Martin Speer, wie verändern wir Europa – und uns selbst?
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Transkription KontaktAufnahme Speer Folge 146
Ansage: Kontaktaufnahme. Der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg. #00:00:12-2#
Moritz Glenk: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge Kontaktaufnahme. Mein Name ist Moritz Glenk und ich freue mich heute auf einen ganz besonderen Gast, der gesellschaftliches Engagement, europäische Ideen und aktuelle Debatten auf besondere Art und Weise miteinander verbindet. Martin Speer ist Autor, Unternehmer und Europaaktivist. Bekannt wurde er als Mitinitiator der Initiative #FreeInterrail, aus der später DiscoverEU hervorging. Gemeinsam mit Vincent-Immanuel Herr entwickelt er gesellschaftliche Projekte und schreibt Bücher zu Europa, Demokratie, Männlichkeit und Gleichstellung. Für sein Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet. Und heute möchte ich mit dir, Martin, über deine Familiengeschichte, deine fränkischen Wurzeln, die Idee hinter #FreeInterrail, deine Zusammenarbeit mit Vincent, Male Allyship und dein aktuelles Buch sprechen. Willkommen, lieber Martin. #00:01:18-0#
Martin Speer: Ich freue mich sehr, hier zu sein. Hallo. Richtig viele Themen. Aber ich denke, wir arbeiten uns da super durch und ich freue mich total, hier in der Heimat zu sein. #00:01:27-1#
Moritz Glenk: Martin, deine Geschichte, die ging ja schon oder deine Verbindung zu Freiheit, zu Europa, könnte man sagen. Die ging ja schon früh los. Deine Geschichte beginnt eigentlich schon, bevor du selbst Entscheidungen treffen konntest. Deine Eltern sind 1989 über die bundesdeutsche Botschaft in Prag aus der DDR geflohen. Für Deutschland ein historisches Ereignis für euch Familiengeschichte. Mich interessiert deshalb zunächst der persönliche Blick. Wann hast du eigentlich verstanden, was deine Eltern damals erlebt haben? #00:02:04-7#
Martin Speer: Das ist eine richtig gute und tiefe Frage. Natürlich erst später und auch im Älterwerden oder wo wir natürlich darüber auch gesprochen haben, wie viel Mut es von ihnen gebraucht hat, wie viel tollkühnheit, wie viel Freiheitsdrang dahinter stand. Vielleicht auch ein bisschen eine Portion Naivität, aber auch planvolles Handeln. Aber das große Bedürfnis, glaube ich aus diesem begrenzten Rahmen, der sie in der DDR umgeben hat, auch auszubrechen. Und ich habe wirklich erste Gespräche mit meinen Eltern, eigentlich erst angefangen als Jugendlicher oder dann, weil die Familienzeit auch nicht immer einfach war. Eigentlich erst in meinen Zwanzigern zu führen. um dann auch nachzufragen Wie war das denn? Wie seid ihr da aufgebrochen? Habt ihr jemanden informiert? Usw. Und dann habe ich Stück für Stück auch erst die Geschichte dahinter erfahren. #00:03:07-7#
Moritz Glenk: Und wie wurde denn diese Geschichte bei euch zu Hause erzählt? Würdest du auch sagen, wenn wir dann vielleicht schon einen kleinen Sprung weiterblicken ohne jetzt in alle Details deiner Lebensgeschichte zu gehen, aber wie würdest du auch sagen, hatte ich das geprägt für spätere Inhalte, Initiativen, die du vorangebracht hast? War da schon früh dieser Impuls der Freiheit tief in dir verwurzelt? #00:03:37-4#
Martin Speer: Also vielleicht unterbewusst? Also ich bin ja 1986 in Leipzig geboren und 89, und ich war so ein bisschen über drei Jahre alt. Gab es diese Entwicklung in der Prager oder westdeutschen Botschaft in Prag und Meine Eltern bzw meine Mutter mit ihrem damaligen Lebensgefährten haben sich entschieden, also mit dem Trabant Richtung Prag aufzubrechen und haben wirklich auch niemanden Bescheid gesagt, auch aus Sicherheitsgründen. Mich ins Auto gepackt und sie nach Prag gefahren und die Geschichte in Kurz ist, dass sie an der Grenze auch angehalten wurden, weil natürlich die Regierungen auf beiden Seiten auch schon sehr wachsam waren. Und wir hatten zum Glück damals eine Tante in der Tschechoslowakei und die wurde von der Grenze aus angerufen. Die wusste aber ja auch nicht, dass wir kommen. Also vermeintlich kommen und die Grenzpolizisten müssen bei ihr angerufen haben. Und die Tante oder die Verwandte hat glaube ich, schon verstanden, was hier eigentlich läuft und hat bejaht. Ja, ja, ich erwarte Besuch. Ich warte schon auf Sie. So sind wir durch die Grenze gekommen. Und dann geht das alles abenteuerlich weiter. Mit Auto am Stadtrand von Prag abstellen und über den Zaun der Botschaft usw. Aber weil du auch nach meiner Verbindung gefragt hast. Also ich glaube, was schon meine Familie geprägt hat und auch mich war also einerseits, dass man auch ein Schicksal so selber in die Hand nehmen kann. Das war auch was, was mir meine, besonders irgendwie auch meine Eltern so also mitgegeben haben. Manchmal gar nicht so explizit in Worten, aber so ein bisschen vielleicht einfach durch ihr Handeln und das schon auch irgendwie das Thema Freiheit in der Familie auch eine große Rolle gespielt hat, aber auch weniger, dass darüber am Abendbrottisch gesprochen wurde, sondern eher, dass man das so im Handeln ausgedrückt hat. Was auch nicht immer einfache Resultate hatte. Also meine Eltern sind auch sehr freiheitsliebend. Das kann auch manchmal dazu führen, dass man so ein bisschen sehr stark auf sich fokussiert ist. Und das war für mich als Kind auch nicht immer so ganz einfach. Ähm, aber auf jeden Fall war es schon so ein bisschen Familienthema, was ich aber auch erst später verstanden habe, dass das schon daher rührt. Ich selber kann mich an diese Zeit in der Prager Botschaft nicht erinnern. Ich war noch viel zu klein, ein kleiner Knirps und habe ja diese Anekdoten erst später auch erzählt bekommen, von meiner Mutter. Also zum Beispiel die, die Prager Botschaft füllte sich und füllte sich. Und die westdeutschen Diplomatinnen und Diplomaten mussten sich ja überlegen: Was machen wir denn denn mit diesen ganzen Leuten? Und es hat sich ja dann schon irgendwie auch da so eine Struktur entwickelt. Also zum Beispiel mein Vater, also nicht mein biologischer, aber der Lebensgefährte meiner Mutter, der mich schon auch geprägt hat. Die jungen Männer mussten also, die haben entweder draußen geschlafen oder an bestimmten Ecken. Und die jungen Mütter, inklusive meiner Mutter mit mir als kleiner Knirps, durften in einem dieser. Ja, es ist eine sehr schöne Botschaft. Dort in Prag durften, glaube ich, einen etwas schöneren Raum übernachten. Aber es war. Also man kennt das ja auch von den Bildern und ich kenne es ja auch nur von Bildern. Die Zustände waren schon irre und es war ja wirklich, wie du schon sagst, auch ein historischer Moment. Und dann war es natürlich noch mal besonders aufregend, als die Züge Richtung Bayern losgefahren sind, weil sie natürlich auch noch mal durch das Gebiet der DDR gefahren sind. Und man wusste gar nicht ja, kommt der Zug überhaupt an? Also das muss auch sehr abenteuerlich gewesen sein, bis wir irgendwann in Hof angekommen sind und das war sozusagen, ja, da beginnt dann auch irgendwie mein fränkischer oder mein bayerischer Weg sozusagen. #00:07:44-5#
Moritz Glenk: Auf den wollen wir auch gleich blicken und auch den Hörer*innen, den wenigen, die vielleicht deine Geschichte nicht so gut kennen, erklären, was dich eigentlich mit dem Frankenland verbindet. Nachdem du jetzt nicht direkt hier geboren wurdest. Was mich noch interessieren würde, ohne jetzt wieder den Blick zu weit von der Vergangenheit ins Heute zu spannen. Wie würdest du aber trotzdem sagen, hat es vielleicht auch deinen Blick auf Europa geprägt? Diese Erfahrung, also dieses Überwinden von Grenzen, vielleicht auch dein Blick auch auf spätere Initiativen wie Interrail und vielleicht noch als zweite Frage dazu. Warst du als Erwachsener dann jemals noch in der Prager Botschaft um dort noch mal quasi in deiner Familiengeschichte zu forschen? #00:08:37-9#
Martin Speer: Ja, also richtig gute Frage. Also das erste ist vielleicht zwei Gedanken. Das eine ist also an der Prag Geschichte lässt sich ja ablesen und das habe ich auch schon früh in der Familie gemerkt, aber dann vielleicht auch später in Heroldsberg, dass Individuen und wir Bürgerinnen und Bürger und also einen Unterschied machen können und unser Handeln das große Ganze beeinflussen kann. Und das ist da. Das geht auch nicht alleine, sondern das geht besser gemeinsam. Und die Prager Geschichte ist eine Geschichte von, wenn viele Leute gemeinsam etwas tun, dreht sich das Rad der Geschichte sozusagen weiter. Damals, hinter dem Prager Botschaftszaun waren so viele Leute, dass ich natürlich dem zur Folge, Das kann man ja alles in Geschichtsbüchern nachlesen auch so eine Drucksituation aufgebaut hat, dass die westdeutsche Regierung usw ins Handeln kommen musste, verhandelt werden musste. Und das zeigt irgendwie und da ist der Europa schon irgendwie auch so ein Europa Gedanke, der mir wichtig und auch Vincent Herr und uns gemeinsam wichtig ist. Also wir einzeln als Bürgerinnen und Bürger können Unterschied machen, wenn wir uns engagieren, wenn wir uns einbringen, wenn wir ausdrücken, was uns wichtig ist. Und das andere ist, ob ich nochmal da war. Also ich war mehrfach in Prag. Ich bin mehrfach um diese Botschaft auch rumgelaufen und ich war bisher aber noch nicht drin. Das will ich auf jeden Fall, Das steht noch so auf meiner Lebensliste. Aber ich habe schon allein beim Herumschleichen um das Gebäude also gemerkt, dass ich da auch was spüre, auch wenn ich mich nicht erinnere. Aber irgendwie zu wissen, dass man da als kleiner Knirps war und und die Eltern sicherlich irgendwie auch aufgeregt und voller Freiheitsdrang, aber auch irgendwie voller Angst, dass das hinterlässt schon irgendwie Spuren. #00:10:41-4#
Moritz Glenk: Wir wollen jetzt mal ein bisschen auf deine Spuren im Frankenland blicken. Du hast schon gerade gesagt, ihr seid dann in Hof angekommen. Niedergelassen habt ihr euch dann aber länger in Heroldsberg, hier gleich bei Nürnberg um die Ecke. Wie hast du es erlebt in Heroldsberg? Einerseits ist man natürlich auch jetzt nicht weit von Nürnberg entfernt, andererseits ... #00:11:07-0#
Martin Speer: Es ist auch ein bisschen eigen wieder. #00:11:08-6#
Moritz Glenk: Es ist auch wieder ein bisschen eigen, hat vielleicht einen überschaubaren Kosmos, als jetzt in Nürnberg, als mehr oder weniger Großstadt. Wie, Wie hast du es aufwachsen dann auch als letztendlich, sagen wir mal in Anführungszeichen Neuankömmling dort erlebt? #00:11:27-0#
Martin Speer: Aber in Herzberg gibt es schon auch erstaunlich viele, die nicht von dort sind. Also wir sind ja erstmal in Pechbrunnen gelandet. Das liegt in der Oberpfalz in einem wirklich ganz kleinen, sehr katholischen Oberpfälzer Dorf. Da haben wir erstmal drei Jahre glaube ich gewohnt. Was total spannend war. Also da kann ich mich auch dran erinnern. Und da waren wir, glaube ich, die einzigen Ostdeutschen sozusagen, die da zugereist sind. Und das war aber so ein kleiner, so ein kleines Dorf, dass da in Anführungszeichen die "Integration" sehr gut geklappt hat. Also für mich als Kind sowieso. Ich bin als Bub dann in den Kindergarten gekommen und habe mir das sofort mit dem Max, der hatte so einen großen Bauernhof, angefreundet und dann das war alles gleich gut und auch meine Eltern wurden da irgendwie gut aufgenommen. Und dann hat sich sozusagen beruflich da was getan. Und dann sind wir in Heroldsbach gelandet. Und auch da ich meine, ich war ja wirklich klein, bin in den Kindergarten gekommen. Und dann findet man irgendwie schon schnell Anschluss. Und ich finde deine Frage interessant, weil ich natürlich, ich habe natürlich schon gemerkt, ich bin ja jetzt kein Alteingesessener Heroldsberger, wo über Generationen, da man irgendwie mit dem Ort verwurzelt ist und die Leute sind ja auch untereinander verwandt und man kennt sich und so und gleichzeitig ist Heroldsberg glaube ich schon eine interessante Mischung, als Nürnberger Vorort hat es diese Mischung aus wirklich alteingesessenen Familien und und gleichzeitig ist es halt auch ein Ort, der ganz stark gewachsen ist, schon nach dem Krieg. Aber dann natürlich auch in den 80er, 90er Jahren, auch durch die Neubaugebiete und was es halt in anderen Orten gibt. Und das war halt so eine Durchmischung. Das war bei mir zum Beispiel in der Grundschulklasse auch so, wir hatten da also Schulkameraden von mir, die kamen aus Familien, die haben wirklich noch Landwirtschaft gemacht und sind ganz alte, verwurzelte Heroldsberger Familien. Und wir hatten auch viele, die sind in einer ähnlichen Zeit nach Herzberg gezogen wie ich und mein Freundeskreis war auch so durchmischt. Und das fand ich auch total spannend bei uns in der Grundschulklasse. Das war eine echt interessante Mischung aus Oberfranken, die das R viel besser konnten als ich. Und dann hatten wir aber auch welche, die sind also weniger Ostdeutsche, muss man sagen. Aber viele sind ja aus anderen Teilen von Bayern dahin gezogen oder aus Norddeutschland oder so, ja. #00:14:03-2#
Moritz Glenk: Also du hast keine, sagen wir mal, Fremdheitserfahrungen vor Ort erlebt. Man sagt ja auch - #00:14:10-3#
Martin Speer: Meine Eltern schon. Also ich nicht, weil ich war einfach zu jung und als Kind, also da wächst man einfach so rein. Aber meine Mutter hat mir rückblickend dann schon erzählt, dass sie, dass es für sie nicht immer ganz einfach war und. Und die ist natürlich noch viel stärker ostdeutsch geprägt, sozusagen als ich. Weil meine Mutter hat Ingenieurwesen studiert als Frau. Und als sie dann in der Oberpfalz gelandet ist, war das dort, glaube ich, in dem Landkreis einer der wenigen Ingenieurinnen, die es im Bauwesen da arbeiten. Und das ist wurde mit solchen Augen erzählt und auch immer angeschaut. Und das war natürlich in der DDR relativ normal, dass eine Frau auch Ingenieurin ist und im Bauwesen tätig ist. Und das war in das ging, glaube ich, ein bisschen so weiter, war dann aber natürlich schon ein bisschen anders als das da mitten am Land in der Oberpfalz. Aber sie meinte, sie hat das stärker gespürt, dass sie dann natürlich nicht ganz so in so ein klassisches Rollenmuster passte, was uns dann vielleicht später auch zu diesem Thema noch mal Männer und Frauen bringt. Weil in Heroldsberg bin ich schon in einer Umgebung aufgewachsen, die ist schon, die war schon sehr klassisch. Die meisten Männer arbeiten in Vollzeit, die meisten Frauen in Teilzeit oder sind zu Hause. Meine Mutter war da auch immer ein bisschen die Ausnahme. Meine Mutter hat eigentlich immer auch Vollzeit gearbeitet oder musste sie dann auch. Die Eltern haben sich dann später auch getrennt und damit war sie schon auch eine Abnormalität. Ostdeutsch. Ingenieurin. Vollzeit arbeitend hat. Sprich jetzt nicht das Fränkisch so und das war schon anders. #00:15:54-6#
Moritz Glenk: Man sagt ja auch im Frankenland oder im fränkischen Raum ist jetzt nicht ganz einfach mit der lokalen Mentalität neue Leute kennenzulernen. Die Offenheit hält sich vielleicht in Grenzen. Aber gut, das ist auch sicherlich an anderen Orten in Deutschland so. Aber für dich als Kind war es dann nicht so prägend, weil man dann da schon trotzdem auch über diese Grenzen hinauskommen konnte es anscheinend sich doch etwas diverser in Heroldsberg in der Gesellschaft vor Ort gespiegelt hat. Du hast ja jetzt schon einige Erfahrungen auch genannt. Auch deiner Mutter, die dich da geprägt haben. Was würdest du noch sagen aus Heroldsberg hatte ich auch für deinen weiteren Weg geprägt? #00:16:39-3#
Martin Speer: Ich glaube so zwei Dinge. Das eine ist die Nachbarschaftsfamilien. Ich hatte ja schon angerissen, ich bin in der Familiensituation aufgewachsen, die nicht immer ganz einfach war. Ich glaube, das lag auch einfach daran, dass der der Lebensgefährte meiner Mutter und meine Mutter auch ganz stark mit ihren eigenen Leben auch beschäftigt waren. Und ich meine, die hatten beide selber sehr intensive Leben, Biografien und, ähm, und das Gute ist, dass in Heroldsberg es wirklich so ein funktionierendes Gemeinwesen eigentlich gab oder vielleicht auch gibt. Und die Nachbarschaftsfamilien haben schon früh erkannt so ein bisschen ein Auge sollten wir auf den haben und haben mich hier und da auch immer unter die Fittiche genommen. Später immer stärker. Und also eine ganz prägende Sache In Heroldsberg waren einfach wirklich auch drei Familien, muss man sagen. Mit denen stehe ich bis heute in Verbindung. Die den kleinen Martin sozusagen auch immer wieder aufgefangen haben. Also vom Mittagessen über auch einfach da sein, Hausaufgaben beim Drüberschauen und so und das hat mich schon auch in schwierigen Familienlagen emotional und organisatorisch sozusagen aufgefangen. Ich weiß nicht, wie das gewesen wäre, wenn ich in Nürnberg aufgewachsen bin, aber vielleicht. Vielleicht gibt es sicherlich auch da diese guten Nachbarschaftsnetzwerke. Und das andere ist die damalige Bürgermeisterin, Melitta Schön. War da, wurde damals zur Bürgermeisterin gewählt und als ich Kind und Jugendlicher war, war sie eben im Amt und als eine der wenigen Frauen. Bis heute gibt es wenige Frauen in Bayern und generell in der Kommunalpolitik als Bürgermeisterinnen aber damals noch weniger. Und die hat das so eine fantastische Art, diesen Ort zusammenzuhalten und zu prägen und ist politisch eine sehr wichtige Figur, weil sie hat Heroldsberg. Die hatten früher in einer Papierfabrik, die ist dann weggegangen. Sie hat mit dafür gesorgt, dass Schwan-Stabilo den globalen Hauptsitz, dann in Heroldsberg, draußen auf der grünen Wiese baut. Die sind ja von Nürnberg rausgezogen aufs Land. Und sie war mit die Person, die dafür gesorgt hat, dass dieser Ort eine Zukunft hat, auch zum Beispiel mit Blick auf Gewerbesteuereinnahmen. Aber sie hatte auch eine ganz tolle Art, junge Stimmen sozusagen in ihre Politik zu integrieren. Und das ist so eine ganz wichtige Wegmarke auch für meine Biografie. Und wir waren damals mit der Grundschulklasse haben wir sie besucht. Das war Teil so ein bisschen das Lehrplans. Man hat halt da im Rathaus mal vorbeigeschaut, und dann weiß ich noch, die hat uns einen Schokoladennikolaus geschenkt. Das fand ich natürlich als Kind ganz toll. Das war mein erster Eindruck. Die Bürgermeisterin schenkt ihm Schokolade. Nein, aber sie hatte auch. Man hat schon als Kind gespürt. Die hat so eine offene Art, und die hört einem zu. Und wir haben dann über diesen Grundschulbesuch hinaus hatte ich auch das Bedürfnis, irgendwie mit ihr Kontakt zu halten. Und sie hat das, glaube ich, auch irgendwie erkannt. Und wir hatten, also wir sind. Bis heute stehen wir in einer engen Verbindung. Aber sie hat damals mich als Kind und Jugendlicher. Wir haben immer wieder Anknüpfungspunkte gehabt und später, als ich dann Jugendlicher war, habe ich regelmäßig mit ihren Termin ausgemacht. Sie hat auch so eine Jugendsprechstunde. Das sind jetzt nicht sehr viele aus dem Dorf hingegangen, aber der Martin schon. Die konnte sich dann schon immer darauf einstellen. Und dann hat die mich wirklich in Sachen eingebunden. Die hat also wirklich gesagt, Martin wir planen da irgendwie im Gruendlachtal einen neun Spielplatz. Schau mal, das haben wir so vor mit den Geräten. Was denkst denn du dazu? Was denken denn Kinder und Jugendliche darüber? Ich meine, das ist heute in der Kommunalpolitik. Ja, da gibt es ja Jugendparlamente und man versucht das ja stärker zu integrieren. Und sie war auch eine, die das schon früh erkannt hat. Und da habe ich schon gemerkt, ah du kannst irgendwie auch als normaler Bürger kannst du Teil von Politik sein, auch wenn du jetzt nicht im Gemeinderat sitzt. Und das lag, sie war als eine politische Figur, als eine der wenigen Frauen in diesem Amt. Als eine sehr integrative Figur hat sie mich schon wirklich stark geprägt. Wie kann Politik gehen? Wie kann Bürgernähe gehen? Wie kann Veränderung gehen? Und dann auch diese visionäre Kraft, die sie rückblickend hatte mit Schwan-Stabilo, mit diesem Rathausneubau, der Heroldsberg geprägt hat, mit der Renovierung der Gräfenberg Bahn, die jetzt mal wieder renoviert werden sollte. Also da ist vieles gut voran gegangen. #00:21:23-5#
Moritz Glenk: Spannend. Also, Melitta Schön hat einen großen Einfluss auf dich gehabt. Höre ich da raus? Anscheinend auch sehr visionär und integrativ. In Zeiten, in denen es noch nicht ganz so üblich war. Auch als weibliche Bürgermeisterin. Was ja auch nicht ganz so üblich war, gerade jetzt im ländlicheren Raum. Das heißt aber auch, da höre ich raus. Du, beginnend mit deinem Grundschulbesuch. So, dieses aktivistische, dieses Interesse Dinge zu gestalten. Dieses Interesse, sich zu beteiligen, nachzufragen, nachzuhaken, sich zu engagieren, das hat bei dir eigentlich schon sehr, sehr früh angefangen? #00:22:05-7#
Martin Speer: Ja, irgendwie aus sich heraus. Also ich komme. Also es war zum Beispiel, weil du auch gefragt hast mit der Familie. Es war bei uns. Über Politik zu reden war nie ein Familienthema. Also es gibt ja andere Familien, die die sitzen am Abendbrottisch und dann werden Sachen besprochen. Das war bei uns so nie das Thema. Es war irgendwie aus einem Interesse, aus, irgendwie. Das kam aus. Diese Neugier kam irgendwie aus sich selbst heraus. Und dann ist das eben auf dem fruchtbaren Boden oder besonders Melitta auf so einen fruchtbaren Boden gefallen, weil darauf reagiert wurde. Und ich glaube, wenn also was ich beim Älterwerden verstanden habe und vielleicht alle Leute, die so ein bisschen eine brüchige Biografie haben oder einen schwierigen Familienhintergrund. Also es wird mir jetzt immer bewusster, wie sehr man Energie daraus zieht, wenn andere Leute einen sehen oder man angenommen wird. Und von ihr wurde ich gesehen, wurde ich angenommen, wurde ich eingebunden. Und das war, also das war total schön. Und vielleicht ist das manchmal ja vielleicht auch irgendwie was. Da steckt ja vielleicht eine größere Lektion drin, dass man. Irgendwie immer schauen sollte, dass man irgendwie aufeinander Acht gibt. Und ich glaube, das hat in Heroldsberg wirklich gut funktioniert. Sei es durch die Nachbarsfamilien oder oder auch durch sie. Und das. Ja, vielleicht ist das in einer Zeit wie heute, wo auch viele Dinge wieder auf dem Spiel stehen, muss man halt auch schauen, dass man so aufeinander achtgeben. #00:23:39-6#
Moritz Glenk: Wir wollen auch später ein bisschen intensiver noch darüber reden, was heute alles auf dem Spiel steht, was sich gesellschaftlich tut. Das heißt bei den Themen Europa, Gleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit. Da könnte man wahrscheinlich sowieso stundenlang drüber sprechen. Und die Zeiten hat man ja das Gefühl, wir werden nicht mehr. Nicht besser. Zumindest um es mal so zu formulieren. Deswegen wollen wir uns jetzt auch nicht eins zu eins an deinem Lebenslauf entlanghangeln. Nichtsdestotrotz, du hast es ja auch schon mal angedeutet. Dein Lebenslauf ist jetzt kein Lebenslauf, wo man sagt, der fährt einen ganz geraden Weg. Das ist. Man sieht von Anfang an, wo es hinführt. Man sieht manches in deiner Biografie haben wir ja schon drüber gesprochen, ohne da jetzt im Detail drauf einzugehen. Wir haben auch davor noch mal dazu gesprochen, dass du dann noch mal mit einem Getränkeunternehmen unterwegs warst. Du hast eine Ausbildung gemach. #00:24:37-2#
Martin Speer: Genau, bei Schwan-Stabilo. Ja. #00:24:40-9#
Moritz Glenk: Und hast dann aber trotzdem noch mal ein bisschen anderen Weg eingeschlagen, ohne im Detail auf alle Stationen eingehen zu müssen. Aber wie würdest du diese Phase beschreiben? Die, die dann kamen, die dich dann doch noch mal auf relativ unterschiedliche Wegmarken dann auch zum Studium geführt hat? Wie was war? Was war für dich prägend in dieser Phase? Was war für dich prägend, dann auch nochmal so teilweise in die eine oder andere Richtung abzubiegen? #00:25:10-6#
Martin Speer: Ich ich glaube, es war ein großes Suchen und vielleicht auch aus dieser Instabilität daheim raus. Auch suchen nach, nach, Halt, nach Sicherheit, nach auch Unabhängigkeit und und und auch suchen vielleicht nach Gelegenheiten. Also auch meine Schullaufbahn war ich ja erst am Gymnasium, dann war ich in der Veit-Stoß-Realschule, dann war ich draußen, Herrnhütte an der Lothar von Faber an der FOS. Dann habe ich Industriekaufmann Ausbildung bei Schwan-Stabilo gemacht. Großartige Ausbildung. Also wer will, sollte sich da. Es ist wirklich ein toller Ausbildungsbetrieb. Genau. Und dann kam, war ich ein Jahr in den USA, habe angefangen zu studieren. Auch Vincent kennengelernt. Kann man vielleicht drüber reden und dann bin ich wieder zurück, weil eben dann diese Phase begann, wo ich mich mit einem Getränkeunternehmen, was ich mit einem Kumpel aus Beiersdorf angefangen habe aufzubauen, da sozusagen den Versuch gestartet habe. Und ich glaube, was sich da so durchzieht und das große Learning war schon immer. Ich habe schon immer gemocht, irgendwie Dinge selber zu machen. Und also die Idee irgendwie von Selbstständigkeit war schon immer irgendwie da, die war auch bei den Eltern. Das hat mich auch vom Elternhaus geprägt. Meine Eltern waren vielfach auch immer selbstständig und ähm, aber wenn ich eine Überschrift finden sollte, ist das irgendwie die große Suche. Weil es stimmt schon, wenn man von außen drauf schaut, ist das nicht ein Lebenslauf, wenn man jetzt eine kleine Tochter oder einen Sohn hat. Mach es wie Martin, würde ich nicht sagen, weil es ist wirklich ein sehr kurviger Lauf. Und ja, es war auch, es war auch eine Sinnsuche und ich glaube, viele Leute sind nach der mittleren Reife, nach dem Abi, nach der Ausbildung beginnt auch so eine große Suche. Was ist mir wichtig? Was will ich? Will ich ein Angestelltenverhältnis? Will ich selber was machen? Also das war auch bei mir das einfach ein großes Thema. Und ähm, aber was sich schon so durchgezogen hat und das war auch in der Ausbildung schon so und da bin ich auch meiner damaligen Ausbildungsleiterin dankbar. Die glaube ich auch so individuell. Also sie hat auch einen Blick wirklich auf mich gehabt und vielleicht auch ein bisschen auf dieses, ja diesen Familienhintergrund. Ich habe auch in der Ausbildung schon eine gewisse Freiheit gehabt bzw war da auch vielleicht schon ein bisschen so ein eigener Kopf. Und dieser Selbstständigkeitsgedanke. Also ich habe dann immer in den Grenzen, wie das in einer Ausbildung geht, habe ich schon auch versucht, da irgendwie was eigenes einzubringen und das hat sich glaube ich immer durchgezogen. Das ist vielleicht einer, eine der roten Faden, Fäden. Selber was machen. Selber was verändern. Neues auszuprobieren. Ja, genau. #00:28:22-1#
Moritz Glenk: Und jetzt hast du ja schon Vincent Vincent-Immanuel Herr erwähnt. Man kann ja, wenn man jetzt von außen drauf schaut, dich vielleicht noch nicht intensiver kennt, kaum sich über dich informieren, ohne an Vincent vorbeizukommen. Ihr habt ja auch eine gemeinsame Homepage, ihr habt gemeinsame Projekte, ihr habt mehrere gemeinsame Bücher veröffentlicht. Also da ist, auch wenn man jetzt mal ganz von außen draufschauen eine enge Verbindung vorhanden. Wie ist diese Verbindung? Wie kam diese Verbindung zustande, die sich ja doch sehr eng Zusammenarbeit, in auch sehr persönlichen Werken, in sehr persönlichen Kommentierung des gesellschaftspolitischen Geschehens äußert. Wie ordnest du das ein? #00:29:12-4#
Martin Speer: Wenn wir uns im Studium kennengelernt, in den USA. Wir waren in einem Jahrgang, also lustigerweise die einzigen beiden deutschen Jungs. Und klar, wenn du da im Ausland bist, da. Also das ist natürlich, da hat man sofort eine Verbindung. Und wir haben uns aber auch wirklich schon persönlich. Einfach gut verstanden. Und was auch durchkam, dass wir beide eine große Neugier hatten, was so gesellschaftliche Entwicklung angeht und Politik. Also wir haben schon sehr früh, auch in der Freundschaft immer gern politische Themen besprochen oder Gerechtigkeitsfragen oder was man verändern sollte. Oder Damals war ja Angela Merkel auch schon eine prägende Kanzlerin. Also über solche Sachen haben wir uns unterhalten und ähm, und aus der Freundschaft ist natürlich später. Wir sind immer noch gut befreundet und gleichzeitig ist daraus wirklich auch eine tolle, eine tolle Denk und Arbeitsdynamik entstanden, wo wir dann im weiteren Verlauf gemeinsam wirklich auch sehr aktivistisch wurden. Die Biografien haben dann auch nochmal getrennte Wege genommen. Also Vincent ist auch nach Deutschland zurück, hat Grundwehrdienst bei der deutschen Marine gemacht. Ich bin damals auch zurück und habe das Getränkeunternehmen aufgebaut und und. Aber wir haben immer schon auch eine Verbindung gehalten und waren aber immer auch thematisch sozusagen verknüpft. Und als er dann seinen Master fertig gemacht hat, ich entschieden hatte, auch so, also mit dem Getränkunternehmen, das echt nicht so meins, ich will wieder studieren und und also irgendwie stärker nochmal zu dem zurückgehen, was mir wichtig ist. Dann haben wir auch stärker angefangen, wirklich gemeinsam Themen voranzubringen, die uns wichtig erschienen und wo wir aber auch gemerkt haben, da gibt es echte. Da geschieht einfach zu wenig. Und als wir in unseren Zwanzigern waren, war zum Beispiel das Thema Generationengerechtigkeit echt eine Leerstelle. Und da saßen wir jetzt nicht am Tisch und haben uns überlegt, wo gibt es eine Leerstelle, wir müssen jetzt was machen, sondern es bestand einfach eine gesellschaftliche Notwendigkeit für die Interessen unserer Generation, sich stärker auszusprechen, weil es so wenige getan haben. Das war ja vor Fridays for Future usw. Damals wurde die Rente mit 63 verabschiedet, wo schon klar war, ist das jetzt so eine clevere Idee oder was macht das denn mit der jungen Generation? Und da haben wir also Generationengerechtigkeit, weil wir nämlich unser wirklich unser erstes großes Thema und da haben wir damals bin ich dann auch schon nach Berlin gezogen. Das war sicherlich auch noch so eine nächste Etappe. Und die Nähe da zur Politik war auch ganz großartig. Und da haben wir zum Beispiel Demonstrationen vom Bundestag organisiert, wo eine überschaubare Anzahl junger Menschen nur kamen. Es auch bezeichnend und haben uns für generationengerechtere Politik ausgesprochen. Eine Bildungspolitik, die die Interessen junger Leute stärker im Blick hat. Die Klimapolitik ging damals schon los. Es ging um genaue Fragen der Sicherheit, sozialer Sicherungssysteme und eine lustige Anekdote. Rente mit 63 echt kein Kassenschlager. Also auch damals. Wir waren dann ja irgendwie Studis. Gehst jetzt net bei dir in die Vorlesungen an der Hochschule und sagst, "Hey, ich organisiere heute eine Demo gegen die Rente mit 63 hast du heute Nachmittag nichts vor, Kommst mit?". Da kommen die wenigsten mit. Aber wir haben das trotzdem auch weitergemacht. Wolfgang Gründinger spielte auch eine Rolle, auch ein toller Autor und und auch Aktivist. Und da haben wir zum Beispiel damals eine Demo gegen die Rente mit 63 organisiert und auch beim ARD Hauptstadtstudio angerufen und gesagt "Wir machen hier was". Und "Wollt ihr nicht vorbeikommen mit dem Kamerateam?". Und am Ende waren wir, glaube ich, nur drei oder fünf junge Leute, die dagegen demonstriert haben. Und das ARD Team kam natürlich trotzdem vorbei und haben bisschen ein paar Bilder eingefangen. Aber die Kommentierung damals glaube ich, ich weiß nicht, welcher Sendung es lief, war ja dann. Ja, es gibt Protest, aber auch nicht so richtig. Also das ist ja auch irgendwie so lustig, so ein Thema. Aber also so richtig ist die Jugend halt. Ja, es war auch und dadurch ist auch das erste Buch oder einer der ersten Bücher #TUNWIRWAS entstanden, was einerseits beschrieben hat, wo und wie sich junge Leute aktiv einbringen, aber auch, wo sie erstaunlich still sind. #00:33:54-2#
Moritz Glenk: Ja, spannend. Du bist ja Jahrgang 86, ich 89, also nicht so weit voneinander entfernt. Deswegen kann ich das auch gut nachfühlen, dass es doch vor einigen Jahren noch so war oder vor 10, 15 Jahren, dass viele junge Leute sich genuin als unpolitisch bezeichnet haben und gesagt haben "Politik ist egal", man vielleicht auch in diese Phase abgerutscht ist, in der auch die deutsche Bundespolitik Angela Merkel auch versucht hat, Themen so ein bisschen zu verschleppen, so ein bisschen zu sagen, Wir können das alles abdecken, Konflikte abzuräumen, damit es auch bloß keine Diskussion gibt, wäre jetzt vielleicht noch mal ein anderes Thema, das zu diskutieren. Aber was ja wirklich interessant ist, auch wenn es jetzt vielleicht in Teilen der Jugend auch in schwierige Richtungen sich entwickelt, aber das ist ja eine hoch politisierten Jugend gibt, und das gab es zu unseren Jugendzeiten so nicht. Ich war auch sehr Politik interessiert. Habe dann auch ein Politikwissenschaftsstudium aufgenommen. Aber das. Die große Mehrheit der jungen Leute hat eigentlich gesagt Politik, was soll das? Warum soll ich mich damit beschäftigen? Ist nicht mein Thema. Das ist ja schon eine Entwicklung. Die die beeindruckend ist, wie sehr sich heutzutage junge Menschen mit Politik befassen. Die Fridays for Future Bewegung aber auch jetzt. Auch wenn man merkt, es gibt so einen leichten Gender Gap, sagen wir mal, dass es sich bei Frauen eher in eine andere politische Richtung entwickelt als bei jungen Männern. Aber wie nimmst du diese Entwicklung wahr? Wart ihr da auch einfach Vorreiter dieses Aktivismus? Wie? Wie erklärst du dir, dass heutzutage so viel mehr an Aktivismus bei den jungen Menschen vorhanden ist? #00:35:43-6#
Martin Speer: Du,- der Vorreiter bezeichnet,- Weil das das ist ja glaube ich irgendwie auch aus einer. Also Fridays for Future spielt sicherlich eine riesen Rolle als als eine Kraft, die da was in Gang gesetzt hat. Aber auch natürlich die sozialen Netzwerke, die ja in der Reichweite, in der auch in dem politischen Inhalt Inhalten eine viel stärkere Rolle gespielt haben als bei uns damals noch. Also das hat glaube ich echt viel mobilisiert. Und ich nehme es erstmal, auch wenn sich jetzt gerade das polarisiert, also rechts und links sehr, schon sehr ausgeprägt auch unter jungen Leuten. Finde ich das erstmal, auch wenn es für eine Gesellschaft schwierig ist, erstmal positiv. Weil da ist, da wird gestritten. Da gibt es auch wieder Unterschiede. Mir macht diese, dieses Auseinanderfallen junger Frauen und junger Männer, was ich auch im neueren Buch oder in dem wir gerade sitzen. Gehen wir da noch mal ein bisschen näher drauf ein. Also das kann einem wirklich Sorgen machen, wie diese junge Generation oder auch junge Frauen und junge Männer so ein bisschen auseinanderfallen und so eine Lücke klafft, die auch immer schwieriger zueinander finden. Aber aber ,dass unsere Zeiten so politisch sind, dass jüngere Leute auch darüber streiten, eine Meinung haben, eine Meinung äußern, das ist richtig klasse. Also das hat mir damals, glaube ich, auch gefehlt. Und ich glaube, Leute wie du oder auch oder auch wie andere, die sich damals schon auch aktiver eingebracht haben, die waren halt immer so ein bisschen auch die Sonderlinge, aber das war eine Ausnahme und das ist irgendwie schön, dass das halt jetzt, dass es mehr davon gibt. Ja. #00:37:31-4#
Moritz Glenk: Wir müssen uns ja nicht dem Vorreiterbegriff annehmen. Aber was natürlich eine hochspannende Geschichte ist, um da vielleicht noch mal den Bogen zu spannen. 2014, wenn ich das richtig sehe, hat so dein, euer Engagement begonnen zum Thema #FreeInterrai. Sich dafür einzusetzen, das war damals auch ein Spartenphänomen, wenn man es so ausdrücken will. Also es hat wohl jetzt nicht groß auf dem Radar wahrgenommen. Wie kam es zu dieser Zuwendung? Wie kam es dann zu dieser Zuwendung, auch zu Europa als einem Herzensprojekt, aber auch zu diesem sehr spezifischen Thema Zugfahrten, Interrail. #00:38:18-1#
Martin Speer: Integration. #00:38:19-2#
Moritz Glenk: Sichd dafür Einzusetzen? Es ist ja schon, also es ist jetzt kein Thema, das direkt auf der Hand liegt, sich dafür einzusetzen. Wie kamst du dazu und wie würdest du auch den Weg beschreiben? 2014 starten und dann dieses Thema tatsächlich zum Erfolg zu bringen? Dieses Discover EU Programm, wozu du auch gerne mal zwei drei Töne verlieren darfst. Das tatsächlich zu realisieren mit Unterstützung der Europäischen Kommission. #00:38:47-3#
Martin Speer: Und des Parlaments und der Nationalstaaten sowie die, die die großen drei Europas. Also der, der Sprung erstmal von der Generationengerechtigkeit zu Europa, der war relativ kurz, weil wir haben uns ganz stark für Generationengerechtigkeit eingesetzt, und das war damals derzeit Eurokrise, Jugendarbeitslosigkeit und Spanien und Griechenland, also in Europa irgendwie in Bewegung. Eine junge Generation, so auf der Abbruchkante und und uns war relativ schnell klar. Also wenn man irgendwie sich über die junge Generation Gedanken macht, macht das ganz wenig Sinn, das in so einem nationalen Silo zu tun. So nach dem Motto Deutsche Jugend und hm, sondern damals war das ja auch schon ein gemeinsames Europa, also muss man irgendwie auch aufschauen. Wo stehen denn junge Menschen in Europa? Und damals ist uns einfach die Idee gekommen, wir wollen in den Semesterferien mit dem Zug durch Europa fahren und einfach mal Interviews führen mit jungen Leuten, wie sie auf Europa blicken, welche Hoffnungen sie haben, welche Ängste, was ihnen wichtig ist und wie sie als junge Generation sich selbst wahrnehmen. Aber auch die Zukunft. Also das ist der Sprung von Generationengerechtigkeit zu Europa. Also den Blick geweitet. Und ja, wir hatten damals auch nicht einfach nicht viel Geld da so eine riesen Reise zu tun. Und wir haben einfach bei der Stiftung Mercator und bei der Heinrich Böll Stiftung uns mit zwei A4 Blättern Projektantrag gemeldet. Die hatten auch noch Rechtschreibfehler. Wenn ich da rückblickend reingucke und haben einfach gesagt. "Hey, wir haben diese Idee, wir wollen mit dem Interrail Ticket durch Europa fahren und Interviews führen". Und wir haben damals ja schon Zeitungsartikel geschrieben, auch schon für die Zeit, was auch so eine glückliche Fügung war, dass wir einfach sehr schnell in Medien auch einfache Artikel schreiben konnten, oder die einfach hingeschickt haben und dann an die angenommen wurden und auch gesagt haben, "Hey, wir fahren durch Europa und wir machen aber was mit den Ergebnissen". Und diese beiden Anträge wurden angenommen. Also wir haben von der Stiftung Mercator und Heinrich Böll auch ein bisschen Geld bekommen. Rückblickend sagt diese Projektmanagerin Verena Ringler, die heute in Österreich wieder lebt, tolle Europaarbeit weiter macht mit ihrer Agora in Innsbruck, dass sie gesagt hat. Also der Antrag war so ein bisschen zügig geschrieben, aber sie hat darin irgendwie was Tolles gesehen. Also es gab auch immer Leute, die sozusagen an uns geglaubt haben. Wir haben ein bisschen Förderung bekommen, Interrail Ticket gekauft und los ging's. Und dann sind wir 2014 durch 14 europäische Länder gefahren und haben mit hunderten jungen Leuten gesprochen. Und diese Reise hat uns wirklich tief verändert. Wir haben gemerkt, wie viel Einheit, gemeinsame Sehnsüchte, Hoffnungen auch über Grenzen hinweg in Europa liegen, aber auch, wo der Schuh drückt. Wie ungerecht es ist, ob du als junge Person in Spanien dein Leben beginnst, auf dem Balkan oder oder eben in Deutschland oder in Frankreich. Und also diese Einheit. Die Gemeinsamkeiten haben wir gesehen, aber auch die die Ungerechtigkeit. Wie zugänglich ist denn eigentlich Europa? Wer kann es erleben? Was erlebt man da? Welche Barrieren gibt es, die einen davon abhalten, das zu erleben? Was macht das mit dir, wenn du das erlebt hast? Und also da war auch, da kam schon so durch. Da sind auch Dinge ungerecht. Und die Europaerfahrung ist eine sehr elitäre Erfahrung. Also wer profitiert denn von Erasmus? Wer hat Eltern, die einen offenen Schüleraustausch schicken und sagen. "Bob super macht das. Finde ich gut". Und wer sagt, "Oh, ich bin mir nicht sicher. Bleib lieber zu Hause". Und die Free Interrail Geschichte ist, dass uns eben diese Reise sehr stark geprägt hat. Und wir saßen dann in einem Schnitzel Restaurant in Wien und vermittelt durch Verena Ringler konnten wir Zeit mit dem Autor Robert Menasse verbringen. Ein toller Autor schreibt bei Suhrkamp, auch starke Europabücher. Und wir saßen mit ihm zusammen im Schnitzelrestaurant, haben ihnen von der Reise erzählt. Und dann entstand in Wien im Restaurant der Gedanke und die Grundfrage. Wie wäre es denn, wenn jede 18-jährige Person zum Geburtstag von der EU Kommission, damals von Juncker unterschrieben, ein Brief bekommt mit einem Gutschein für ein 1 Monats Interrailticket und jede Person sollte das bekommen. Und nach unserer Idee hat man sechs Jahre Zeit, das Ding einzulösen. Und jede Person hat die Möglichkeit, durch Europa zu fahren, das zu entdecken, Europa zu spüren, weil wäre es bei uns damals auch schon was uns wichtig, was. Oder Die These war ja auch du kannst Europa und Europäerinnen und Europäer sein nicht durch ein Schulbuch erlernen. Du musst das selber entdecken und das beste Verkehrsmittel dafür ist der Zug und nicht der Ryanair Flug von A nach B fliegen, sondern von A nach B kommen. Aber durch C fahren und mit dem Zug durch Europa fahren ist eine ganz andere Grunderfahrung. Und aus dem Schnitzel Restaurant ging dann die Idee ihren Weg. #00:44:24-6#
Moritz Glenk: Und wie hat sich der Weg für dich gestaltet? Weil es war ja jetzt auch kein Weg von einem Tag auf den anderen. Auch da sieht man die die Schwierigkeiten des Aktivismus. Es ist oder das wo glaube ich dann auch viele auf der Strecke manchmal stehen bleiben. Weil natürlich gibt es. Man muss ja auch da sein und auch realistisch einordnen. Es gibt wahnsinnige Erfolgsbeispiele wie dieses, aber auch sehr viele Initiativen, die eben diesen langen Weg nicht schaffen, der ja gerade auf der europäischen Ebene immens schwierig ist, solche Prozesse durchzusetzen. Immens schwierig, sage ich mal in Brüssel. Diese Dinge anzustoßen mit den verschiedenen Nationalstaaten, mit dem Parlament, mit der Kommission, mit so vielen Akteuren, so vielen Lobbyverbänden drumherum. Wie hat sich dieser Weg für dich angefühlt? Und vielleicht trotzdem das erscheint mir auch griffig zu sagen, man kann Europa natürlich besser kennenlernen, wenn man auf der Reise von A nach B durch C fährt und vielleicht auch mal öfter durchs Fenster schaut, auch was anderes sieht als aus dem Flugzeug heraus. Aber hat es noch einen weiteren Grund für dich? Oder sage ich mal hattest du, hast du immer schon auch besonderen Zugang zum Zugfahren gehabt? Ist das für dich so ein Thema, wo du sagst im Zug, das ist einfach, da fühle ich mich wohl, da lebe ich auf da, da fühle ich mich einfach wohl? #00:45:48-3#
Martin Speer: Ja, also ich bin persönlich natürlich schon so ein kleiner Bahnnerd. Gräfenberg war ein kleiner Modellbahn zu Hause gehabt. Also ich hatte natürlich schon so eine Eisenbahnfaszination und Interrail als ein Ticket ist natürlich auch der Hammer. Also es gibt ja auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich das untersucht haben, wie dieses Ticket und der Austausch, also das Fahren von Millionen Menschen über Jahrzehnte einen Beitrag dazu geleistet hat, dass Europa sich von unten integriert hat. So nennen die das. Und das konnten wir ja selber sozusagen spüren auf der Reise. Und das lässt sich aber sozusagen auch in der europäischen Geschichte belegen, dass Interrail einen wichtigen Beitrag geleistet hat, dass Europa Zusammenrückt über die Verträge hinaus sozusagen in der menschlichen Praxis. Und das war ja für uns selber auch spürbar. Aber du hast Recht, dass so eine fixe Idee sozusagen vom Abendbrottisch den Weg durch die Institutionen findet und ein EU Projekt wird, war glaube ich eine Mischung aus ganz viel Probieren und auch Glück. Und weil wir hatten 2014 die Idee und die lag dann aber erstmal ein bisschen im Schreibtisch rum und, und wir haben erst nach paar Monaten angefangen mit der Idee, stärker zu arbeiten und haben zum Beispiel in der, der Zeit einen Vorschlag gemacht, wo wir die Idee ausgebreitet haben und beschrieben haben und gesagt und auch argumentiert haben. Also was ist das für eine Idee, welchen Effekt kann sie haben? Warum sollte jede junge Person das bekommen? Wie kann das Europa verändern und stärken und einen? Und dieser Zeit Beitrag hat schon für viel Reaktionen gesorgt. Und damals hat ein erster Parlamentarier im Europäischen Parlament, ein ungarischer Sozialdemokrat, diese Idee aufgegriffen. Und mit ihm sind wir dann auch in Kontakt gekommen. Und das war unser erster Anknüpfungspunkt an das Europäische Parlament. Aber mit der Idee, an die Öffentlichkeit zu gehen, und da hatten wir natürlich auch Glück mit der Zeit, war ein erster großer Schritt. Aber wir haben auch andere Sachen probiert. Also es gibt das Forum Alpbach, was in Europa Konferenz ist in Österreich und da war die damalige Transportkommissarin und und Vincent ist damals im Publikum bei der Fragerunde aufgestanden und hat ihr, als auch bei einer späteren Gelegenheit Frans Timmermans, der damals Vize Kommissionspräsident war, es war da in Berlin. Beiden Kommissaren hatte diese Idee kurz vorgestellt und die Frage gestellt, "Ja, was denken Sie denn dazu?". Und im Beispiel von Frans Timmermans. Der hat die Idee gehört, hat auf Vincent reagiert und hat diese Idee positiv bewertet und hat Frans Timmermans, Vize Kommissionspräsident, äußert sich positiv zur Free Interrail Idee. Das geschah sozusagen bei einer Veranstaltung in Berlin. Und was haben wir gemacht? Wir haben uns bei Politico gemeldet, dem Medium. Haben denen das gesteckt. "Oh, schau mal, da gibt es diese Idee. Frans Timmermans findet sie toll." Und die haben das in ihrem legendären Morning Briefing aufgenommen. Also, das war schon so ein bisschen einfach Aktivismus konfrontiere Politiker damit, steckt das dann den Medien. Und so hat diese Idee immer weitere Kreise gezogen. Mehr Parlamentarier haben darüber gesprochen. István Ujhelyi, dieser ungarische MEP, hat die Idee eingebracht in die ersten Gremien. Und dann, Schritt für Schritt, ging diese Idee durch das EU Parlament und hat aber auch Rückschläge gehabt. Zum Beispiel die Christdemokraten fanden die Idee am Anfang nicht toll, weil sie kamen ja aus dem Lager der Grünen und der Sozialdemokraten. Und das finden natürlich erst mal, lehnen wir vielleicht erstmal ab. Und, aber wir sind immer dran geblieben. Ein weiterer Artikel geschrieben. Wir haben eine Petition gestartet, wir haben einen offenen Brief formuliert, haben immer wieder auch die Nähe zu den Medien gesucht und haben. Wir haben Briefe nach Brüssel geschickt, die wir wirklich mit der Hand unterschrieben haben und einen schönen Briefumschlag. Also wir haben, wir waren auf Twitter, wir haben alle möglichen Dinge versucht, um auf allen Kanälen einfach für diese Idee zu werben, uns dafür auszusprechen. Und irgendwann, und das war ein wichtiger Moment, ist Manfred Weber damals oder immer noch Fraktionsvorsitzender der größten Fraktion im Europäischen Parlament, auf diese Idee aufgesprungen und hat sie in seiner Reaktion auf die State of the Union angesprochen und sich dafür ausgesprochen, Jede junge Person Europa sollte zum 18. Geburtstag ein Ticket bekommen. Und das war, glaube ich, so ein wichtiger Wegmarke, weil dadurch ist die Idee einfach ganz oben in der Politik angekommen. Und dann gab es eine Mehrheitsentscheidung und eine positive Abstimmung im Europäischen Parlament, die ja die Möglichkeit haben, der Kommission Vorschläge zu machen, auch ein eigenes kleines Budget haben, was mit dem sie zum Beispiel Pilotprojekte anregen können. Und das Parlament hat dann die Kommission aufgefordert, 2018 ein Pilotprojekt zu starten. Und das war der Beginn von DiscoverEU. #00:51:27-8#
Moritz Glenk: Spannend, spannend. Und da hat ja jetzt dann Finale eben seinen Erfolg gehabt. Auch wenn nicht. Noch nicht. Vielleicht sagen wir es mal so in ganz dem Ausmaß, dass alle 18-jährigen dieses Ticket bekommen. Was sicherlich eine tolle Zukunftsvision weiterhin wäre. Bei den aktuellen Haushaltssituationen, vielleicht auch nicht ganz, als Morgen vor der Tür stehend erscheint. Aber es gibt ja auch noch viele andere Interrail Programme. Wir beide haben uns kennengelernt, als ich noch im sächsischen Europaministerium tätig war und dann nach dem kurzfristigen Abgang einer Kollegin das sogenannte Saxo Rail Programm übernommen habe, wo der Freistaat Sachsen Interrailtickets an junge Menschen verlost hat, auch gezielt an Azubis, um auch die mitzunehmen. Aber der Freistaat Sachsen ist da ja nicht der einzige gewesen, sondern die gibt es auch hier teilweise in Orten in Bayern, in Hessen, in NRW. Also diese Idee hat eine ganze Schlagkraft, auch über die europäische Ebene hinaus, auf die nationale, auf die regionale Ebene entwickelt. Und ist ja ein absolut gelungenes Beispiel dafür, was man mit Aktivismus, aber auch mit einer gewissen Kontinuität, mit einem Dranbleiben, mit einem langfristigen Ziel verfolgen erreichen kann. #00:52:48-0#
Martin Speer: Und ich glaube, die großen Learnings waren also erstens, dass wie du sagst, so eine Idee entwickelt auch Strahlkraft. Dann entstehen diese regionalen Programme. Und ich glaube, ein großes Learning war für uns auch eine Idee. Muss man auch irgendwann auch loslassen können, in die Politik geben können. Das heißt, auch andere Leute arbeiten mit der Idee, was auch dann okay ist, aber auch, dass man. Also Vincent und ich sind ein Team, was uns immer geholfen hat, alleine nicht für sowas zu kämpfen. Aber auch das Free Interrail Team, da gibt es tolle Personen wie Robert Peter oder Verena Ringda und Nina Laurie. Wir hatten auch in an unterschiedlichen Orten andere jungen Personen Peter Natter aus Südtirol usw. Toll andere junge Personen, die sich dafür eingesetzt haben. Also vielleicht auch ein anderes großes Learning aus dem Aktivismus ist also dranbleiben, die Ideen teilen, auch loslassen können. Aber auch andere Personen einbinden und ihnen auch Raum geben, sich einbringen zu können. Und das hat auch riesig geholfen, dass dieses Momentum entstanden ist, dass auch mehr Schultern das dann getragen haben. Heute ist das DiscoverEU Teil von Erasmus plus. Es gibt rund 80.000 Tickets im Jahr, die an junge Menschen vergeben werden. Über 1 Million junge Menschen haben sich seit dem Beginn von DiscoverEU beworben. Über 400.000 Tickets wurden vergeben. Das ist sozusagen innerhalb der letzten Jahre rein zahlenmäßig zu einem der erfolgreichsten Programme in Erasmus geworden. Und wie es sich so abzeichnet, wird das Programm weiter, weiter wachsen. Der Westbalkan, auch die Ukraine kommen jetzt mit an Bord. Auch dort werden junge Leute die Möglichkeit haben, sich für diese Tickets zu bewerben. Sehr schön. Auch nächstes Jahr, wenn die Schweiz und Großbritannien auch wieder näher an Europa rücken Und auch wieder junge Britinnen und Briten und Schweizer werden die Möglichkeit haben, sich dafür zu bewerben. Also geht auch ein bisschen Geld in die Haushaltskasse. Aber das heißt, es ist eigentlich total für uns auch total schön zu sehen, wie diese Idee, die als Integrations Projekt auch gedacht war, auch so ihren Auftrag erfüllt. #00:55:07-5#
Moritz Glenk: Und du bist ja weiter sehr engagiert rund um dieses Thema. Ich fand es auch immer als riesige Unterstützung, wie du uns auch beim Saxo Rail Programm der Aufsetzung beim Freistaat Sachsen unterstützt hast. Andere Bundesländer da viel Initiative rein gegeben hast, so dass es hier in Deutschland auch als Thema weiterlebt und muss auch da persönlich sagen. Wir haben immer super Rückmeldungen von jungen Leuten bekommen, die Berichte geschrieben haben, die gesagt haben, auf die Art und Weise haben sie Europa noch gar nicht betrachtet. Also ein großes Erfolgsmodell. Ich hätte mal ein paar kurze Fragen an dich, eine kleine Schnellfragerunde mit der Bitte um kurze Antworten. Vielleicht starten wir erstmal mit einem kurzen Entweder. Oder. Heroldsberg oder Brüssel? #00:55:53-9#
Martin Speer: Heroldsberg. #00:55:55-5#
Moritz Glenk: Nachtzug oder ICE? #00:55:58-3#
Martin Speer: Nachtzug und der Wunsch, es würde mehr von ihnen geben. Aber es gibt noch einige legendären Europa und mit den Fahnen und mit dem Klackern der Schienen in Osteuropa in den Schlaf gebogen zu werden, ist was sehr Schönes. #00:56:13-2#
Moritz Glenk: Papierbuch oder eBook? #00:56:16-2#
Martin Speer: Ich bin ein Papierbuchtyp, weil ich so eine Person bin, die viele Markierungen macht. Und das geht gut auf Papier. Aber ich bin auch ein bisschen Old Generation. #00:56:26-9#
Moritz Glenk: Podcast oder Playlist auf langen Zugfahrten? #00:56:30-9#
Martin Speer: Oh, ich bin ein Podcast Typ. #00:56:33-5#
Moritz Glenk: Weiter mit der Bitte um kurze Antworten. Aber du kannst es gerne auch noch kurz begründen. Ist Europa für dich eher ein Ort, eine Idee oder ein Versprechen? #00:56:46-2#
Martin Speer: Boha. Alles drei. Und vielleicht am interessantesten finde ich das Versprechen, weil ein Versprechen einerseits was Definitives ist, also irgendwie was Fixes. Und gleichzeitig ist Europa ein Versprechen, was sich stetig neu entwickelt und jedes Mal neu beweisen muss. Das finde ich total spannend. Ein Versprechen heißt auch Das muss durch Praxis gelebt werden. Und das. Deswegen ist Europa, europäische Integration eine Daueraufgabe. #00:57:27-1#
Moritz Glenk: Eine andere Sache hast du schon angedeutet, aber in aller Kürze. Was kann eine Zugreise durch Europa vermitteln, was der Schulunterricht nicht vermittelt? #00:57:38-2#
Martin Speer: Dass wir ein gemeinsamer Raum sind, dass Grenzen fließend sind, manchmal auch fiktiv, menschlich. Aber wenn man durch die Landschaft fährt, merkt man, dass sie eben manchmal eben wirklich auch einfach nur menschlich gemachte Grenzen sind. Und die Zugfahrt ist eigentlich der beste Lehrmeister. Das zeigen uns auch Daten und Forschung. Wer eine Zugreise tut, wenn eine Interrail Reise tut, kommt als andere Personen zurück. Sprachkenntnisse werden besser, man wird selbstbewusster, man wird selbstsicherer. Junge Menschen können flexibler auf Situationen reagieren, lernen, vielleicht auch eigenständiger Probleme zu lösen. Das alles lässt sich tatsächlich nachweisen, zeigen uns Nachbefragungen bei DiscoverEU also, wer junge Menschen für ihr Leben prägen will, aus ihnen eigenständige, starke Persönlichkeiten machen will, der sollte sie auf Interrail schicken. #00:58:42-7#
Moritz Glenk: Wenn du morgen eine Sache in Europa verändern könntest, welche wäre das? #00:58:47-9#
Martin Speer: Eine Frauenquote fürs EU Parlament. Darüber haben Vincent ich auch mal interessante Sachen geschrieben. Aber das wäre wirklich toll. Und natürlich ein Interrail Ticket für jedermann und jederfrau. #00:59:05-1#
Moritz Glenk: Welche Zugstrecke in Europa sollte jede jeder einmal gefahren sein? #00:59:08-5#
Martin Speer: Darf ich drei Stück nennen? #00:59:10-1#
Moritz Glenk: Ausnahmsweise #00:59:11-5#
Martin Speer: Also Zürich rüber nach Innsbruck, über den da durch die Berge. Dann entlang der schottischen Küste von Dublin, hoch nach Nordirland. Wunderschön. Und was auch sehr faszinierend ist, sind natürlich die italienischen Küsten und besonders die Westküste von Genua runter. Wunderschön. #00:59:35-6#
Moritz Glenk: Mit welcher historischen Persönlichkeit würdest du dich gerne einmal auf eine Interrail Reise begeben? #00:59:44-3#
Martin Speer: Also tatsächlich mit Papst Franziskus. Das geht natürlich jetzt nicht mehr, aber ich fand ihn eine sehr interessante Person. In dieser Persönlichkeit und trotzdem in seiner Rolle, wo er irgendwie eine spirituelle Dimension hat. Und gleichzeitig geht es auch um Macht und Einfluss und Politik. Und da kommt vieles zusammen. Ich weiß gar nicht, ob der gerne Zug gefahren ist, aber den würde ich glaube ich gerne mal! Ich fahre gerne Speisewagen. Ich wäre gern mal mit Papst Franziskus Speisewagen gefahren. #01:00:17-2#
Moritz Glenk: Hat mich jetzt als Antwort tatsächlich überrascht, weil ob der Papst das progressivste Frauenbild hat? #01:00:24-1#
Martin Speer: Aber deswegen gerade auch. #01:00:25-8#
Moritz Glenk: Eine spannende Diskussion. Was sollten Männer morgen häufiger tun und auch seltener tun? #01:00:33-0#
Martin Speer: Ja, also da bin ich selber auch immer am Lernen. Ich glaube, wir könnten bessere Zuhörer werden und wir sollten weniger reden. #01:00:45-1#

Moritz Glenk: Wir beide wollen jetzt aber noch ein bisschen mehr reden, und zwar uns auch ein bisschen diesem Thema widmen. Ihr habt ja ganz unterschiedliche oder auch Bücher, die sich mittlerweile miteinander verbinden, dass man merkt da eine Entwicklung an unterschiedlichen Themen, die sich aufgetan haben. Und dieses Thema Geschlechtergerechtigkeit, Gleichstellung, das war dir ja schon quasi in die Wiege gelegt. Wir haben darüber geredet, Früh sehr wichtig. Du hast auch Persönlichkeiten in deinem Leben gehabt, wie die Bürgermeisterin, die ich sehr geprägt hat. Ihr habt zuletzt jetzt das Buch veröffentlicht, wenn die letzte Frau den Raum verlässt. Das Buch entstand ja aus einem Prozess, der eigentlich von Anfang an jetzt nicht nicht geplant war in dieser Buchveröffentlichung, der das aber angeregt hat, so dass ihr euch mit Männern zusammengesetzt habt. Ich glaube, ihr habt das bezeichnet. Korrigiere mich, wenn es falsch ist. Als Safe Spaces fand ich auch ein interessantes Wording dafür, weil man sich ja auch teilweise andere Dinge und dann Safe Spaces vorstellt. Aber Safe Space im Sinne, um sich offen austauschen zu können und vielleicht auch zu merken, eben wie der Titel des Buches sagt, wenn die letzte Frau den Raum verlässt. Was Männer wirklich über Frauen denken. #01:02:01-9#
Martin Speer: Mhm. #01:02:02-4#
Moritz Glenk: Also natürlich eine große Empfehlung auch an die Hörerinnen, die in dieses Buch mal reinzulesen. Aber vielleicht kannst du uns noch mal mitnehmen in diesem Prozess des Buches, wie es entstanden ist und wie dann dieser Moment kam. Dieses Thema in dem Buch, das mittlerweile ein absoluter Bestseller ist, dieses Thema in dem Buch noch mal umfassender aufzuarbeiten. #01:02:27-3#
Martin Speer: Es können sich die Hörerinnen und Hörer erstmal fragen. So. Wie kommen wir denn jetzt vom Zug und dem Europa zu Männern und Geschlechtergerechtigkeit? In unserem Kopf liegt das immer so sehr nahe. Weil ich glaube, dass in unserer eigenen Biografie so ein Thema ist und auch in den eigenen Familiengeschichten, Also ich eher abseits von der Bürgermeisterin, eher im konservativen Umfeld aufgewachsen. Also Melitta Schön war da eine progressive Figur, aber die die Welt, die sie umgeben hat, war anders. Ich war auch im Schützenverein. Mein mich Prägender. Die prägende Vaterfigur. Ähm, ja. Er ist auch eher bei dem Thema konservativ. In Heroldsberg haben die meisten Männer in Vollzeit gearbeitet. Die Mutter waren zu Hause und haben Sorgearbeit gemacht. Und ganz oft wurde das so als Selbstverständlichkeit hingenommen. Und bei Vincent war das Aufwachsen anders. Die Mutter Professorin, zu Hause wurde viel darüber diskutiert, der Vater macht Sorgearbeit und. Also Vincent und ich haben privat auch über diese Unterschiedlichkeit gesprochen, auch gestritten und und dann wurde es zum Thema, weil uns natürlich selber in unserer eigenen Reflexion als auch in der Arbeit aufgefallen ist und auch in der Europaarbeit. Krass, da sind erstaunlich viele Männer unterwegs, die da die Politik prägen. Aber zum Beispiel auf der Europareise ist uns damals schon aufgefallen in diesen Europa Büros, die es auch in der ganzen EU gibt, Europe direct usw. Da arbeiten hauptsächlich junge, engagierte Frauen, die sich wirklich die das letzte Hemd für Europa geben. Und die Männer sind auch schon nicht zurückhaltend. Also uns sind schon Geschlechterdynamiken damals aufgefallen und wir hatten damals der Zeit erste Gedanken formuliert, wie Männer sich dem Thema auch Feminismus Geschlechtergerechtigkeit nähern können. Und dieser Artikel hat auch sehr viel Aufmerksamkeit erfahren. Der hieß Deutschland braucht mehr Feministen. Und über diesen Artikel sind wir schrittweise auch noch mal stärker in das Thema reingewachsen aber auch haben an den Reaktionen gemerkt. Also da gibt es auch Handlungsbedarf. Also es ist doch erstaunlich, wir haben es mit so einer großen Gerechtigkeitsfrage, das ist glaube ich, ein roter Faden bei uns, zu tun. Und trotzdem gibt es bei vielfach von uns Männern so eine. Auch so eine Zurückhaltung bis hin zum Schweigen, bis hin zum Kleinreden des Themas. Und dann haben wir einfach gemerkt so, also da, da gibt es was zu tun. Wir haben, glaube ich, auch in der eigenen Reflektion, in den eigenen Familiengeschichten. Ja, also da kann man auch über viele Aspekte nachdenken. Und so sind wir da schrittweise. Ich will nicht sagen nicht reingestolpert, das wäre falsch. Wir sind schrittweise das Thema reingegangen. Aber wie du schon gesagt hast, das war nicht mit einem Masterplan, sondern mit einem intrinsischen Interesse und Gerechtigkeitssinn und Bedürfnis, dass sich da was verändert. Weil natürlich auch beim Nachdenken wir gemerkt haben. Ich habe bei meiner Mutter in der Biografie Dinge gemerkt, wo sie Nachteile hatte oder hart auf Widerstände mit Widerständen umgehen musste, weil sie eine Frau ist, in der Professorinnen Karriere von Vinzenz Mutter gab es Punkte, wo sie krassere Hürden auch erlebt hat, weil sie eine Frau ist. Die Leichtigkeit, mit der Vincent und nicht mit dem Zug durch Europa fahren und nachts die Tür im Nachtzug Abteil vielleicht offen lassen oder nicht. Können wir so leichtfüßig machen, weil wir Männer sind. So und sofort merkt man, es macht einen Unterschied. Und dann ging die Reise los bei diesem Thema. #01:06:31-7#
Moritz Glenk: Spannend. Ich glaube, und das schildert ihr ja auch ganz spannend und eindrücklich in dem Buch, dass viele Männer sich eben nicht bewusst sind, was diese geschlechterspezifische Diskriminierung, wie die eigentlich aussieht, weil man selbst von dieser Diskriminierung normalerweise nicht betroffen ist. Dass für viele ihre eigene Normalität eben die Normalität ist, die man auf die Gesamtgesellschaft Spiegelt die Vorstellung. Wenn es mir so geht, wenn ich mich frei bewegen kann, dann wird es Frauen auch so gehen. Wenn ich das selber nicht wahrnehme, dann habe ich vielleicht auch nicht das Gefühl dafür, dass dieses Problem existiert. Ich muss auch sagen, für mich war das. Ich habe eine Weile in Mexiko studiert und das war eigentlich für mich zum Ersten Mal, dass ich gemerkt habe, ich kann mich mal nachts nicht frei draußen bewegen. Ich habe Einschränkungen. Jetzt nicht, weil ich Mann bin, sondern weil die Sicherheitslage eine andere vor Ort war. Aber in Europa hatte ich immer diese freie Bewegung. Auch da wurde mir klar Auch das ist ein anderes Privileg, dass wir als das wir in vielen europäischen Regionen haben, dass sich zumindest Männer relativ frei bewegen können. Ein Privileg, das viele Menschen in Mexico nicht haben, dass sie viel mehr Vorsicht sind, gerade wenn die Dunkelheit einbricht, einfach eine ganz andere Zeitperiode ist, als wenn ich, das sage ich mal das Tageslicht erleuchtet. Hat mir dann trotzdem noch mal geholfen, über dieses Privileg zu reflektieren. Natürlich ist es schwierig, als man sich da eins zu eins Reinversetzen zu können. Was bedeutet das für Frauen? Wobei wir auch viele Statistiken haben, also die, ich sag mal, die die Kriminalstatistik, die klar legen. Wir haben natürlich auch das Problem in Deutschland. Das Wort Femizid wird hier so nicht erhoben. In Spanien ist man da ja zum Beispiel sehr engagiert dabei, hat eine explizite Statistik von Femizide. Hier wird oft von Gewalt in Partnerschaften gesprochen. Oder wenn man sich die mediale Berichterstattung anschaut, dann heißt es wieder ein Drama in einer Partnerschaft. Das wird dann so ein bisschen, hat schon fast so einen romantischen Anklang, obwohl es am Ende dann doch oft der Partner, der Mann ist, der gewalttätig wird, der zuschlägt, der im schlimmsten Falle vielleicht auch einen Femizid begeht. Wie kam das in den Gesprächen bei euch an die Wahrnehmung dieser Problemlage? Ihr beschreibt ja auch so bestimmte Typen von Männern, die sich sehr unterschiedlich. Ist Natürlich eine zusammenfassende Einordnung, wie diese Figuren aussehen. Ich kann jetzt nicht eins zu eins auf jeden so widerspiegeln, aber wie? Wie habt ihr das wahrgenommen in den Gesprächen? Obwohl ja eigentlich alles, wenn man will nachlesbar ist, auf dem Tisch liegt, vielleicht nicht immer persönlich nachfühlbar ist, das ist auch klar. Aber die Faktenlage liegt ja eigentlich klar auf dem Tisch. Auch zu anderen Themen, zum Gender Pay Gap dazu. Was ja auch schildert, wer. Wer macht eigentlich die Carearbeit? Wo ist da diese riesige Schieflage in der Gesellschaft? Wie habt ihr Männer da gerade Männer auch in Führungspositionen, die ja viel, die wichtig sind, weil sie eben viel entscheiden können in diesem Land. Wie habt ihr die wahrgenommen? #01:09:50-6#
Martin Speer: Also interessant ist, was du auch beschreibst ist ja, ich kann Dinge lesen und die sind so offensichtlich, vermeintlich und trotzdem kann es sich ganz weit weg anfühlen oder, oder die eigene Realität nicht so stark beeinflussen. Also alles was du sagst, die BKA Statistiken, die die, die, die immer die Lohnlücke, die es immer noch gibt, die die Sorge, Arbeitslücke und so, das ist alles sehr real. Es wird medial darüber berichtet und trotzdem, und das ist ein bisschen vielleicht wie bei Europa, es ist eben nicht das eigene männliche Leben im Schnitt und und und. Was ich vielleicht so selber nicht spüre, fällt mir auch schwer nachzuvollziehen oder darüber zu reflektieren oder ein Handeln davon abzuleiten und und damit man das sozusagen auch biografisch versteht. Vincent Ich habe angefangen, über das Thema zu schreiben. Erstmal Zeitungsartikel. Und darauf kamen eben auch Reaktionen von Unternehmen, die ab irgendeinem Punkt gesagt haben Ja, könnt ihr nicht oder wollt ihr nicht mal vorbeikommen? Wir haben bei dem Thema. Irgendwie kommen wir nicht voran. Können wir nicht was zusammen machen? Also auch, dass daraus dieses Buch wurde. Aber auch unsere Arbeit war auch wieder so ein, hat sich so irgendwie organisch entwickelt. Und eben in diesen Gesprächen über Jahre, in ganz verschiedenen Kontexten, also wirklich vom mittelständischen fränkischen Unternehmen über Rettungsdienste, über das Militär bis hin zur zu Banken und Versicherungen haben wir eben gemerkt, dass Männer oder wir Männer ist ein bisschen pauschal irgendwie eine gewisse Distanz zu diesem Thema haben, auch Schwierigkeiten haben, bestimmte auch Dynamiken im Alltag zu sehen. Unsere eigene Verbindung dazu auch wahrzunehmen. Und und und eben ins konstruktive Handeln zu kommen. Da ist man dann beim Male Allyship, also Männer als Verbündete immer die Idee. Wie kann ich einen konstruktiven Beitrag leisten? Und und das uns da immer wiederkehrende Reaktionen so ein bisschen kommen. Also ein Unverständnis, ein unterschätzen wie groß das Problem ist, ein kleinen Reden, ein Wegschieben. Oder bei uns im Unternehmen ist das nicht so! OderBei mir in der Abteilung ist das nicht so! Aber ja, drüben in der anderen Abteilung, die haben auf jeden Fall ein Thema, aber ich nicht! Und das selbst wir wohlmeinenden Kerle. Und ich finde, da kann man die Mehrheit auch dazuzählen, die es eigentlich eigentlich gut meinen. Dass auch wir trotzdem bestimmte Dynamiken, glaube ich, übersehen und unterschätzen. Und da sind uns eben, und das ist auch ein Kern des Buches, wiederkehrende Männertypen aufgefallen. Also wenn. Egal, wo man jetzt hingeht, in welches Unternehmen oder in welcher Behörde. Dass dann, wenn es um das Thema geht, an so einem fiktiven Tisch oder einen realen Tisch immer ähnliche Typen sitzen. Da gibt es den Alpha Mann, da gibt es den Statistiker. Ja, aber von wann ist denn die Zahl? Das kann doch nicht sein! Da wurden nur 1000 Leute befragt. Das Warum nicht 10.000? Und sofort beim anderen Thema. Oder Natürlich gibt es den Sexisten, der überzeugte Sexist. Aber es gibt auch den. Den Sexisten sozusagen. Oder den Wolf im Feministenpelz, der ist so ein bisschen verdeckt. Dann gibt es natürlich den Privatmann, der sagt Oh, Elternzeit, nein, da dürfen wir uns nicht einmischen. Das müssen Leute privat klären, da haben wir nichts mehr am Hut. Oder es gibt den Durchschnittsmann, der denkt Och, ich bin eigentlich ein guter Kerl. Das Problem ist doch nicht so groß. Und es gibt auch den stillen Mann, der ist auch interessant. Der sagt einfach nichts. Und trotzdem, wer nichts sagt, verändert auch nichts. Und und uns sind eben diese Männer Typen aufgefallen, die wir in dem Buch auch beschreiben? Und das eben auch noch mal mit Forschung untermauern. Was sagen uns Statistiken und Zahlen dazu? Es ist eine Mischung aus Anekdoten, eigentlich das Buch, aber auch gut fundierter Forschung mit einem ausführlichen Quellenverzeichnis. #01:14:10-6#
Moritz Glenk: Spannend. Also ich kann das Buch wirklich nur empfehlen. Was ich auch toll finde an dem Buch. Ohne jetzt zu sehr in die Loblieder zu greifen. Das ist aber eben nicht so ein verurteilenden Unterton hat, sondern einen erklärenden Forschenden. Auch nachzuhaken. Natürlich, wir wachsen alle in sexistischen Strukturen auf. In uns steckt auch etwas davon drin. Es ist wichtig, das zu reflektieren. Würde, um jetzt nicht selbst in meine Loblieder zu geraten. Vielleicht mal den NDR zitieren, der sagt "Herr und Speer wollen die Männer nicht an den Pranger stellen. Es geht ihnen vielmehr darum, typisch männliche Ängste und Sorgen, Stereotype und Fehleinschätzungen ehrlich vorzustellen, ernst zu nehmen und argumentativ zu entkräften". Ich habe auch das Gefühl, dieser Ansatz, dieses Nicht verurteilend anzugehen. Natürlich muss man diesen Sexismus problematisieren. Natürlich müssen wir alle Männer daran arbeiten. Aber ich glaube, dieses Rangehen, das Verstehen, auch das Aufzeigen kann ja vielleicht ein Weg sein, um mit dieser Problematik umzugehen. Du hast jetzt schon das Wort Male Allyship erwähnt. Das ist jetzt vielleicht nicht für alle unsere Hörer*innen sofort eingängig. Kannst du nochmal erklären, was macht denn eigentlich Male Allyship aus? Und was können Männer im Sinne des Male Allyship eigentlich tun, um aktiv zu werden, um auch einen Beitrag zu leisten? #01:15:45-7#
Martin Speer: Also Male Allyship ein englischer Begriff, aber männlicher Verbündeter bezeichnet erst mal Personen oder insbesondere Männer, die sich für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Sexismus einsetzen. Und das kann sich ganz unterschiedlich ausdrücken. Das beginnt erst mal damit, dass man versteht Es gibt eigentlich noch ein Thema. Es gibt Ungleichheit, es gibt auch Ungerechtigkeit also und und eine Ungleichbehandlung immer noch bei der Frage von Frauen und Männern. Und und ich kann und muss vielleicht auch als individueller Mann meinen Beitrag leisten, dass sich da was verändert. Und das beginnt, wenn auch so fünf Schritte, so ein bisschen wirklich mit dem. Mit dem Zuhören, dass wir bessere Zuhörer werden. Auch die Frauen, gerade in unserem Umfeld auch. Einfach mal fragen, wie sie das Thema wahrnehmen, was sie für Erfahrungen gemacht haben, wie wir unseren Beitrag leisten können, sich auch selber zu informieren, unabhängig von dem Buch. Gehen Sie mal bei Thalia oder Hugendubel oder in Jacob in die Feminismusabteilung. Da sehen Sie, sieht man erstaunlich wenig Männer Und dabei gibt es richtig tolle Bücher. Heike Specht, auch eine Fränkin, Alexandra Zykunov, noch Franziska Schutzbach, Jutta Allmendinger. Und einfach mal zuhören heißt auch lernen. Dann aber auch mit anderen Männern über so ein Thema sprechen. Ich glaube, auch ein Teil von Allyship ist auch mit anderen Männern öfter mal über das Thema reden. Wie oft redet man denn unter Männern über Sorgearbeit, über Gewalt von Männern und Frauen, über die eigene, das eigene Männlichkeitsbild, die Rolle des Vaters usw. Dann wirklich auch zu schauen, wie ist Sorgearbeit verteilt, weil es wirklich so ein großer Faktor ist. Also zu Hause, bei der Pflege, beim Bedürfnisse im Blick haben und aber wirklich auch. Natürlich das eigene Privileg, was du auch schon angesprochen hast, für Veränderungen nutzen. Also wenn wir dann auch in Organisationen sind und es gibt eine Veranstaltung zu dem Thema, tauchen erstaunlich wenig Männer auf, die denken sich so ein bisschen Oh, Geschlechtergerechtigkeit ist so ein Frauenthema, müssen die mal lösen, da muss ich mich nicht einbringen. Aber Male Allyship heißt auch zu verstehen. Das ist ein gemeinsames Thema und das braucht auch den gemeinsamen Einsatz, weil sonst verändert sich nichts, weil ganz oft liegt es ja leider nicht an den. Es liegt mehrheitlich nicht an den Frauen, dass sich nicht was verändert, sondern zu oft leider noch vielleicht auch an Männern, die ja diese Distanz zu dem Thema haben, vielleicht auch manchmal auf der Bremse stehen oder das Thema kleinreden. Und ich finde aber, du hast da einen ganz anderen wichtigen Punkt gesagt, nämlich mit weniger erhobenen Zeigefinger. Ich glaube, das ist ein Grundton in dem Buch. Und ich. Ich finde, die Debatte kann da auch mal mehr davon vertragen, dass sich Leute. Also da werden ganz schnell Mauern hochgezogen und Gräben eingerissen bei dem Thema. Und eigentlich brauchen wir das Gegenteil Abbau von Mauern, mehr Brücken. Weil wir kommen doch da wirklich nur voran, wenn wir in so einem gemeinsamen Dialog darüber sind. Und das heißt nicht zu verurteilen, schon auch klar zu benennen, was besser werden kann, aber nicht Leute von vornherein auszuschließen oder an den Pranger zu stellen. Weil ich glaube, deswegen haben auch viele Männer ehrlicherweise kein Bock auf das Thema, weil sie glauben ganz ehrlich, wenn ich da was sage, kriege ich nur auf den Deckel. Ich bin eh der Doofe, Das wird übertrieben. Und und das dass so was führt uns ja nicht zusammen. #01:19:23-8#
Moritz Glenk: Das führt uns nicht zusammen. Im Sinne der Frage des Buches, wie würdest du es beschreiben? Oder wie würdest du beschreiben wie verändert sich denn eigentlich die Atmosphäre, wenn die letzte Frau den Raum verlässt? Ich muss sagen, mir kommen auch persönlich schon Bilder hervor und es hat sicherlich auch jeder jeder schon mal erlebt, dass es auch atmosphärisch was verändern kann. Aber nachdem du all diese Expertise gesammelt hast, wie wie kann man das das fassen? Was macht das mit der Stimmung, wenn die letzte Frau den Raum verlässt? #01:19:58-9#
Martin Speer: Wir beschreiben am Anfang plastisch und im Buch so eine Situation. Das war auch in so einem relativ progressiven Unternehmen, wo am Anfang die Männer auch noch mit den Frauen so sehr positiv darüber gesprochen haben, wie wichtig ihnen das ist. Und da müssen wir was verändern. Und dann sind die Frauen aus dem Raum gegangen und auf einmal wird ja tief durchgeatmet. Und dann sinkt man mal so ein bisschen tiefer in den Stuhl und und Es wird aber auch anders über das Thema gesprochen. Dann. Dann kommen halt so Sätze raus. Ja, das wird doch eigentlich übertrieben, oder? Wir machen das doch nur, weil wir diese Quotenregelungen haben oder das machen müssen, aber eigentlich finden wir es selber doof. Man darf ja nichts mehr sage, oder Ähm, also bis hin zu solchen Situationen, wo auch sich Männer dann nicht mehr trauen, im Fahrstuhl mit einer Kollegin zu fahren. Das sind ja schon extremere Fälle. Aber es verändert sich einfach was. Weil Männer und Vincent sagt das immer so schön, dann ohne ohne Filter sprechen. Also und Männer unter sich sicherlich auch Frauen unter sich, reden einfach noch mal anders. Und dann kommen halt manchmal auch so Drachen aus der Mottenkiste, wo du dir gedacht hast Ach herrje. Also, dass sowas noch ein Thema ist. Hui. Und wir waren erstaunt und sind erstaunt unsere Arbeit, dass da mehr Sachen auch an die Oberfläche kommen, wo wir dachten ach, da sind wir schon weiter, aber da sind wir Gesellschaftlich eben oft noch nicht weiter. Diese Bilder, die wir übereinander haben, hängen erstaunlich tief oder hängen sehr, hängen erstaunlich fest und sitzen tief. Und deswegen bleibt das auch weiter eine wichtige Aufgabe und eine wichtige Arbeit. Also das Projekt der Geschlechtergerechtigkeit ist wirklich nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, es wird gerade eher noch mal mehr Arbeit. #01:21:53-4#
Moritz Glenk: Das ist natürlich ein spannender Punkt, den ich auch gerne ansprechen wollte. Wir haben ganz am Anfang schon mal darüber gesprochen, wie sich so ein bisschen jüngere Frauen und jüngere Männer von den gesellschaftspolitischen Einstellungen Auseinanderentwicklung entwickeln. Da gibt es ja auch viele Studien dazu. Das ist jetzt kein deutsches Phänomen, das ist, ich glaube, man könnte fast sagen, ein globales Phänomen, zumindest in der in Anführungszeichen westlichen Welt. Wie nimmst du das wahr? Weil gleichzeitig. Das wäre jetzt einfach meine persönliche Wahrnehmung. Hat sich schon auch was bewegt im Männerbild. Da hat sich schon viel getan. Sind wir eine andere Generation als vor 20 Jahren? Ist die heutige Generation teilweise. Man kann ja auch nicht alle in einen Topf werfen. Für manche Themen viel sensibler und für manche Themen auch im Umgang viel sensibler gibt es. Manche sagen. Du hast die berühmte Mottenkiste bemüht. Manche sagen, die vielleicht noch vor 10, 15 Jahren so gesagt wurden, werden so eigentlich weniger gesagt oder fast nicht mehr gesagt. Gleichzeitig gibt es aber bei einigen jungen Männern so einen extremen Drift nach rechts ins Autoritäre, auch in alte Männlichkeitsbilder, auch in das, was du schon gesagt hast. So eine gefühlte Benachteiligung, dass man sich auf der Verliererseite sieht, dass man eine alte Welt, die diese jüngeren Menschen eigentlich gar nicht kennen oder auch vielleicht nur imaginieren, die früher, wo früher alles besser war, sich zurückwünscht, in denen die Rollen klar verteilt sind. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr? Wie kann man die linear beschreiben? Ist da was, was tut sich da eigentlich gerade? Und was wartet da noch an großer Arbeit, um dieses Thema weiter zu bearbeiten? #01:23:42-4#
Martin Speer: Also eine Gleichzeitigkeit von Dingen und auch Entwicklung. Das zeigt sich in den Daten, aber auch in unserer Beobachtung oder Arbeit. Also das Du. Also das ist immer schwierig, so Generationen, also die Grenze sind fließend und auch jede Generation ist wahnsinnig fragmentiert. Und das sieht man auch bei Jüngeren, oder das sieht man in unserer Alterskohorte. Also da ist natürlich denken und und handeln wir vielfach anders als jetzt noch unsere Väter und jüngere Leute handeln wieder anders als wir. Und und gleichzeitig gibt es in jeder Generation irgendwie alles von sehr tradierten. Auch Rollenbildern über sehr progressive weiß ich nicht. Auch in unserer Generation. Männer, die lange Elternzeit nehmen, die. Auch in ihrer, in ihren Wahlentscheidung, ihren gesellschaftlichen Präferenzen das Thema stark priorisieren und andere, die das komplett gegenteilig tun und denken. Und das sieht man auch bei jungen Leuten. Bei Jungen ist halt interessant, dass in den Daten sich abzeichnet und es immer mehr auch verstetigt, dass jüngere Frauen in der Tendenz liberaler, progressiver sind in ihren Einstellungen, in ihrem Rollenverständnis, in ihren Erwartungen auch an ihre Partner und ihrem Wahlverhalten als junge Männer. Und die sich wirklich stärker in unserer Generation da auch so auseinander entwickeln. Und das wird interessant zu sehen. So ist das, was punktuelles oder verfestigt sich auch so ein Trend? Und was bedeutet das am Ende? Aber auf jeden Fall hat sich viel getan. Ich, was halt schon immer wieder interessant ist, das zwei Aspekte. Das eine ist der Faktor, wenn Kinder in die Familie kommen. Das Erstaunliche selbst auch in progressiven Familien man in erstaunlich tradierte Rollen wiederkommt. Und auch das zeigen ja auch Befragungen selbst bei Personen, die das eigentlich anders wollten, dann doch wieder in der traditionellen Aufteilung landen, auch wenn sie das eigentlich nicht richtig sich selbst für sich selbst wünschen. Und das andere ist natürlich Krisenzeiten und Zeiten der Transformation der Zeiten, wo tradierte Muster wie so eine Rückfalloption immer wieder stärker werden. Weil das sind halt schon genau die erlernten Muster und sich dadurch tradierte Rollen einfach wieder stärken. Und das zeigt so ein bisschen, warum wir gerade jetzt in unserer Zeit auch bei dem Thema weiter am Ball bleiben können und sollten und müssen, um auch die Fortschritte, die erzielt worden für Geschlechtergerechtigkeit, für Gleichstellung, um die überhaupt zu erhalten. Also ich meine, jetzt ist glaube ich, gerade fast manchmal die Aufgabe und das ist fast tragisch, dass wir überhaupt jetzt auch darum kämpfen müssen. Die Fortschritte, die erzielt wurden, zu verteidigen. Und weitere Fortschritte sind noch fast noch eine Überaufgabe oder noch was Zusätzliches. Also es ist auch eine Zeit, da steht das Thema gehörig unter Druck. #01:26:58-8#
Moritz Glenk: Martin, wenn heute jedermann nur eine Sache aus dem Gespräch mitnehmen könnte, woran er direkt mal ansetzen könnte, kann ein kleiner Punkt sein oder ein größerer Punkt. Eine einzige Sache, wo du sagen würdest, das wäre ein Schritt. Was wäre das? #01:27:19-3#
Martin Speer: Wir hatten es schon angerissen, aber weil es so wichtig ist, muss man es noch mal nennen. Und das ist das Zuhören. Also ein zentrales Element also für Wandel und für Dialog. Und das klingt so banal. Ach, wir hören den ganzen Tag ja einander zu und erzählen uns irgendwas. Aber gerade beim Thema Geschlechtergerechtigkeit stellen wir immer wieder fest, dass wir Männer dazu neigen, eigentlich nicht gut genug zuzuhören und und eine Offenheit und Dialogbereitschaft zu haben, auch wenn es bedeutet, dass das, was wir da vielleicht zu hören bekommen, auch unbequem sein kann oder wir auch merken, auch wenn wir es gut meinen, haben wir eben immer noch selber auch Themen, wo wir vielleicht Sachen übersehen. Und wenn wir Sexismus, wenn Geschlechterungerechtigkeit für viele von uns Männern so eine abstrakte Erfahrung ist oder manchmal gar keine Erfahrung. Dann ist das Zuhören die bestmögliche Art, wie wir eigentlich eine stärkere Nähe zu dem Thema aufbauen können und eben auch verstehen, dass unsere beste Freundin, unsere Schwester, unsere Mutter, unsere Kollegin, die wir mögen, das all diese Personen schon echt auch unangenehme, unbequeme, Energie ziehende Erfahrungen mit Männern gemacht haben. Und zur führen wir diese Gespräche nicht. Oder wenn wir sie führen, dann fühlen wir uns schnell angegriffen, gehen in die defensive. Und deswegen der ultimative Tipp Oder die Empfehlung öfter zuhören, tiefer zuhören, glauben und auch einfach mal öfter Fragen stellen wie nimmst du das wahr? Was in deiner Erfahrung? Wie bewertest du die Situation? Kann sich hier was verbessern? Was denn? Und passt vielleicht auch für viele andere gesellschaftliche Themen. #01:29:23-6#
Moritz Glenk: Über viele gesellschaftliche Themen kann man sich auch bei uns am Bildungszentrum informieren. Wir haben auch gerade erst unser Programmplanung, Veranstaltungsplanung noch mal weiter gestaltet für das zweite Halbjahr. Unter dem Motto "Streitkultur statt Sprachlosigkeit im gesellschaftspolitischen Bereich", haben dort einige größere Veranstaltungen als kleiner Werbeblocker, unter anderem ein neues Debattenformat "Zeitfragen", wo Karla Hinrichs unser erster prominenter Gast sein wird zum Thema Klimaschutz oder Wohlstand. Worauf müssen wir verzichten? Am 29. Oktober auch noch andere wunderschöne Veranstaltungen, die man bei uns auf der Homepage findet. Das als kleiner Blocker. Wir haben eine weitere Veranstaltung, darüber hatten wir vorhin auch kurz gesprochen. Der heißt "Not am Mann. Die Erfindung toxischer Männlichkeit". Eine Lesung mit der Autorin Eva Ladipo. Ihr Titel ist natürlich schon etwas provokant, könnte man so sagen. Die Erfindung toxischer Männlichkeit. Das würde ich sagen, provoziert erstmal so ein bisschen. Sie analysiert, wie Popkultur, Politik, Medien Männerbilder hinterlassen, in denen sich viele Jungen und Männer aus ihrer Sicht nicht wiederfinden. Wir haben das auch hier schon teilweise in der Mitarbeitenden kontrovers diskutiert. Wie? Du hast gesagt, du hast ja auch schon einen Austausch gehabt. Wie siehst du das? #01:30:58-1#
Martin Speer: Mhm. Also ich finde Ihren Debattenbeitrag und auch Ihr Buch bei Suhrkamp erschienen, ne bei Reclam wichtig. Auch wenn man darüber streiten kann. Aber in einem Punkt hat sie einen Punkt. Nämlich. Und deswegen gehen wir tatsächlich in unserer Arbeit auch mit Männern, in Unternehmen, in Behörden, beim Militär. Wir umgehen den Begriff toxische Männlichkeit, weil er der hat natürlich einen wahren Kern, also bestimmte männliche oder viele Männlichkeitsbilder sind auch nicht gerade gesundheitsförderlich und friedstiftend und vermittelnd. Aber der Begriff macht sofort auch eine Schublade auf und. Ihm kann man sich nicht. Ähm, ja. Also viele Männer machen sozusagen die Schotten dicht, wenn das Thema aufkommt, wenn der Vorwurf aufkommt. Und wir gehören auch eher zu einer Fraktion, die sagt, wir brauchen eher ein klares Benennen auch von Problemen, aber eben auch eine ausgestreckte Hand. Und es stimmt schon, dass es auch an Vorbildern und an Männlichkeitsbildern fehlt, die ja vielleicht auch eine andere Art der Orientierung bieten. Nicht, "Hey, du doofer Sexist" und "Alle Männer sind Sexisten" sondern auch im neuen Text, an dem wir arbeiten, sagen wir alle Männer handeln sexistisch, ganz oft auch unbewusst. Aber ein bisschen auch die Schärfe in diesem krassen Vorwurf rauszunehmen und zu schauen. Hey, wo sind denn auch die Punkte, wo wir uns im Dialog wiedersehen können und treffen können und gemeinsam auslösen können, loten können, was sich verbessern kann und sozusagen Fronten abbauen. Ich glaube, das ist ganz wichtig. Und deswegen sind Personen wie Sie auch wichtig, die Teil dieser Debatte sind. Und und ich finde, man muss einen Mittelweg finden zwischen dem Klaren und auch Unverblümten benennen, wo Handel und handelsweisen Denkweisen von uns Männern echt Schaden verursachen. Bei uns, in unserem Umfeld, bei den Frauen, die wir lieben, in der Gesellschaft, aber gleichzeitig die Tür auch so weit aufzulassen, dass wir uns auch da raus bewegen können und auch die Persönlichkeit nicht sozusagen der die Tür zuzuschlagen, weil wir es wir in unserer Arbeit und auch im letzten Buch ja so beschreiben ist. Wir Männer unterschätzen. Also das Problem von Sexismus, weil wir selber Sexismus nicht erfahren. Und daraus kann man Vorwurf bauen. Und gleichzeitig, dass wir es nicht erfahren, kann man uns nicht vorwerfen, weil wir eben in Systemen Umfeld leben, was auch von Sexismus leider durchzogen ist. Und wenn man diese persönlichen Vorwürfe abbaut und wir vielleicht selber, aber auch als Männer die Dinge nicht so persönlich nehmen, weil es gehören alle dazu, dann entsteht dann Raum für Wachstum und Fortschritt. #01:34:21-2#
Moritz Glenk: Ein spannender Punkt, auf den ich auch gleich noch eingehen will. Nur als letzter Werbeblocker am Rande bemerkt. Not am Mann mit Eva Ladipo wird am 3. Dezember dieses Jahres stattfinden als Lesung und sich gerne auch mit ihren streitbaren Thesen auseinanderzusetzen, ist Teil unserer Sachbuchreihe, die aus vier Lesungen in diesem Jahr in diesem zweiten Halbjahr stattfinden wird. Also gerne eingeladen an unseren in diesem Jahr auch strittigen Fragen, auch zur Wehrpflicht, auch zu den Kämpfen rund um die Kultur und auch zum Thema KI und Faschismus. Dass eine aktuelle Entwicklung, auch aus den USA kommt, die sicherlich spannend zu besprechen ist. Also unsere herzliche Einladung an die Hörerinnen, sich gerne mit diesen Themen am Bildungszentrum auseinanderzusetzen. Wir haben ja den Titel gewählt für die, für die Ausrichtung und für uns, für die Ausrichtung im zweiten Halbjahr. Streitkultur statt Sprachlosigkeit. Du hast jetzt schon angesprochen Die Tür immer etwas offen halten. Ist so eine Begründung. Für uns war auch Kommt noch genügend Diskurs zustande? Können wir mit denen, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, können wir die zumindest alle an den gleichen Tisch bringen und gemeinsam diskutieren? Und das war so ein Punkt, wo wir auch gesagt haben, nicht genug. Nicht genug, dass man teilweise eben auch bei unseren Veranstaltungen mit dem Publikum zusammensitzt, die schon in eine sehr gemeinsame Richtung gehen und dass wir den Raum möglichst weiten wollen, eine Streitkultur stärken wollen derjenigen, die sich für unsere demokratische Gesellschaft aus unterschiedlichen Richtungen mit unterschiedlichen Haltungen, Ideen, politischen Positionen einsetzen, mehr in den Austausch kommen können, den Austausch möglichst breit machen, um die Tür offen zu lassen. Für diejenigen, die es ja auch gut meinen mit unserer Demokratie. Wie siehst du die gesellschaftliche Streitkultur aktuell? Wie siehst du die Möglichkeit, auch aus unterschiedlichen Richtungen miteinander in den Austausch zu kommen? #01:36:31-4#
Martin Speer: Was ich auch positiv finde ist, dass in den letzten Jahren der Debattenraum wieder breiter geworden ist. Also der war auch zu eng. Also das da gehöre ich schon zu den Personen, die diese These unterstützen würden. Und gleichzeitig ist da viel geschehen. Also auch in diesem Land konnte jede Frau und jeder Mann auch immer schon sagen, was man wollte, aber es war. Aber wie offen das entgegengenommen wurde oder wie, wie konstruktiv man darüber reden konnte, das hat schon gelitten. Und das hat sich nach meiner Wahrnehmung verändert. Also man, man streitet schon jetzt wieder mehr und die die Kontroverse ist stärker. Und das ist aber gleichzeitig auch anstrengender geworden. Und nach meiner Wahrnehmung sind wir an so einem interessanten Punkt, wo wir, glaube ich, eine Wertschätzung dafür haben können, dass. Auch eine Gesprächskultur irgendwie breiter geworden ist und auch auch polarisierter. Und das sehe ich gar nicht so negativ, sondern entscheidend ist es glaube ich, das Und deswegen ist euer Beitrag auch so wichtig, was man jetzt draus macht. Und da stecken ja zwei Dinge drin dass man noch mal vielleicht tiefer lernen muss, weil wir schon eine sehr konsensorientierte Gesellschaft ja auch sind. Wie man mit dieser auch Unterschiedlichkeit untergeht. Und da geht es um umgeht und da geht es ja runtergeht. Wie man damit umgeht und wie man streitet und dass man vielleicht das noch mal wieder auch stärker lernen muss und auch aushält, wenn andere Dinge, Leute, Dinge anders sehen. Aber du hast auch noch mal gesagt, auf dem Boden des Grundgesetzes immer wieder im Blick zu haben. So was sind auch die Anker und die tragenden Säulen und das verbindet das. Da kommt man ja wieder auch zu unseren beiden großen Themen mit Europa und Geschlechtergerechtigkeit, weil auch das sind tragende Säulen im Grundverständnis unserer Gesellschaft, dass Europas Einheit, das ist auch in unserer Gesetze auf vielen Ebenen auch tief eingeschrieben. Zu einer Grundfeste gehört aber auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Und in dieser wachsenden, polarisierenden Zeit stehen diese Sachen auch unter Druck oder kommen auch unter Beschuss. Und das ist, wie ich finde, eine Chance, auch die zu verbessern. Aber sie müssen halt auch aktiv und vielleicht aktiver verteidigt werden. Also da steckt sozusagen eine Chance drin, dass die Sachen sich gerade so entwickeln, wie sie sich entwickeln und der Raum weiter wird. Aber Streitkultur und und weiter Auch ein Verteidigen der Grundfesten, das ist noch mal wichtiger geworden. #01:39:32-6#
Moritz Glenk: Ich hatte eigentlich schon versprochen, dass es der letzte Werbeblocker war, aber nachdem du mich da noch mal ein bisschen zu eingeladen hast, will ich trotzdem nicht verschweigen, dass wir auch explizite Formate im zweiten Halbjahr im Angebot haben, die sich genau dem Thema, wie kann man eigentlich miteinander streiten? Wie kann man aber auch anders miteinander in Austausch kommen? Etwa einen Debattierklub nach festen Regeln streiten. Haben ein Format. "Sprechen und Zuhören". Ein Dialogformat zur Erkundung gesellschaftlicher und politischer Phänomene, das nun mal auf eine ganz andere Art und Weise versucht, ohne Kommentierung einen ruhigen, vertieften Austausch statt eines Wortgefecht zu schaffen. Und auch "Betzavta" oder eine Methode der Demokratiebildung aus Israel stammt, die auf ganz andere handlungsorientierte Art und Weise versucht, einen Perspektivwechsel einzuleiten. Genauso wie unseren Diskussionskreis Politik, wo wir den Austausch miteinander, den Austausch mit Argumenten und die respektvolle, gemeinsame, wertschätzende Auseinandersetzung stärken wollen. Du hast vorhin schon erwähnt, ihr habt jetzt nochmal ein neues Projekt, ein Buch. Kannst du uns schon ein paar mehr Details nennen? In welche Richtung soll das gehen? #01:40:50-1#
Martin Speer: Ja, also wir haben vielleicht so zwei große Projekt und dann kommen wieder die Aufgaben zusammen. Das eine ist wir setzen uns natürlich dafür ein, dass das Interrail Programm und DiscoverEU weiter in eine gute Zukunft geht. Da wird ja gerade der mehrjährige Finanz und Haushaltsrahmen der EU gerade verhandelt. Und auch wie in Deutschland. Das ist gerade auch nicht so eine einfache Zeit, auch für . Ja, also die, die in den Haushalten, also das beschäftigt uns, dass weiter Europas Jugend diese Chance hat und vielleicht auch hoffentlich noch mehr Jugendliche. Und das andere Thema ist. Ende Oktober erscheint "doch alle Männer, was Frauen längst wissen und Männer nicht wahrhaben wollen". Und das ist ein weiteres Buch bei Ullstein, wo wir eben diesmal sehr, sehr viele Gespräche mit Frauen geführt haben und eigentlich den wohlwollenden Mann ins in den Blickpunkt des ins Zentrum des Buches rücken und wie Mann, mit doppel N, wird vielleicht auf verschiedenen Verhaltensarten/- weisen im Alltag dazu beiträgt, dass Geschlechterungerechtigkeit weiter eine Realität ist. Und wir schauen da besonders auch auf so Verhaltensweisen, die wir Männer ja dazu neigen, sie zu übersehen. Und in dem neuen Buch stehen weniger Männertypen wie beim alten oder beim aktuellen im Blick, sondern eher männliche Verhaltensweisen. Und da stecken wir sozusagen gerade noch im Lektorat und ein ganz spannender Prozess. Und da haben wir auch selber viel noch mal gelernt. Und da wurden uns selber auch noch mal die Augen geöffnet, weil die über 300 Frauen die Perspektiven und Erfahrungen dazu eingebracht haben. Da ging uns manchmal schon so ein Frösteln durch den Körper, als wir viele der Sachen gelesen haben. Weil für viele Frauen sind die Dinge vielleicht wenig überraschend, die im Buch stehen. In der Summe dann vielleicht doch noch mal überraschend. Für viele Männer ist das sicherlich ein Augenöffnendes Buch und und mit dieser Einladung, näher hinzuschauen. Das ist auch das, was das Buch versucht. #01:43:04-9#
Moritz Glenk: Da können wir uns schon drauf freuen. Wir neigen uns zwar langsam dem Ende des Gesprächs zu, würde trotzdem noch einmal, auch wenn das auch stundenlang diskutiert werden könnte, mit dir die aktuelle politische Lage diskutieren wollen. Der Podcast wird veröffentlicht werden Anfang September. Es ist jetzt noch ein bisschen hin, deswegen können wir noch nicht genau sagen, wie die Lage dann zu diesem Stand aussehen wird. Kurz nach Veröffentlichung des Podcasts wird es Landtagswahlen in Sachsen Anhalt geben, auch in Berlin und in Mecklenburg Vorpommern. Im nächsten Jahr haben wir Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Bei all diesen Wahlen steht zu befürchten, dass rechtsextreme Kräfte sich durchsetzen könnten, vielleicht in Deutschland auch erstmals ein Bundesland von einer rechtsextremen Partei regiert werden könnte. Alles noch hypothetisch. Aber auch der Blick auf die europäische Ebene, die dir ja besonders wichtig ist, wird auch Wahlen in Spanien, in Polen, in Italien im nächsten Jahr geben, wo die Blickrichtung schon auch eher so aussieht, als ob sich die Kräfteverhältnisse noch mal in eine andere, weniger europafreundliche Richtung. Um es mal vorsichtig zu formulieren entwickeln könnten. Gerade wenn wir natürlich auch daran denken, dass wenn man über Europa redet, wir auch vom deutsch französischen Motor sprechen, was vielleicht auch manchmal kurz gegriffen ist, aber die Schlagkraft Frankreichs für die europäische Idee gar nicht unterschätzt werden kann. Wie? Wie ordnest du diese Lage ein oder wie geht es dir auch damit? Es ist eine große Frage. Vielleicht aber ist es manchmal zum Verzweifeln. Oder wie? Wie siehst du diese Entwicklung? Mit ganz, ganz großer Beunruhigung? Oder findest du da auch irgendwo an anderen Punkten halt, wo du sagst Ganz untergehen wird die Welt jetzt auch nicht. Und es gibt doch noch die Hoffnungsschimmer, die dir da so ein bisschen Mut geben, weiter aktivistisch an den Themen dranzubleiben. #01:45:15-2#
Martin Speer: Ja, also ich bin ja von meinem Wesen eher so auch so ein unerschütterlicher Optimist und ich glaube, das sollte uns jetzt nicht verzweifeln lassen. Weil es ist glaube ich eher eine Einladung und eine Erinnerung. Also weiter am Ball zu bleiben. Und auch wenn sich die Rahmenbedingungen verändern an diesen Grundwerten, die uns wichtig sind, weiter am Ball zu bleiben. Ich Ich bin wirklich. Ich bin jetzt wirklich kein Experte für den europäischen Rechtsruck. Was ich aber aus dem Aktivismus gelernt habe, ist, wie wichtig es ist, Positionen auszuloten, die diese Grundwerte stärken und die aber auch von einer politischen Mehrheit getragen werden. Und ich darf vielleicht ein Beispiel noch dazu. Free Interrail wurde am Anfang von den Grünen und den Sozialdemokraten im Europäischen Parlament getragen und und nach vorne getrieben. Es wäre aber nie eine Realität geworden, hätten sich nicht Konservative und Liberale dahinter geklemmt. Und als wir dann verstärkt auch mit Christdemokraten und und auch der FDP und anderen liberalen Kräften gearbeitet haben, wurde uns damals noch von linkerer Seite, also hier und da auch Vorwurf gemacht. Ja, wie kann man das denn machen? Und ich finde, dieser Vorwurf ist schon Teil des Problems, weil eine Demokratie auch daraus besteht, weiter konsensfähig zu bleiben. So wird das natürlich mit den Landtagswahlen und dem Rechtsruck in Europa bekommt das noch mal eine ganz andere Dimension, weil das sind keine Mittigen oder mit Rechts Mitte rechts Christdemokraten Demokraten, sondern wirklich rechte Parteien. Und trotzdem habe ich irgendwie die innere Überzeugung, dass Dialog weiter möglich sein muss und wir weiter standhaft diese Werte verteidigen. Aber irgendwie auch. Nicht die Augen davor verschließen können, dass leider diese Kräfte zu zunehmende Mehrheiten bündeln. Und ehrlicherweise ist das eine suchende Antwort, weil ich auch nicht weiß, wohin uns das führt. Zum Beispiel mit dem potenziellen Sieg von Le Pen in Frankreich oder in Italien. Mal gucken, wie es da weitergeht. Ich meine, da gibt es ja auch diese sehr progressive Person aus Genua, die vielleicht auf der Landesebene eine wichtige Rolle spielen wird. Aber wie auch immer. Aber wenn wir jetzt in Phase kommen, in der Europapolitik stärker von rechts dominiert wird, wird deswegen, glaube ich, nicht die EU sterben. Aber die EU wird sich verändern und und ich glaube, es sollte uns noch stärker motivieren, für diese Idee zu kämpfen, aber auch eine Agilität zu haben, irgendwie mit dieser neuen Realität auch umzugehen und entweder ein kraftvolleres Gegenangebot zu machen, weil da also das ist ja auch. Man muss Mehrheiten gewinnen, man muss Bürgerinnen und Bürger gewinnen. Und da müssen wir entweder, wenn man sich eher in einer progressiven Richtung verortet, echt attraktive Angebote machen, die die Leute auch überzeugen und oder ich muss mir überlegen, wie erhalte ich eine Demokratie und diese Grundfeste und diese Grundwerte im Kern auch mit einer starken Rechtsdominanz. Und ich habe noch keine Ahnung, wie das gehen soll oder wie es funktionieren soll. Aber ich finde, wir sollten uns nicht entmutigen lassen und dieses und was ich auch manchmal. Ich finde, manchmal stellen wir unser Licht auch unter den Scheffel. Also die, die zum Beispiel oder auch Geschlechtergerechtigkeit ist eine richtig geniale super Sache und ich würde mir manchmal auch weniger Anklage und Klage wünschen, sondern irgendwie eine Kraft nach vorne, die auch positiver vermittelt, warum das wichtig ist, warum es uns da alle braucht und warum das auch weitergehen kann und soll. #01:49:45-0#
Moritz Glenk: Das ist ja eigentlich schon eine sehr positive Botschaft. Mit in diese Richtung würde ich auch gerne enden. Um dir vielleicht noch zwei letzte Fragen zu stellen und auch mit einem positiven Blick nach vorne enden zu können. Zum einen die Frage. Was macht ihr denn aktuell eigentlich alles gut in dieser Lage? Was macht der? Gibt dir Hoffnung. Vielleicht kannst du da noch mal zwei, drei Punkte benennen, wo du sagst Ja, da ist eine Kraftquelle für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie. Und zum anderen die Frage Ich denke, das Beeindruckende, was wir jetzt die Hörerinnen und Hörer auch rausgehört haben, aus aus dem Gespräch, was du alles mit Aktivismus bewegt hast, schon in deiner Lebenszeit. Was kann denn aus deiner Sicht jeder Einzelne noch mal jede Einzelne, jeder Einzelne auf die Gesamtgesellschaft bezogen noch mal als kleine Schritte machen, um sich zu engagieren für die Gesellschaft, für die Demokratie, für unser Gemeinwohl. Vielleicht da noch mal eine knappe Antwort wo du einfache Schritte siehst, die sich leicht umsetzen lassen, die jetzt vielleicht nicht Jahre jahrzehntelange Geduld brauchen, um Interrail Programm auf europäischer Ebene durchzusetzen, sondern wo man sagt, dass das diesen Punkt, den kann ich vielleicht schon heute oder morgen angehen. #01:51:09-7#
Martin Speer: Ja, zu deinem ersten Punkt Was macht mir Mut, wenn wir zum Beispiel in Unternehmen oder Behörden mit Männern arbeiten, die erstmal das Thema Geschlechtergerechtigkeit richtig doof finden und da so skeptisch sitzen oder die Arme verschränkt haben. Und dann aber schrittweise merken Oh, ist eigentlich ein ganz interessantes Thema, oder das hat ja was mit mir zu tun, oder Das kann mein Leben besser machen. Dann, also dann freut es mich immer total, dass ich da was verändert oder so ein Raum öffnet oder sich so ein Raum auch dreht. Und mir macht das Mut, dass selbst die, die erstmalauf den Bäumen hocken und das doof finden, von ihrem Protestbaum runterklettern und in den gemeinsamen Dialog kommen. Das macht mir jedes Mal so kleine Mutmomente, weil ich auch selber am Anfang auch eher eine Person war, die auf dem Baum saß. Und irgendwie weiß ich nicht. Ich habe mich auch angegriffen gefühlt von diesem Thema oder so, also es macht mir Mut. Und was kann man individuell tun? Und ich würde also ich glaube immer. An die Macht dieser kleinen Schritte und man muss jetzt nicht direkt seine Europaabgeordnete anschreiben und jetzt groß Europa verändern, sondern ich glaube, man kann im Kleinen wirklich im Lokalen, in der Stadtgesellschaft, im Dorfleben schon viel bewegen, indem man auch öfter mal einfach zum Beispiel mit den Personen im Rat oder die uns repräsentieren, welche in den Austausch geht. Weil was wir immer wieder auch von Politikerinnen und Politikern hören, ist. Also ja, bei uns melden sich Leute. Ganz oft melden sich aber Leute, weil sie sich über irgendwas beschweren und ganz selten melden die sich mit einer konstruktiven Idee oder einem Vorschlag, oder. Und das können wir, glaube ich, öfter tun, weil auch die Politik ist darauf angewiesen, dass wir uns beteiligen, unsere Ideen einbringen. Und das beginnt manchmal schon mit einer kleinen Email. Einfach öfter mal eine kleine konstruktive Email schreiben. #01:53:07-7#
Moritz Glenk: Das ist auch ein schöner Rat zum Schluss, uns konstruktiv am Gemeinwohl, an der Gesellschaft, an der Demokratie zu beteiligen. Lieber Martin, vielen, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Ich fand es wunderbar. Ich finde es wunderbar, wie du dich für diese vielen Themen einbringst. Weiß ich, woher du deine Kraftquellen nimmst, um an diesen 1000 Dingen gleichzeitig zu arbeiten. Vielen Dank, dass du da warst. #01:53:33-6#
Martin Speer: Ja, Franken ist auch so ein bisschen eine Kraftquelle. Also ich. Ich reise immer regelmäßig gerne dahin zurück, was mich geprägt hat. Der Wald rund um Heroldsberg, der Duft der Wiesen, die Menschen, die ich hier gerne habe. Und da sind wir eigentlich wieder am Anfang. Und selbst wenn man in Europa arbeitet, kann einem irgendwie die Heimat auch immer wieder Kraft geben und beide Dinge gehören zusammen. Und danke auch für eure Arbeit, die ihr hier tut. #01:54:02-6#
Moritz Glenk: Danke dir. #01:54:03-8#
Dieses Projekt/Diese Maßnahme/Initiative leistet einen wichtigen Beitrag, Nürnberg schrittweise inklusiver zu gestalten. Es/Sie ist Teil des Nürnberger Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Den Ersten Aktionsplan hat der Nürnberger Stadtrat im Dezember 2021 einstimmig beschlossen. Um die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in Nürnberg zu verwirklichen, wurden und werden umfangreiche Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Weitere Informationen finden Sie unter www.inklusion.nuernberg.de.

Der Autor und Aktivist über #FreeInterrail, Europa, neue Männerbilder und die Frage, wie aus guten Ideen gesellschaftliche Veränderung wird.
Martin Speer ist Autor, Aktivist und Mitinitiator von #FreeInterrail. Gemeinsam mit Vincent-Immanuel Herr entwickelte er 2014 die Idee, jungen Menschen ein kostenloses Interrailticket zu ermöglichen und ihnen damit Europa unmittelbar erfahrbar zu machen. Aus der zunächst ambitioniert klingenden Idee wurde schließlich europäische Politik. Im Gespräch erzählt Martin Speer, wie #FreeInterrail entstand, welche Widerstände es zu überwinden galt und was er dabei darüber gelernt hat, wie gesellschaftliche und politische Veränderungen möglich werden.
Dabei geht es auch um seinen persönlichen Weg: um seine fränkischen Wurzeln in Heroldsberg, die Fluchtgeschichte seiner Eltern aus der DDR über die Prager Botschaft und die Frage, welchen Einfluss diese Familiengeschichte auf sein Verständnis von Freiheit und Europa hatte. Martin Speer spricht außerdem über die langjährige Zusammenarbeit mit Vincent-Immanuel Herr, gemeinsames Schreiben und die Erfahrungen, die ihr gesellschaftliches Engagement geprägt haben.
Ein weiterer Schwerpunkt ist ihr Buch „Wenn die letzte Frau den Raum verlässt“ und die Frage, welche Rolle Männer auf dem Weg zu mehr Gleichstellung spielen können. Was bedeutet Male Allyship konkret? Welche überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit stehen Männern selbst im Weg? Und warum profitieren nicht nur Frauen, sondern auch Männer davon, wenn sich Rollenbilder verändern?
Ein Gespräch über Europa und Freiheit, gesellschaftliches Engagement und die Erfahrung, dass Veränderung manchmal mit einer Idee beginnt, die zunächst unrealistisch erscheint.
- Aktuelle Veranstaltung zum Thema „Streitkultur statt Sprachlosigkeit“ und der neuen Sachbuchreihe finden sich hier: Demokratie im Gespräch | Bildungszentrum Nürnberg
- Mehr Informationen zu Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr finden sich hier: https://de.herrandspeer.com/
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Aufgenommen am: 30. Juli 2026
Veröffentlicht am: Donnerstag, 3. September 2026
Moderation: Moritz Glenk
Im Gespräch: Martin Speer
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Alle weiteren Folgen von KontaktAufnahme – der Podcast des Bildungszentrums Nürnberg finden Sie hier. Einmal im Monat, immer donnerstags, erscheint ein neues Gespräch.
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