck um?

Dieses Transkript wurde automatisiert erstellt und kann daher Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten. Eine überarbeitete und geprüfte Fassung stellen wir in Kürze zur Verfügung.

Ansage: Kontaktaufnahme. Der Podcast ist Bildungszentrum aus Nürnberg. #00:00:10-9#

Anne Wasmuth: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Kontaktaufnahme. Mein Name ist Anne Wasmuth und heute darf ich im Staatstheater Nürnberg zu Gast sein. Ich sitze im Büro von Lene Krosch, die seit der Spielzeit 2025 2026 Schauspieldirektorin hier am Haus ist. Herzlichen Dank, dass ich hier sein darf und herzlich willkommen in der Kontaktaufnahme, Lene Grösch. #00:00:47-8#

Lene Grösch: Vielen Dank, Ich freue mich sehr. #00:00:49-2#

Anne Wasmuth: Man merkt, du bist noch ganz neu. Es hängen noch gar keine Bilder an der Wand. #00:00:53-8#

Lene Grösch: Es hängt nichts hier. Und es ist auch exakt die Einrichtung, die ich von Jan Philipp Gloger übernommen habe. Das heißt, so gut wie nichts hat sich geändert bisher hier. Und ich sage allen immer Ich hatte seltsamerweise noch keine Zeit, mich um Büroeinrichtung zu kümmern. Das mache ich, wenn ein bisschen mehr Ruhe da ist. Ich bin gespannt, wann das stattfinden wird. Wahrscheinlich gegen Ende der Spielzeit oder in den Spielzeitferien oder so, aber es ist der feste Plan, Bilder aufzuhängen. Es ist der feste Plan, ein paar Pflanzen hier reinzubringen und das Ganze ein bisschen gemütlicher zu machen, ist halt auch noch unglaublich. Aber ich habe mich jetzt schon so dran gewöhnt, dass ich aufpassen muss, dass das kein Dauerzustand ist. #00:01:32-8#

Anne Wasmuth: Ich komme mal wieder in einem Jahr und werde schauen. Das finde. #00:01:36-3#

Lene Grösch: Ich. #00:01:36-4#

Anne Wasmuth: Gut. Und gleich bei Adam und Eva anzufangen. Du bist in Nürnberg geboren. Kannst du fränkisch? #00:01:43-9#

Lene Grösch: Überhaupt nicht. Mein Vater ist Experte für Dialekte. Also der kann auch unterscheiden zwischen was ist irgendwie nürnbergerisch und was was? Was ist in Fürth und wo sind irgendwelche Stadtgrenzen? Also der hat sich da wahnsinnig intensiv damit beschäftigt. Ich kann es nicht. Ich verstehe es natürlich. Und ich habe ein scharfes S, was ich nicht los bekommen habe. Das ist sozusagen der Überrest vom Fränkischen. Ansonsten habe ich immer nur, ich glaube so Phrasen von meiner Oma im Kopf, die allmächtig sagt oder irgendwie irgendwas gibt es weiß net, oder? Also so ein paar Redewendungen sind da und kann ich natürlich einsortieren und freue ich mich auch, wenn ich sie höre. Aber ich könnte jetzt nicht einfach bayerisch diesen Podcast führen Antworten. #00:02:33-1#

Anne Wasmuth: Wäre auch spannend für mich dann geworden. Hast du je in dir den Wunsch verspürt, Nürnberger Christkind zu werden? #00:02:42-9#

Lene Grösch: Ich glaube nicht. Also ich bin in Nürnberg geboren, aber in Lauf groß geworden und da gibt es Kunigunde Fest und da gibt es quasi eine ähnlich glorreiche Gestalt, die immer eine Rede hält, beim König unten fest. Ich glaube, damit habe ich mal geliebäugelt. Ich glaube, das Christkind war wie immer zu zu gold lockig und zu hübsch und schön und repräsentativ. Ich glaube, da hat es mich nicht hingezogen. #00:03:13-7#

Anne Wasmuth: Aber du hast lange überlegt, muss man sagen. Es kam nicht sofort das. Nein. Also habe ich gemerkt. #00:03:19-3#

Lene Grösch: Ja, Ich hatte den ersten Impuls, sofort zu sagen Nein. Und dann dachte ich kurz so, aber es ist lange her. Ich muss mal kurz überlegen, ob es eine Zeit gab, wo ich das schon toll fand. Ich habe natürlich immer in den Nürnberger Nachrichten gibt es ja gibt es bestimmt immer noch oder dass dann alle möglichen Kandidatinnen aufgeführt sind mit Foto und so. Das habe ich schon verfolgt als Kind. Es war irgendwie schon Thema, natürlich. Und ich glaube, irgendwann in den letzten Jahren war es auch eine Person, die hier im Jugendclub war. Das habe ich dann noch so am Rande mitbekommen. Aber darüber hinaus erinnere ich mich nicht mehr an so viel Musik. #00:03:56-1#

Anne Wasmuth: Die war auch bei uns schon im Podcast zu Gast. #00:03:58-2#

Lene Grösch: Ja, das ist doch schön. Außerdem stelle ich es mir unglaublich stressig vor. Ich bin jetzt gerade. Ich fühle mich, glaube ich. Ich habe mich selten so weihnachtlich gefühlt, weil ich zu wenig Zeit habe, um einfach in der Stadt rumzulaufen und so Weihnachtsatmosphäre aufnehmen zu können. Und ich glaube, das ist echt ein harter Job, in dieser Vorweihnachtszeit so unterwegs zu sein. #00:04:23-4#

Anne Wasmuth: Ja, auf jeden Fall. Du hast, statt Christkind zu werden, nach dem Abitur Eine Jahres Hospitanz hier in der Dramaturgie am Staatstheater gemacht. Hast du damals schon den Wunsch oder Plan entwickelt? Ich komme zurück. #00:04:38-8#

Lene Grösch: Überhaupt nicht. Also ich bin ja an diesem Theater groß geworden. Das heißt, ich war Statistin. Ich habe im Jugendclub angefangen zu spielen von Anja Schwarberg, als der hier gegründet wurde. Also, es ist ein totales Heimattheater hier. Und gleichzeitig war ich super neugierig auf Theaterdeutschland oder auf Theater in der gesamten Welt. Das heißt, es war einerseits klar, ich mache diese Hospitanz hier ein bisschen, um meinen Berufswunsch der Dramaturgie so zu verfestigen oder um einfach zu überprüfen Ist es das wirklich? Und dann war aber auch klar, dass ich zum Studieren auf jeden Fall hier weg will. Bin dann nach Leipzig gegangen, habe da studiert, also nicht vielleicht das Naheliegende nach Erlangen, um dort irgendwie Theaterwissenschaft zu studieren, sondern da war schon der große Wunsch, andere Orte, andere Theater kennenzulernen. Und natürlich habe ich dieses Theater hier nie aus den Augen verloren. Und meine Eltern wohnen noch hier und meine Schwester wohnt noch hier mit Familie. Das heißt, ich war natürlich schon regelmäßig hier und bin dann auch ins Theater gegangen. Ich habe jahrelang in Heidelberg den Heidelberger Stückemarkt kuratiert, wo wir immer wieder Gastspiele aus Nürnberg eingeladen haben. Also es gab über all die Jahre immer wieder Berührungspunkte, was total schön war. Aber diese Theaterwelt ist so unberechenbar, wann sich welche Möglichkeiten ergeben, wann was der richtige Schritt für einen persönlich ist. Dass ich mich da, glaube ich, komplett verabschiedet habe von irgendwelchen Plänen, die sich an einen bestimmten Ort oder an ein bestimmtes Haus koppeln. Und dann war das eher wirklich eine sehr. Es war ein sehr, sehr glücklicher Moment, dass diese Position hier frei geworden ist. Zu einem Zeitpunkt, wo bei mir klar war in Heidelberg, da geht es zu Ende und ich bin auf der Suche nach einer neuen Orientierung und auch nach einem neuen Schritt. Und das hat sich beides so miteinander gefügt. Also es ist wirklich, glaube ich, Bei all diesen Positionen und auch bei Besetzungen an diesen Positionen darf man, glaube ich, diesen Glücksfaktor nicht unterschätzen. Bei allem, wo man eine Qualifikation mitbringt und Kompetenzen und das auch in einem Bewerbungsverfahren überprüft wird und so, aber man braucht den richtigen Ort zur richtigen Zeit. Und das war Nürnberg für mich in dem Moment eben total. #00:06:58-0#

Anne Wasmuth: Wenn man in seiner Biografie herumwühlt, da muss man feststellen Du hast ausgerechnet in Bezug auf das Nürnberger Theater eine kriminelle Vergangenheit. #00:07:09-2#

Lene Grösch: Ich bin gespannt, was jetzt kommt. #00:07:12-1#

Anne Wasmuth: Du hast mal verraten Wahrscheinlich war es zu dem Zeitpunkt verjährt, dass du heimlich Aufnahmen gemacht hast. #00:07:19-4#

Lene Grösch: Ja, ganz viel. Ja, Ich hoffe, es ist verjährt. Oder Es gilt irgendwie als. Als Bagatelldelikte. #00:07:26-0#

Anne Wasmuth: Oder. #00:07:26-4#

Lene Grösch: So, aber ja, ich habe illegal Aufnahmen gemacht von sehr vielen Inszenierungen. Mit so einem Diktiergerät, würde ich sagen. Und da habe ich. Ich weiß nicht, ob die noch bei meinen Eltern im Keller liegen, aber Kassetten aufgenommen mit Black Rider, mit der Besucher von Eric Emanuel Schmidt mit Kabale und Liebe. Ich muss aber dazu sagen, ich habe all diese Inszenierungen auch immer über zehn Mal gesehen. Also ich habe mir, glaube ich, mit dem Geld, was ich ins Theater gesteckt habe, mit meinem Taschengeld, mir das vielleicht auf so umgedrehte Art und Weise auch verdient und dann nach zehn Vorstellungen oder nach zwölf Vorstellungen das mit nach Hause zu nehmen. Aber das sind sehr viele Texte, die ich wirklich auch heute noch wie auswendig kann. Also wenn ich einen Satz höre, kann ich ihn beenden. #00:08:18-0#

Anne Wasmuth: Das hat dir wahrscheinlich auch geholfen, hast erwähnt, du warst in Leipzig und hast da sozusagen biografisch die seriöse Kurve genommen beim Studium Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie. Nach dem Vordiplom bist du dann innerhalb von Leipzig von der Universität an die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy gewechselt und hast dort 2009 deinen Abschluss als Diplom Dramaturgin gemacht. Dramaturgie Ein Wort, mit dem nicht jede, jeder was sofort anzufangen weiß. Was verbirgt sich hinter der Berufsbezeichnung Dramaturgin? #00:08:53-9#

Lene Grösch: Das ist ein vollkommen verrückter Beruf, weil, glaube ich, auch alle Dramaturginnen den unterschiedlich definieren. Und weil das wirklich auch an unterschiedlichen Häusern graduell variiert. Dramaturgie bedeutet für mich erstmal zweierlei Zum einen ist eine Dramaturgie gemeinsam mit einer Intendanz oder eben mit einer Schauspieldirektorin verantwortlich für die künstlerische Ausrichtung des Theaters oder in diesem Falle jetzt des Schauspiels. Das heißt, da entstehen Dinge wie Spielplan. Welche Stücke spielen wir überhaupt? Mit welchen Regisseurinnen wollen wir zusammenarbeiten? Mit welchen Schauspielerinnen wollen wir zusammenarbeiten? Also letzten Endes so was ein bisschen wie das künstlerische Management von so einem Theater und eben die Menschen. Also wir sind hier in der Dramaturgie sechs Menschen und wir sind verantwortlich dafür, was inhaltlich passiert. Und dann gibt es etwas, das nennt sich Produktionsdramaturgie. Das heißt, pro Inszenierung gibt es eine verantwortliche Dramaturgie. Person. Und die ist wie die Schnittstelle zwischen Haus und zwischen dem Regie Team. Alle Regieteams kommen immer von extern. Das heißt, die sind hier als Gästinnen engagiert und sind dann für die Proben für die sieben Wochen Probenzeit bis zur Premiere da und reißen dann wieder ab. Und die Dramaturgie ist so was wie die erste Person fürs Regieteam, für Austausch, für eine künstlerische Konzeptentwicklung. Das heißt, da gibt es irgendwie einen ganz engen inhaltlichen Austausch, der im Vorfeld beginnt. Wir starten mit einer Produktion, mit der Planung ungefähr eineinhalb Jahre, bevor die eigentliche Premiere stattfindet. Und davor muss natürlich ein Bühnenbild konzipiert werden und entwickelt werden. Es muss eine Strichfassung geben von Texten, oder man muss sich für eine Übersetzung entscheiden. Wenn das kein deutscher Text ist. Und für all diese Dinge ist die Dramaturgin oder der Dramaturg eben auch mitverantwortlich. Als ratgebende Person im Vorfeld. Und sobald die Proben anfangen, sind wir aus der Dramaturgie so etwas wie die ersten Zuschauerinnen. Das heißt, wir gehen nicht auf jede Probe, sondern ich würde sagen vielleicht auf drei Proben pro Woche und sind so was wie ein Outside eye. Wir beschreiben dann einfach das, was wir sehen, und wir beschreiben das, was wir möglicherweise noch nicht verstehen inhaltlich, aber auch akustisch und geben ein Feedback an das Regieteam und gegebenenfalls auch an das Ensemble. Das heißt, wir sind diejenigen, die immer wieder auch überprüfen. Wir hatten ein Ziel mit dieser Inszenierung, wir hatten ein Konzept. Sind wir da auf der richtigen Spur? Sind wir da irgendwo abgebogen, was uns gerade nicht weiterhilft oder was nicht konstruktiv ist? Woran muss man, muss man noch arbeiten? An was muss man noch alles denken. Also wir sind ja da wirklich so eine, so eine Form von Outside Eye für das Regie Team und das macht total Spaß. Das ist eine sehr schöne Arbeit und ich mag das sehr gerne. Nach wie vor bin ich auch sehr gerne auf Proben, komme jetzt natürlich sehr wenig dazu, aber das ist so, das ist schon das, warum wir eigentlich diesen Beruf machen. Und das läuft eben nebenher. Einmal diese wirklich Betreuung von Produktionen bis hin zum Wir gestalten Programmheft, wir halten Einführungen und sind natürlich auch für Kontakt mit unserem Publikum da. Und auf der anderen Seite aber immer dieser Aspekt von ganzheitlicher künstlerischer Blick auf so ein Theater und auf eine Ausrichtung. #00:12:22-5#

Anne Wasmuth: Das heißt, als Dramaturgin oder jetzt auch als Schauspieldirektorin bist du normalerweise nicht jeden Abend wie eine Schauspielerin sichtbar mit deiner Arbeit. Du standest jetzt aber für ein neues Format tatsächlich richtig auf der Bühne Weißes Kaninchen, rosa Kaninchen. Was war da los? Weißes. Kann ich Ein rotes. #00:12:45-8#

Lene Grösch: Kaninchen ist ein Theater Text, der darauf basiert, dass die Menschen, die ihn aufführen, ihn nicht kennen. Das heißt? Mich hat vielleicht vor einem Jahr unser Chef, Dramaturg Harald Wolf, angesprochen und hat gesagt Pass auf, da gibt es diesen Text. Wie wäre es, wollen wir den nicht machen? Und möchtest du nicht die erste sein, die ihn performt? Falls ja, darfst du ihn nicht lesen und wir setzen ihn so an? Ich fand das ein spannendes Experiment und habe mich deswegen total gerne darauf eingelassen. Und jetzt habe ich diese Premiere gespielt und seitdem hatten wir jetzt auch noch zwei weitere Vorstellungen mit zwei anderen Personen. Also die Grundidee ist tatsächlich wenn man diesen Abend einmal gesehen oder erlebt oder eben den Text gelesen hat, dann kann man ihn nicht mehr selber aufführen, weil dieser Text genau darauf basiert, dass man sich überraschen lässt und dass man wirklich in dem Moment eben live liest und und mit den eigenen Reaktionen umgeht und mit den Reaktionen aus dem Publikum. Mir hat das total Spaß gemacht. Also ich war natürlich tierisch aufgeregt davor, weil ich keine Schauspielerin bin und ja normalerweise genau nicht auf der Bühne stehe und das auch nicht mein nie mein Berufswunsch war. Also es ist nicht so, als ob es mich unbedingt auf die Bühne zieht, aber in dieser Form habe ich mich sehr aufgehoben gefühlt, auch mit dem Text. Und das war waren schöne anderthalb Stunden, die ich da gemeinsam mit dem Publikum verbracht habe. #00:14:07-2#

Anne Wasmuth: Und keine anderthalb Jahre Vorbereitungszeit. #00:14:10-4#

Lene Grösch: Genau. Das ist natürlich enorm praktisch, weil keine Proben und einfach ja, man kann sich da einfach reinschmeißen. Man braucht nur den Mut, das zu tun. Ansonsten ziemlich wenig. #00:14:20-8#

Anne Wasmuth: Noch mal zurück zu deiner Biografie nach Leipzig Waren deine beruflichen Stationen das Theater Ingolstadt, das Oldenburgische Staatstheater und das Theater und Orchester Heidelberg. Alle Himmelsrichtungen. Jetzt also Nürnberg. Bevor wir darüber sprechen, sprechen wir darüber, was du von diesen anderen Orten mitbringst. Du hast gesagt, zu deinen Aufgaben in Heidelberg gehörte auch die Betreuung der internationalen Kooperation bzw des Heidelberger Stückemarkt. Erzähl uns ein bisschen, das ist so ein wichtiges Festival. Was waren da deine Aufgaben? Was hast du gemacht? #00:14:57-6#

Lene Grösch: Genau. Der Heidelberger Stückemarkt gehört zu den drei wichtigsten Theaterfestivals, wo es um Uraufführungen und um Gegenwartstheater geht. Und ich durfte da über zehn Jahre lang das Programm mit kuratieren. Das heißt, wir haben unglaublich viele Inszenierungen, Uraufführungen im deutschsprachigen Raum gesichtet, die allermeisten per Video. Das heißt, ich habe ungefähr pro Woche in Hochzeiten 7 bis 8 Inszenierungen gesichtet. Und dann hatten wir immer wieder Jury Sitzungen, wo wir das Programm zusammengestellt haben. Das heißt, es ist eine extreme Luxussituation für eine Stadt wie Heidelberg, die ja nicht besonders groß ist. Quasi ein Wunschprogramm zusammenstellen zu können. Aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz plus einem Gastland, für das wir uns immer entscheiden konnten. Und eines der ersten Gastländer, die ich mit betreut habe, war Mexiko, was eine sehr besondere Erfahrung war und ein ganz tolles Wochenende mit sehr tollen Gastspielen und sehr bereichernden Begegnungen mit mexikanischen Künstlerinnen. Und daraus ist dann eine neue Festival Idee entstanden, nämlich ein amerikanisches Theaterfestival zu veranstalten. Das ist einzigartig in Deutschland. An einem deutschen Stadt oder Staatstheater. Also Iberoamerikanisches Theater findet dann primär mit Gastspielen punktuell an freien Häusern statt, in der freien Szene aber sehr wenig in so Institutionen und tatsächlich auch nicht so kompakt als ein einwöchiges Festival. Das haben wir realisiert, und dafür bin ich extrem viel in Lateinamerika unterwegs gewesen, durfte viele, viele Länder bereisen und da sehr besondere Menschen und Künstlerinnen kennenlernen. Und das ist ein Festival, was auch im Laufe der Jahre einfach sehr gewachsen ist und auch für Heidelberg sehr identitätsstiftend geworden ist, also auch für unser Publikum. Das war ein Festival, was nicht jedes Jahr stattfindet, sondern alle 2 bis 3 Jahre. Aber tatsächlich gab es da von Ausgabe zu Ausgabe jeweils immer Entwicklungen und gleichzeitig war das Theater Heidelberg oder ist das Theater Heidelberg in Lateinamerika einfach den dortigen Künstlerinnen ein Begriff? Genau deswegen. Das heißt, Sie kennen jetzt, wenn Sie an Deutschland denken, Berlin und Frankfurt, und dann kennen Sie Heidelberg. Und das ist natürlich auch irgendwie toll, wenn man, wenn man so was erreicht und und wenn sowas stattfinden kann. Also das war, das war eine sehr tolle und sehr besondere Zeit mit dieser internationalen Zusammenarbeit. #00:17:32-8#

Anne Wasmuth: Ist dieses international auch etwas, was du jetzt hier in Nürnberg noch mehr einbringen willst. #00:17:38-8#

Lene Grösch: Wollen? Total. Das ist allerdings etwas, was unglaublich viel Geld kostet. Da muss man nicht drumrum reden und da muss und kann ich hier nur versuchen, erst mal was aufzubauen, weil eins zu eins einfach ein Festival zu realisieren, wie wir das eben in Heidelberg gemacht haben, ist sozusagen hier aus finanziellen Gründen erstmal nicht möglich. Aber es ist was, was mich inhaltlich total interessiert und wo ich auf jeden Fall Lust hätte, was zu entwickeln. #00:18:07-3#

Anne Wasmuth: Du bist neu in der Rolle. Damit verbunden ist aber ein wesentlich größerer Wechsel. Nehmen wir uns hinein in die Theaterwelt und ihre Gepflogenheiten. Was bedeutet so ein Wechsel an der Spitze einer Sparte? Was geht damit einher? #00:18:24-1#

Lene Grösch: Ja, also wir hatten jetzt einen doppelten Neustart im Ballett und im Schauspiel. Und das bedeutet, dass natürlich an vielen anderen Positionen auch Wechsel stattfinden. Also beispielsweise unser Ensemble. Es gibt natürlich neue Mitglieder im Ensemble, auch wenn uns Kontinuität wichtig war und wir irgendwie sehr viele auch im Ensemble gerne behalten haben und weiter mit ihnen zusammenarbeiten. Aber in der Dramaturgie, da finden Wechsel statt. Also auch da haben wir Kontinuität. Nichtsdestotrotz, es sind ein Haufen neue Menschen. Und natürlich muss man da zusammenfinden und muss auch eine eigene Sprache finden, um uns auch eine eigene Identität gemeinsam entwickeln. Das ist, glaube ich, im Theater auch immer was, was nicht oder meiner Auffassung nach nicht top down funktioniert, sondern wo man sich gegenseitig auch Zeit geben muss, um das gemeinsam zu entwickeln. Und ich glaube, mitten in diesem Prozess sind wir. Ich finde es total wichtig. Oder uns als Team war es total wichtig, dass ein Ensemble zusammenwachsen kann, also dass wir schnell an einen Punkt kommen, wo es nicht mehr die zwei Gruppen gibt von das sind quasi die Alten und das sind die Neuen, sondern dass es sehr schnell irgendwie wieder ein Ensemble wird, die mit einem Gruppenverständnis miteinander spielen und agieren können. Und da habe ich das Gefühl, dass wir da schon relativ weit sind oder dass sich unser Ensemble irgendwie schön zusammengefunden hat. Aber, also wir sind immer noch am Anfang und ich glaube, wir müssen ganz vieles noch rauskriegen und müssen uns kennenlernen. Wir sind gerade dabei, den zweiten Spielplan zu entwickeln. Also auch innerhalb einer Dramaturgie wächst natürlich irgendwie ein, ähm, auch ein Vertrauen zueinander. Oder wie wollen wir arbeiten, wie wollen wir das gemeinsam gestalten? Und da lief jetzt natürlich in den letzten Wochen und Monaten ganz viel auch über Energie und über Kraft. Und über Ausnahmezustand. Und ich glaube, die Aufgabe und die Herausforderungen in den nächsten Zeitabschnitt wird sein, da einen guten Alltag miteinander zu finden, der nicht mehr aus diesen Ausnahmezustand lebt, aber eben genau ermöglicht, auch vielleicht Energie und ein bisschen mehr Ruhe für grundlegende Dinge zu haben. Mhm. #00:20:54-1#

Anne Wasmuth: Du hast gerade das Stichwort gesagt Identität. Gibt es trotzdem so etwas wie eine spezifisch Nürnberger Identität. #00:21:01-6#

Lene Grösch: Aufs Publikum oder auf das Haus? Oder insgesamt alle? #00:21:06-4#

Anne Wasmuth: Ja, das Haus? Das Haus? Oder ist es eben doch sehr stark leitungsabhängig? #00:21:12-3#

Lene Grösch: Nein. Also ich empfinde schon, dass es eine sehr, sehr starke Identität gibt und auch eine sehr starke Arbeitshaltung und ein sehr, sehr schönes Miteinander von unterschiedlichen Abteilungen. Als ich hier angefangen habe in meiner Vorbereitungszeit, habe ich mich natürlich mit vielen, vielen Menschen getroffen und habe einfach geredet und habe erstmal zugehört. Und das war schon auf eine ganz wunderbare Art und Weise erstaunlich, wie wertschätzend Menschen hier über Menschen aus anderen Abteilungen reden. Also eben auch ein Ensemble über eine Technik, über Inspizient, über Licht und Ton Abteilungen. Also es gibt da ein sehr großes Selbstverständnis von Arbeiten auf Augenhöhe und arbeiten in einem guten atmosphärischen Klima. Das ist toll und auch alles Menschen, die ihren Job einfach sehr, sehr, sehr ernst nehmen und sehr ehrgeizig sind und tatsächlich das Beste tun wollen. Das ist auch eine ganz große Qualität, die sich hier durch alle Abteilungen zieht. Was natürlich super dankbar ist für uns als neues Team. Also ja, da gibt es irgendwie. Da gibt es ganz viel und es gibt auch eine Ensemble Identität und das wird jetzt einfach erweitert und bereichert. Und das sind gar keine Dinge, die in irgendeiner Form gegeneinander stehen. Überhaupt nicht. Sondern es geht, glaube ich, einfach um ganz normale, so gruppendynamische Prozesse, wo man denkt, so ein Ensemble, das sind ja Menschen, die nicht nur unglaublich viel Zeit miteinander verbringen, auf Proben und auf Vorstellungen, sondern die sind ja immer wieder auch einfach in künstlerischen Prozessen, die auch total intim sind, wo man sich körperlich nahe kommt, wo man sich emotional nahe kommt auf Proben, Wertvorstellungen. Das ist ein Teil von dem Job. Und deswegen ist es auch immer besonders wichtig, da sehr sorgsam miteinander umzugehen und darauf einfach ein großes Augenmerk auch zu legen. Und Nürnberg empfinde ich als Theater. So wie es sich auch definiert, finde ich im Verhältnis zu einer Stadt. Das lebt schon von innen, von einem sehr, sehr starken Ensemble. Und ich habe schon auch den Eindruck, dass es eine ganz starke Identifikation gibt zwischen einem Publikum und einzelnen Schauspielerinnen und Schauspielern. Also das ist einfach nicht. Es ist definitiv nicht einfach austauschbar, sondern es hängt schon sehr mit den Menschen zusammen, die auf der Bühne stehen. Was ich, glaube ich als aktive Theater Zuschauerin mit 15 auch schon gesagt hätte. Wo ich natürlich auch, glaube ich, immer um um alle Menschen aus dem Ensemble geweint habe, die aus irgendwelchen Gründen, die ich damals nicht kannte, dann nicht mehr im Ensemble waren, weil sie in irgendein anderes Engagement gegangen sind oder warum auch immer. Aber ich habe das, glaube ich, immer als Zuschauerin, als als Verlust empfunden. #00:24:18-4#

Anne Wasmuth: In einem Interview hast du gesagt, du wünschst dir Begegnung im Theater. Also sinngemäß, dass ich im Theater Menschen, die sich vorher nicht kannten, kennenlernen. Daraus ergeben sich für mich zwei Fragen. Erstens der Schritt. Davor reden wir über kulturelle Teilhabe. Wie gelingt es, Begegnung im Theater zu schaffen, wenn dein Publikum eigentlich unter sich bleibt, sozusagen in der eigenen Bubble? Das ist jetzt natürlich auch eine Behauptung über das Publikum, was hier zusammenkommt. Du kannst mir gleich gerne widersprechen, Aber zweitens die Frage, die sich nicht davon trennen lässt, wenn ich in einer Vorstellung sitze Das Licht ist aus, auf der Bühne spielt das Ensemble. Wie funktioniert dann Begegnung? #00:25:06-5#

Lene Grösch: Also ich glaube, dieses Blase aufstechen ist eine zentrale Aufgabe, die wir haben. Natürlich gibt es irgendwie einen Stamm Stammpublikum, die gerne kommen, die sich mit dem Theater identifizieren und das ist was ganz Tolles. Also das sind Menschen und das ist ein Publikum, für das ich super dankbar bin. Und andere Menschen haben das Theater einfach nicht auf ihrem Radar, haben das einfach nicht auf dem Schirm. Fühlen sich da möglicherweise nicht gemeint oder die Hürden sind einfach sehr groß. Oder es gibt Menschen, die einfach zu großen Respekt oder Skepsis gegenüber so einer offiziellen Kultureinrichtung haben und und natürlich auch jetzt hier im Foyer möglicherweise stehen und eine Architektur erleben, die ja auch sehr repräsentativ ist und erst mal nicht so niederschwellig. Und ich glaube, da können und müssen wir aber ansetzen. Wir haben eine Veranstaltungsreihe Yala Yalla gegründet, die sich explizit auch an Communitys wendet, die eine Zusammenarbeit sucht mit ganz vielen lokalen Akteurinnen der Stadtgesellschaft. Das ist auch was, was Zeit braucht und was aufgebaut werden muss. Aber das ist etwas, was uns als künstlerischen Team total wichtig ist. Genau das zu tun. Das heißt, wir hoffen natürlich, dass wir da auch Menschen bei uns willkommen heißen dürfen, die sich möglicherweise bisher nicht gemeint gefühlt haben oder dachten, Das, was wir im Theater machen, ist nichts für sie. Das ist der erste Schritt, dass Menschen uns auf dem Schirm haben und erst mal so einen Erstkontakt überhaupt bei uns aufbauen. Natürlich sitzen wir im Zuschauerraum erstmal alleine auf unseren Plätzen und unterhalten uns ja in diesem Falle dann auch nicht unbedingt mit den Menschen, mit denen wir vielleicht zusammen ins Theater gekommen sind. Es gibt trotzdem immer wieder eine extrem gefühlte Gemeinschaft Während solchen Abenden. Also ich glaube, alle Personen, die diese Stücke schief geguckt haben, empfinden das so, weil es eine sehr große Freudengemeinschaft ist und und weil dieses gemeinsame Lachen auch total verbindet. Gemeinsames Weinen im Theater kann auch enorm verbinden. Wenn man das mal erlebt hat, dann dann weiß man auch, was das Besondere ist an diesem Theater. Moment als Live Moment, wo ich diese Gemeinschaft und auch eine Form von Solidarität unter Menschen total spüre und mich davon irgendwie tragen lasse. Aber so ein Theaterabend, der fängt ja nicht erst an, wenn das Licht im Zuschauerraum ausgeht. Und der hört nicht auf, wenn die Türen nach dem Applaus wieder aufgehen. Es gibt eine Pause, es gibt ein Wie komme ich überhaupt im Theater an, Was ist da vorher im Foyer? Welche Möglichkeiten gibt es? Und und das ist eben genau das sind die Themen, über die wir nachdenken. Und ich gehe selber beruflich total oft alleine ins Theater, weil ich dann in irgendwelchen anderen Städten mir Arbeiten von interessanten Regisseuren anschaue. Und da bin ich alleine und merke natürlich um mich herum. Die allermeisten Menschen kommen in Gruppen ins Theater, die reden miteinander. Das hat eine große Selbstverständlichkeit und man kommt sich selber einfach per se so ein bisschen einsam vor und denkt dann so Ja, ich stehe jetzt hier mal rum und trinke irgendwie alleine mein Getränk. Und das ist eigentlich extrem schade. Also eigentlich sollten wir da einen Begegnungsraum schaffen, wo es eine Form von Selbstverständlichkeit hat, dass man miteinander redet und. Und da denken wir gerade drüber nach, weil es ist irgendwie natürlich logisch, dass man nicht als Person, die alleine ins Theater geht, dann anfängt, fremde Menschen anzuquatschen. Also da kommt man sich ja komisch vor, aber wie kriegt man da einen Ort hin, wo klar ist. Also wir denken gerade über eine bestimmte Ecke nach im Foyer. Und wenn man sich da quasi hinbewegt, ist klar Ich habe Lust auf Austausch. Das heißt, man muss sich nicht mehr komisch vorkommen, wenn man andere Leute anspricht und gar nicht weiß, ob die da Lust drauf haben, weil es irgendwie eine Form von gemeinsamen Commitment gibt, dass man sagt Hey, ich bin auch alleine da, ich habe Lust, Menschen kennenzulernen oder einfach nur in der Pause über den Abend zu reden. Also es gibt da schon Wege, so was herzustellen. Und daran wollen wir arbeiten. Wir haben beispielsweise auch den Club als als Format nach Vorstellungen, was kein klassisches Nachgespräch ist mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, sondern wo es darum geht, dass das Publikum wirklich unter sich sich austauschen kann. Da ist jemand von uns dabei und kann das irgendwie vorsichtig moderieren. Aber eigentlich sind wir primär zum Zuhören da und nicht dazu da, Fragen zu beantworten, die ein Publikum uns stellt. Und ich war gestern bei dem Club zu den Räubern und das war ein super interessantes Gespräch, auch für mich im Kontakt mit Publikum. Einfach zu hören, wie ist denn eine Wahrnehmung und und gar nicht im Sinne von warum ist das so und so und was hat das zu bedeuten? Ähm, also worauf ja manchmal Publikumsgespräche oder Nachgespräche so hinauslaufen, sondern einfach zu hören, was ist wie bei Menschen angekommen und wie unterschiedlich ist das auch. Und dadurch war zwischen diesen Menschen eine ganz tolle Gemeinschaft, die irgendwie sehr niederschwellig funktioniert hat und wo es nicht darum ging, dass irgendwie Menschen besonders schlaue Sachen sagen müssen und da irgendwie so selber so ein Druck haben, sondern man konnte einfach teilen, was man gesehen hat und was gerade irgendwie so im eigenen Kopf passiert und welche Fragen sich stellen und und warum das vielleicht ganz anders ist als bei der zuschauenden Person, die neben einem sitzt. Und da, finde ich, wird es interessant. Also wenn Theater das leisten kann. Und wenn Theater das schafft? Ich habe in Heidelberg ein Format ins Leben gerufen, das hieß Talking to Strangers. Und das basiert darauf, dass Menschen kommen, sich im Foyer versammeln. Dann bekommen alle eine Augenmaske aufgesetzt. Und werden dann in Zweierkonstellationen zusammengewürfelt. Und diese zwei Menschen verbringen dann eine Stunde Zeit miteinander und reden und behalten in dieser gesamten Zeit die Maske auf. Das heißt, sie wissen nicht, wer einem gegenübersitzt. Wir sagen explizit dazu Bitte gerne. Das, was wir in Smalltalks so oft teilen, am Anfang nicht teilen. Also gerne nicht den Namen sagen, nicht das Alter sagen, nicht sagen, was man beruflich macht. Und gucken, wenn man inhaltlich über ein Thema redet. Was passiert denn eigentlich, wenn ich möglichst wenig weiß über mein Gegenüber, sondern wirklich nur eine inhaltliche Diskussion führe? Und das ist, finde ich, auch ein wahnsinnig spannendes Begegnungsformat. Also immer mit einem Thema und alle 8 bis 9 Minuten kommt quasi ein akustischer Impuls. Das kann irgendwie ein kurzer Text sein oder ein Radiobeitrag oder ein Song, an dem man sich orientieren kann, um weiterzureden. Und es ist zum einen unglaublich, wie schnell eine Stunde vergeht. Es ist auch unglaublich, wie sehr man sofort in wirklich tiefen Gesprächen drin ist, weil man diesen Smalltalk total abkürzt und weglässt. Also da sind Menschen sehr schnell bereit, wirklich über das zu reden, was sie bewegt. Das sind total emotionale Gespräche und man hat das Gefühl, man kommt einer Person nahe. Und am Ende von dieser Stunde kann man die Augenmaske abnehmen und sitzt jemandem gegenüber und denkt mit dir hätte ich niemals, nie eine Stunde geredet. Niemals. Weil wir nicht aus derselben Bubbles sind oder weil man denkt Huch, weiß nicht. Du schaust irgendwie aus als. Als. Als ob wir nicht eine gute Stunde miteinander reden könnten. Und diese Form von. Von vorurteilsfreier Begegnung und Kommunikation miteinander ist etwas, was wir alle sehr gut gebrauchen können. #00:33:34-3#

Anne Wasmuth: Auf jeden Fall. Du bist die erste Frau an der Spitze des Nürnberger Schauspiels. Denkst du über diese Tatsache nach? Hat es für dich oder das Haus eine Bedeutung? #00:33:47-3#

Lene Grösch: Also ich werde vor allen Dingen. #00:33:51-1#

massiv oft danach gefragt, wie sich das anfühlt. Ich glaube, es gibt so ein bisschen zwei Antworten auf diese Frage. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass Frauen die besseren Leitungs oder Führungspersönlichkeiten sind. Es gibt unglaublich viele Männer, die auch toll sind und die auch sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Das heißt, per se bin ich nicht deswegen geeigneter oder besser für diese Position, nur weil ich eine Frau bin. Aber auf der anderen Seite, glaube ich, agieren wir alle ja immer aus eigenen persönlichen Erfahrungen heraus. Und natürlich habe ich als Frau in unserer Gesellschaft bestimmte Erfahrungen gemacht, die mein Denken prägen und auch mein Blick auf Kunst und Kultur prägen. Das heißt konkret Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass unser Ensemble paritätisch zusammengesetzt ist, also aus genauso vielen Männern wie aus Frauen besteht. Ich Ich Label, das nicht unter diesem Stichwort Feminismus. Aber natürlich ist es genau das. Und das ist aber auch was, was ich sozusagen von meinen männlichen Kollegen genauso erwarten würde. Weil es einfach nur um Gleichberechtigung geht und ich das gerne als selbstverständlichen Teil oder als Basis für meine und unsere Arbeit begreifen würde und gar nicht als etwas Exzeptionelles. Das heißt, ich muss nicht einzelne Theaterabende labeln unter irgendeinem Stichwort wie Feminismus, weil ich wirklich das Gefühl habe, das ist. Das ist die Basis für das, was wir tun, und das müssen wir gar nicht mehr extra benennen. Also insofern ja, ich glaube, das ist es ist für viele Mitarbeitende auch. Macht es einen Unterschied aus? Aber es ist wie immer total personenabhängig. Die Art und Weise, wie man ein Haus leitet, wie man miteinander umgeht, wie man eine Arbeitsatmosphäre gestaltet, was einen interessiert. Und ja, das spielt mit Sicherheit mit rein, dass ich eine Frau bin. Das ist für mich aber nicht der zentrale und wichtige Punkt. Also ich würde auch sagen unsere Dramaturgie. Und die ist gemischt, also mit Männern und Frauen. Die Männer sind mindestens genauso Feministen wie die Frauen im Team. #00:36:12-4#

Anne Wasmuth: Ja, Du hast auf meine folgende Frage, wo ich ein bisschen Anlauf zu nehmen muss, schon teilweise geantwortet. Ich würde da gerne noch ein bisschen tiefer einsteigen. Wir sprechen kurz vor Weihnachten 25 miteinander. Ende November haben die deutschen Musikhochschulen mit dem Aktionstag Kunst Macht Menschlichkeit ein öffentlich sichtbares Zeichen gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung gesetzt, um eine offene Auseinandersetzung mit Machtstrukturen und Respekt zu fördern. Du hast selber an einer Musikhochschule studiert, Du kennst die Besonderheiten dort, dass Einzelunterricht in den künstlerischen Fächern, die rein strukturell schon mal Raum für Grenzüberschreitungen bietet. Ziel der Initiative ist eine offene Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen für Prävention und strukturellen Wandel. Die Öffentlichkeit kennt das Thema durch mediale Berichterstattung, nicht zuletzt auch angestoßen durch eine von Thomas Schmidt durchgeführte erste repräsentative Befragung vor sechs bzw sieben Jahren, in der 55 % der Befragten angaben, Erfahrungen mit Machtmissbrauch am Theater gemacht zu haben. Es geht dabei auch um Grenzüberschreitungen im Probenprozess, Befristungen und Abhängigkeiten, eine hohe Hemmschwelle, um Vorfälle zu melden. Heute trägt sie selbst die Verantwortung und die Gestaltungsmacht. Du hast es schon so ein bisschen durchleuchten lassen. Wie hat dich oder haben dich diese Debatten geprägt? Und was heißt das ganz konkret für deinen Umgang mit Macht, Führung und Verantwortung heute? #00:37:51-7#

Lene Grösch: Ja, natürlich prägen, glaube ich, alle Theatermacher innen genau diese Debatten und haben wir alle auch erlebt Oder erleben wir Gott sei Dank. Wie viel sich auch tut. Also mal positiv betrachtet. Das heißt nicht, dass es heute irgendwie keinerlei Machtmissbrauch mehr in Theatern gibt. Aber es gibt ein ganz, ganz anderes Bewusstsein darüber und auch ein ganz anderes Bewusstsein, darüber zu reden. Ich glaube, das Wichtigste erst mal für Führungspersonen ist, sich mit einem. Sich mit Menschen zu umgeben, von denen man weiß, dass sie kritisch sind und dass sie offen sind. Weil Theater Betriebe einfach so sind, dass sie, dass sie hierarchisch sind, dass sie irgendwie machtzentriert sind und dass man leicht Gefahr läuft sozusagen, da auch Dinge irgendwie möglicherweise nicht mitzubekommen oder auf sich selber auszurichten, wenn das irgendwie in einem eigenen Persönlichkeitsprofil angelegt ist. Und ich finde es super wichtig, dass meine engsten vertrauten Menschen, mit denen ich irgendwie täglich zusammenarbeite, dass ich genau weiß, sollte ich irgendwie Gefahr laufen, mich seltsam zu verhalten oder in einem in einem Spektrum zu bewegen, wo das ansatzweise eine Gefahr sein könnte. Dann würde ich sofort ein Feedback bekommen und dann würde ich sofort kritisiert werden. Auch in einem internen Prozess sozusagen. Und das ist super wichtig. Das heißt, erst mal gegenüber Mitarbeitenden diese Form von Offenheit zu haben und Scheu abzubauen, Dinge anzusprechen, das, finde ich, ist erstmal eine ganz große und ganz wichtige Basis. Wir sind im Theater immer in einem Bereich, wo es ganz viele unterschiedliche Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Und das, was ich vorhin gesagt habe Menschen begegnen sich einfach im Theater, auf Proben in Vorstellungen, sehr viel intimer, als das in anderen Arbeitsfeldern überhaupt möglich ist. Und damit erhöht sich auch einfach die Gefahr. Das heißt, Theater sind da grundsätzlich, glaube ich, nicht gefährdeter als alle anderen Arbeitsbereiche auch. Aber es kann eben gefährlicher werden in bestimmten Situationen, wo sich Künstlerinnen miteinander befinden. Ich glaube, es ist ein permanenter Reflexionsprozess. Und das ist auch keiner, der abgeschlossen werden kann, sondern es geht, glaube ich, immer darum, sich zu hinterfragen und nachzufragen und gemeinsam mit anderen Menschen zu reflektieren. Haben wir eine Arbeitsatmosphäre, wo sich alle wohlfühlen, wo Dinge frei geäußert werden können? Gibt es das Gefühl von unguten oder toxischen Abhängigkeitsverhältnissen? Falls ja, was können wir dagegen tun? Das ist aber wirklich ein sukzessive Prozess. Und natürlich versuche ich sehr vieles mitzudenken und versuche auf vieles zu achten, um diese Dinge alle zu vermeiden. Aber da müssen alle mitdenken und mitarbeiten und sich gegenseitig immer wieder auf Dinge hinweisen. Und auch das ist sozusagen ein Teil von einem Kennenlernprozess. Also ein gemeinsames Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir als Ensemble miteinander proben? Was sind für uns Grenzüberschreitungen? Das muss gemeinsam herausgefunden werden und es müssen gemeinsam Regeln gefunden werden, wie ich agieren kann, wenn ich auf einer Probe bin und Dinge passieren, die ich als ungut für mein Arbeiten und für mein persönliches Verhältnis zu Menschen bezeichnen würde. Aber es ist ein Thema, was uns, glaube ich, begleitet und was uns aber auch begleiten muss. Und da muss man einfach Zeit und Liebe reinstecken und immer aufpassen und lieber einmal mehr über Dinge sprechen oder einmal mehr nachfragen als davon ausgehen, dass Dinge selbstverständlich sind. Es ist wie so vieles im Leben, einfach sehr viel Kommunikationsarbeit, die wir da alle gemeinsam leisten müssen. #00:42:01-5#

Anne Wasmuth: Ich möchte gerne mit dir über Druck sprechen. Druck auf verschiedenen Ebenen, Erwartungsdruck, finanzieller Druck und gesellschaftspolitischer Druck. Der Reihe nach. Du musst damit umgehen, dass andere gesagt oder geschrieben haben oder sind Aber ganz große Schuhe, die der Vorgänger hinterlassen hat, die erst einmal gefüllt werden müssen. Jetzt kann man sich denken Ja, vielen Dank für das skeptische Zutrauen, oder: Ja, stimmt. Aber Sie kennen meine Schuhgröße nicht! Nimmst du solche Sachen von außen überhaupt wahr? #00:42:37-6#

Lene Grösch: Ich glaube nicht, dass es für mich einen Unterschied macht, ob jetzt eine Vorgängerschauspieldirektion desaströse Arbeit gemacht hat oder wahnsinnig tolle Arbeit, weil es ja darum geht, was wir wollen und was wir tun. Ich empfinde das eher als Geschenk, dass das Schauspiel in den letzten Jahren gut funktioniert hat und dass es eine gute Bindung zum Publikum gibt. Als da die Verantwortung zu haben, da komplett neu anzusetzen, zu wissen, da kommen sehr wenig Menschen ins Schauspielhaus und ich muss das sozusagen aufbauen. Also da bin ich uneitel, total dankbar, dass es da irgendwie erst mal eine gute Beziehung gibt und dass da tolle Arbeit stattgefunden hat in den letzten Jahren. Ich glaube, Druck ist an diesen Positionen ja immer da. Also man weiß ja okay, wenn wenn ein künstlerisches Konzept nicht aufgeht und wenn das über eine längere Zeit nicht nicht aufgeht, dann dann hat man ein Problem. Also faktisch, dann ist irgendwie ein Hauslehrer, als es sein sollte, dann hat man weniger Einnahmen, aber man hat es auch künstlerisch, sozusagen die Verbindung dann eben nicht geschafft. Oder möglicherweise produziert man irgendwie einer Stadt oder einer Stadtgesellschaft vorbei. Und Menschen fühlen sich nicht gemeint. Also das Scheitern ist da ja immer irgendwo am Horizont. Ähm, das heißt, dieser Druck ist da auf der einen Seite und auf der anderen Seite, glaube ich, hilft da aber nur Konzentration auf das Eigentliche und kein Hirnen. Über was könnte alles passieren oder was wäre das Worst Case Szenario? So bin ich nicht. Ich bin, glaube ich, in diesen Dingen extrem unaufgeregt und denke, wir wollen einfach gutes Theater machen. Das wird nicht mit jeder Produktion klappen. Aber ich Ich glaube, dass ich auf Dauer unsere Idee von dem, was wir irgendwie gerne wollen, was wir künstlerisch zeigen wollen, was wir aber auch mit unserem Publikum teilen wollen, dass sich das vermitteln wird. Das heißt, es ist eher wie eine Form von Grundvertrauen in das, Wo ich weiß, ich, mein Team, unser Ensemble. Wir können einiges und wir wollen einiges. Und das wird hoffentlich sehr viele Menschen erreichen. Und ja, an anderen Tagen ist der Druck dann irgendwie spürbarer und an guten Tagen weniger. Das ist aber irgendwie mein Job, damit umzugehen und mich dem nicht so hinzugeben und mich auch da. Nicht abhängig zu machen von einer Tagesform vielleicht auch. Und die immer stattfindet und sich nicht zu schnell irritieren zu lassen, wenn es auch mal Reaktionen gibt, die man sich vielleicht anders gewünscht hätte. Also auch das gehört dazu. Ähm, ich glaube, besonders bei so einem Neustart ist dieser Druck natürlich anders spürbar. Oder ist erstmal eine andere Erwartungshaltung da, die da irgendwie einen sehr starken Fokus darauf setzt. Und auch da versuche ich auf jeden Fall ins Haus hinein auch zu sagen. Lasst uns diesen Druck einmal rausnehmen. Lasst uns diese erste Spielzeit wirklich nehmen als ein Wir lernen uns kennen, als Team, als als Theater Mitarbeitende. Und wir lernen die Stadt kennen. Wir lernen unser Publikum kennen. Das braucht alles Zeit und die Zeit müssen wir uns gönnen. Und da müssen wir auch damit umgehen, dass nicht alles sofort mit einem Fingerschnippen klappt, sondern wir müssen da miteinander gnädig sein. Und ja, lieber lieber all das Mittelfristige in der Zukunft sozusagen im Blick haben und sich da annähern. Und diese Beziehung zwischen Theater und Stadt einfach sehr ernst nehmen. Als ich sage mal, in den ersten zwei, drei Monaten einfach Rausballern und um des Effekts willen sozusagen möglichst viel möglichst spektakulär zu machen. Das haben wir nicht getan. Und Und was ich mir im Gegenzug einfach wünsche von unserem Publikum, ist eine Offenheit und ein sich einlassen auf Dinge. Und sich eine Neugierde behalten. Und uns eben auch umgekehrt sozusagen langsam kennenlernen. Das ist etwas, was für mich irgendwie wichtig ist. #00:47:12-0#

Anne Wasmuth: Mit Blick auf die Zukunft werden zumindest die finanziellen Mittel nicht mehr werden. Wie beurteilst du die Situation? Hat sie Auswirkungen schon jetzt auf eure Arbeit? #00:47:25-9#

Lene Grösch: Ich glaube, das wird auf jeden Fall Auswirkungen haben, weil es nicht so ist, als ob wir jetzt in den letzten Jahren, also auch Nürnberg, nicht irgendwie über finanziert gewesen wäre. Also wenn man sich anschaut, was Schauspielerinnen verdienen, was geschieht, Assistierende verdienen, dann ist das ja alles in einer Sequenz, wo man immer sagen kann also reich wird man am Theater wirklich nicht. Man muss sehr viel arbeiten. Ja, also reich wird man nicht am Theater. Und das bedeutet eben auch wenn, wenn hier Gelder signifikant fehlen, dann hat das sofort Konsequenzen, weil wir nicht irgendeinen Puffer haben, den wir da irgendwie noch abschmelzen können und wo es uns dann trotzdem noch gut geht, sondern es wird einfach Konsequenzen haben, mit denen wir umgehen müssen. Nürnberg ist ein Haus, das extrem seriös ökonomisch aufgestellt ist. Das heißt, wir gehen sehr, sehr gut mit Geldern um. Wir sind ein Betrieb, der viel Publikum hat. Das bedeutet auch, dass wir einen sehr hohen Eigenmittel Anteil haben, also dass wir sehr viel sozusagen selber erwirtschaften als Theater. Das ist ungefähr doppelt so viel, wie das in Heidelberg beispielsweise der Fall ist. Das heißt, es ist wirklich irgendwie explizit hervorzuheben und das ist eine tolle Arbeit, die da hier geleistet wird. Und wir hoffen und glauben auch vollkommen zu Recht, dass es da einfach, dass wir einen guten Schulterschluss brauchen mit der Politik und dass wir als Theater natürlich auch ein Verständnis dafür brauchen, dass wir Vorlaufzeiten haben, wo wir eben ich habe vorhin schon gesagt, zwischen einer Planung von einer Inszenierung und einer Premiere liegen anderthalb Jahre. Das heißt, das ist unsere zeitliche Vorbereitungszeit, und da ist es natürlich unglaublich schwierig, wie es jetzt an Häusern auch in Bayern passiert ist, wo Gelder dann so kurzfristig zurückgehalten werden oder nicht freigegeben werden in einem laufenden Betrieb. Das ist für Theater, für Kulturbetriebe eigentlich immer das Schwierigste, weil es fast unmöglich ist, mit geschlossenen Verträgen, mit allem, was natürlich an Fixkosten das ist ja die größte Summe, die in Theatern überhaupt auftaucht, das heißt die die Möglichkeiten in einem laufenden Prozess zu sparen, als Theater sind unglaublich eingegrenzt und sehr, sehr schwierig. Und wir hoffen einfach sehr auf eine weiterhin gute Unterstützung aus der Politik, sowohl auf einer kommunalen Ebene von der Stadt Nürnberg, aber natürlich auch vom Freistaat. Und wir müssen, glaube ich, gucken, was sich da wie entwickelt. Aber mit Blick auf mehrere Theater hier außen rum ist es, glaube ich, natürlich immer auch ein sorgenvoller, den wir haben. #00:50:12-8#

Anne Wasmuth: Druck die Dritte: In unserer Gesellschaft geht es zurzeit nicht immer entspannt zu. Anders gesagt: Es gibt extremistische Strategien, die können nachgelesen werden, in denen von entfesseltem Kulturkampf und Spaltung die Rede ist. Es gibt viele Stimmen, die sagen „Schaut hin, seht ihr nicht, was da gerade passiert? Wie diese Strategien funktionieren?“ Spürst du in dieser Situation für euch als öffentlich finanzierte Institution auch Erwartungen oder politischen Druck? Was Theater darf, kann, soll oder muss? Wie geht ihr damit um? #00:50:49-1#

Lene Grösch: Also es gibt erstmal positiv betrachtet jetzt in meiner bisherigen Arbeit hier in Nürnberg, es gibt keinerlei versuchte Einflussnahme vonseiten einer Politik oder von Gruppierungen was auch immer. Es gibt keinen Versuch der Einflussnahme darauf, was wir inhaltlich und künstlerisch planen und machen. Ich sage das so dezidiert, weil es eben Häuser gibt, die diesen Druck haben, also die in Gegenden wohnen, wo die AfD sehr viel stärker vertreten ist und wo nicht nur massiver Kritik geäußert wird, sondern das eben auch wirklich verbunden ist mit Einflussnahme oder mit versuchter Einflussnahme. Das findet hier nicht statt. Das ist die gute Nachricht. Natürlich spüren wir beim Programmieren oder beim Gestalten von einem Spielplan eine andere Situation, als wir vielleicht vor zehn oder 15 Jahren erlebt haben. Also wir merken alle, dass wir in einer Polykrise leben, dass wir uns fast an diesen Krisen Zustand wie schon als Alltag gewöhnt haben und dass sich Dinge sehr schnell sehr stark zuspitzen auf eine extrem ungute Art und Weise und dadurch natürlich auch andere politische Positionierungen herausfordern. Ich glaube, wir als Theater sind da. Immer. Es ist immer ein Balanceakt, weil wir eigentlich kein Medium sind, was tagesaktuell reagieren kann. In diesem regulären Produktionsprozess reagiert. Das heißt, im Grunde genommen unterhalten wir uns beim Spielplan, machen darüber Welche Themen werden denn in anderthalb Jahren für uns als Gesellschaft wichtig sein? Und das sind natürlich Tendenzen ablesbar. Und man weiß genau Bestimmte Thematiken werden uns in anderthalb Jahren genauso verfolgen, wie sie das jetzt auch tun. Trotzdem ist es so die Frage Ist Theater wirklich das beste Medium, um politisch sich einzumischen und zu agieren? Ich glaube, es geht um sehr grundsätzliche Werte, die wir vertreten und die wir vertreten müssen und die wir verteidigen. Und es geht im Rahmen von einer politischen Positionierung eben auch um eine grundsätzliche Verteidigung von Demokratie, die ich absolut als unsere Aufgabe verstehen würde. Und das ist aber auch so was wie die Basis für unsere Arbeit. Und wir spüren die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen, gerade einfach sehr viel expliziter als es vielleicht vor ein paar Jahren der Fall war, weil wir spüren, wie vulnerabel unsere Gesellschaft ist und wie anfällig für die Gefahren für eine Demokratie wir sind. Das heißt, bestimmte Selbstverständlichkeiten sind ein bisschen wie wie dahin. Und wir müssen uns dafür mehr einsetzen. Und wir müssen dem mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir müssen uns als Kultureinrichtungen, glaube ich, immer auch selber reflektieren, wo in diesem Prozess wir uns befinden. Wo schauen wir zu, wo reflektieren wir, wo verhandeln wir Dinge, wo mischen wir uns ein? Auch das ist eine Frage, auf die es, glaube ich, keine pauschale Antwort gibt, sondern das ist ein permanenter Austarieren sprozess. Aber unter all dem liegt wirklich ein Wir sind ein Ort für Demokratie und für Vielfalt. Und dessen sind wir uns gerade sehr bewusst. Und damit können wir und müssen wir auch sehr offensiv umgehen. #00:54:29-3#

Anne Wasmuth: Welche Rolle sollte das Schauspielhaus in Nürnberg spielen? Was wünschst du dir? #00:54:35-9#

Lene Grösch: Ich wünsche mir, dass das ein Ort wird für möglichst viele Nürnbergerinnen und Nürnberger, an dem sie sich gemeint fühlen und wohin sie sich eingeladen fühlen, wo sie in echten Austausch kommen mit uns als Theater, aber eben auch mit dem anderen Publikum. Das ist im Idealfall ein Ort, der auch einfach Einsamkeit entgegenwirkt. Also ich glaube, diese, diese Form von Begegnung, von Zusammenschluss von Ich gehe abends ins Theater und gehe mit einem glücklicheren Gefühl nach Hause oder mit einem guten Gefühl nach Hause, weil ich was erlebt habe, was, was Gemeinschaft bedeutet. Das ist, glaube ich, etwas, was ich mir total wünsche und was ich mir total erhoffe von diesem Ort. Was ein Grund Antrieb ist auch, warum viele Menschen im Theater arbeiten oder damit anfangen, sich damit zu beschäftigen. Also alle beschreiben irgendwie in der zuschauenden Perspektive einfach diesen irren Moment von. Es ist ein Unterschied, ob ich im Kino sitze und mir einen Film anschaue oder ob ich merke, da passiert in diesem Moment was zwischen den Menschen, die auf der Bühne stehen, und den Menschen, die im Publikum sitzen. Und ja, das zu lieben, das wahrzunehmen, das zuzulassen für eben möglichst viele Menschen, das ist was, was ich mir hier für das Schauspiel wünsche. #00:56:07-2#

Anne Wasmuth: Letzte Frage Du hast es selber gesagt Hier wird sehr viel gearbeitet, sehr kompetent, sehr viel Herzblut. Gibt es überhaupt eine lene Größe jenseits Ihrer beruflichen Rolle? #00:56:25-7#

Lene Grösch: Da reden wir dann vielleicht Ende der Spielzeit noch mal drüber. Ich arbeite schon sehr viel und das hat natürlich jetzt auch viel mit einem Neustart zu tun und mit einem sich in Dinge einarbeiten. So, ich arbeite total gerne. Es macht mir Spaß. Ich sehe meiner Familie gerade eindeutig zu selten. Ich bin. Ich habe eine Ferienwohnung noch in Heidelberg, wo mein Sohn und mein Mann leben. Und die sehe ich definitiv zu selten. Gerade das würde ich mir natürlich anders wünschen. Aber das ist jetzt gerade einfach so und wir hatten das große Glück als Theaterfamilie, dass wir irgendwie immer eine einen gemeinsamen Wohnort hatten, als Familie und sehr viel Zeit miteinander verbringen konnten. Jetzt ist es das erste Mal so, dass es quasi eine Fernbeziehung ist und da muss ich mich auch dran gewöhnen. Und das ermöglicht. Aber auf der anderen Seite auch hier natürlich, weil ich hier jetzt in Nürnberg alleine wohne, dass ich noch mehr arbeite, als ich das sonst vielleicht tun würde. Nein, also es macht mir wirklich Spaß. Ich glaube, vieles wird sich so einpegeln, dass ich mehr Zeit habe. Ich glaube, das, was mir gerade am meisten fehlt neben rein privaten Dingen, ist, dass ich Sehnsucht habe, einfach mehr in Nürnberg unterwegs zu sein, mehr auf Veranstaltungen zu sein, mehr Teil der Stadtgesellschaft zu sein. Das war jetzt in diesen ersten Monaten tatsächlich punktuell, aber irgendwie nicht so häufig möglich, wie ich das gerne hätte. Und das hat für mich aber auch einfach sehr viel damit zu tun, eine Stadt kennenzulernen. Also dass man die unterschiedlichsten Veranstaltungsorte und Orte und Menschen in Nürnberg trifft. Und das ist dann quasi so was zwischen privat und beruflich, aber einfach in einem Wie nähere ich mich einer Stadt? Wie lerne ich irgendwie Menschen kennen da. Das ist glaube ich was, wo ich merke, da habe ich eine große Lust drauf. Das ist jetzt ein bisschen zu kurz gekommen in den letzten Wochen. Und da hoffe ich sehr, dass ich das im neuen Jahr hier mit der Belastung so stabilisiert, dass ich einfach mehr rausgehen kann in die Stadt. Und dass es dafür irgendwie mehr Möglichkeiten gibt. #00:58:31-4#

Anne Wasmuth: Auf jeden Fall herzliche Einladung ins Bildungszentrum. Spätestens im Juli, wenn es wieder heißt Texttage, dann erwarten wir dich bitte im Publikum und erlebe spannende Autorinnen. Wir würden uns sehr freuen und ich kann einfach nur sagen Vielen, vielen Dank, dass du dir trotz dieser vielen Arbeit gerade jetzt zu Beginn die Zeit genommen hast, dass wir hier sprechen konnten. Vielen, vielen Dank. #00:58:58-7#

Anne Wasmuth: Ja, sehr gerne. Hat mich sehr gefreut und Texttage sind im Kalender markiert. Also ich schaue auf jeden Fall vorbei. #00:59:04-4#

Lene Grösch: Wir freuen uns. #00:59:05-4#

Anne Wasmuth: Vielen Dank. #00:59:06-8#

Dieses Projekt/Diese Maßnahme/Initiative leistet einen wichtigen Beitrag, Nürnberg schrittweise inklusiver zu gestalten. Es/Sie ist Teil des Nürnberger Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Den Ersten Aktionsplan hat der Nürnberger Stadtrat im Dezember 2021 einstimmig beschlossen. Um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in Nürnberg zu verwirklichen, wurden und werden umfangreiche Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Weitere Informationen finden Sie unter www.inklusion.nuernberg.de.

Die Schauspieldirektorin über Dramaturgie als verrückten Beruf, Begegnung im Theater und ihren Neubeginn.

In dieser Folge ist die KontaktAufnahme zu Gast am Staatstheater Nürnberg – im Büro von Lene Grösch, die seit der Spielzeit 2025/26 Schauspieldirektorin des Hauses ist. Geboren in Nürnberg, ausgebildet in Leipzig, beruflich geprägt von ihrer Arbeit beim Heidelberger Stückemarkt, ist sie an ihr Heimattheater zurückgekehrt – in einer Zeit, in der Theater unter besonderem finanziellem und gesellschaftspolitischem Druck stehen. Im Gespräch geht es um internationale Theatererfahrungen, Macht und Führung in künstlerischen Institutionen, um kulturelle Teilhabe und Begegnung im Theaterraum, Erwartungsdruck und ihre Wünsche für das Nürnberger Theater und an das Publikum. 

-------

Aufgenommen am: Donnerstag, den 18. Dezember 2025
Veröffentlicht am: Donnerstag, den 22. Januar 2026
Moderation: Dr. Anne Wasmuth
Im Gespräch: Lene Grösch 

-------

Alle weiteren Folgen von KontaktAufnahme – der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg finden Sie hier. Jede zweite Woche, immer donnerstags, veröffentlichen wir ein neues Gespräch. 

Wen sollen wir noch befragen - haben Sie Ideen und Anregungen? Oder möchten Sie Ihre eigenen „Glücksmomente“ (manchmal am Ende des Interviews zu hören) an uns schicken? Schreiben Sie uns an